Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

夜の闖入 (Yoru no chinnyū) – Nächtlicher Einbruch

Nach dem Mittagessen ziehe ich mich zurück auf mein Zimmer, um meinem Bruder Yukio einen Brief zu schreiben. Ich berichte ihm von meinen Reisen nach Frankreich, Spanien und Deutschland, in dem ein oder anderen Nebensatz deute ich auch meine romantischen Begegnungen auf der letzten Reise an. Ich schreibe ihm auch von meinem Traum, in dem ich vermeintlich das Kusanagi gefunden habe und von den Erkenntnissen zur Herkunft meines Hauses in England. In diesem Zusammenhang bitte ich ihn, von Japan aus Erkundigungen zu einer Burg oder einem Burggelände aus dem frühen japanischen Mittelalter, etwa dem zwöflten oder dreizehnten Jahrhundert, welche in den letzten fünfzig Jahren an einen neuseeländischen Immobilieninvestor verkauft worden war, einzuholen. Der Name des Mannes sei Reginald Fletcher. Ich möchte wissen, um welche Burg konkret es sich dabei handelt. 

Als ich meinen Brief an der Rezeption aufgebe, bemerke ich draußen auf der Straße Senchō und Maikurofuto, die interessiert zu einem Gebäude auf der anderen Straßenseite hinüber spähen. Es ist das Büro der Thule-Gesellschaft. Als ich zu ihnen stoße, fragt Maikurofuto den Senchō, warum er eigentlich nochmals dort einbrechen solle und was Senchō für ein Problem mit diesen Leuten hätte. Senchō erklärt, dass diese Gesellschaft uns schon in den Pyrenäen auf den Fersen gewesen sei. Ich schaue Senchō fragend an. „Diese Typen, die uns in Jaca aus der Luft beschossen haben“, sagt Senchō, „die gehörten auch zu denen.“ Das ist mir jetzt neu, aber wenn das wirklich so ist, überlege ich, habe ich auch einigen Grund, diese Organisation nicht zu mögen.

Am späten Abend gegen 22:00 Uhr schreiten wir zur Tat. Wir fahren mit der Droschke vor besagtem Büro vor. Die Straßen sind menschenleer und die Lichter in den meisten Häusern sind schon erloschen. Nur das diffuse Licht der Gaslampen erhellt die Hauptstraße. Senchō und ich täuschen eine Fahrzeugpanne vor, während Maikurofuto mit geeignetem Werkzeug die Tür öffnet. Er verschwindet im Innern des Gebäudes, kommt nach einer Weile kopfschüttelnd zurück. „Keine Chance“, meint er. Senchō aber will sich damit nicht zufrieden geben. Er versucht selbst noch einmal, die letzte Ziffer der Tresorkombination zu ergründen. Ich halte derweil die Stellung und die Straße im Blick für den Fall eventueller unerwünschter Besucher. Nach einer Weile kommen meine Freunde mit einem Stapel Papiere zurück. Alles ist ruhig. Niemand hat uns gestört. Ruhig sorgt Maikurofuto dafür, dass die Vordertür des Büros wieder verschlossen wird. 

Zurück im Hotel sichten wir zusammen mit den anderen das geborgen Material: ein Brief, ein Gedicht, eine Zeichnung und die Beschreibung einer Stadt. In dem Brief bestätigt ein gewisser Dr. Aage Owe die Überstellung eines Leichnams in die Pathologie des Rikhospitalet in Kristiania an seinen Kollegen Abe Longard. Die Schreibweise läßt vermuten, dass Dr. Owe unter Druck gesetzt wurde, um die Überführung zu veranlassen. Senchō vermutet, dass es sich bei dieser Leiche um einen gewissen Snorg handelt. Es habe etwas darüber in der Zeitung gestanden. Unweit des Tempelrik war vor ein paar Tagen dieser Seemann tot geborgen worden. Dem Zeitungsbericht nach habe der Körper gläsern gewirkt. Augenzeugen Sprachen auch von Schwimmhäuten zwischen Händen und Zehen. Auch hatte Senchō mit Dr. Owe bereits über diesen Fall gesprochen. Der Doktor hatte ihm bestätigt, dass der Leichnam hier war, nun aber nach Kristiania verbracht worden war.

Das Gedicht spricht von einem gelben König, einem Kelch und einer Stadt am See. Die Zeilen rufen Erinnerungen an Erlebtes und Geträumtes in mir wach:

„Der gelbe König von Thule,
Gar treu bis in das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldenen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert‘ ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt‘ er seine Städt im Reich,
Gönnt alles seinen Erben,
Nur den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn hee,
Auf hohem Vätersaale,
Dort in der Stadt am See,
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensgluth,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Fluth.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken in den See,
Die Augen thäten sinken,
Trank nimmer, Ade.“

Tempelrik

Die Zeichnung zeigt einen Querschnitt des Tempelrik. Es sieht aus, als hätte das Riff im unteren Bereich Öffnungen, die in den Berg hinein führten. Das letzte Schriftstück, dass wir im Tresor der Thule Gesellschaft gefunden haben, weist ebenfalls darauf hin, dass unterhalb des Tempelrik mehr als nur gewöhnlicher Meeresboden zu finden sei:

„Der Felsen Tempelrik wird getragen von einer Unterwasserstadt auf Säulen. Ihr Name ist Y’ha-nthlei. Sie wird bewohnt von den Wesen des Wassers und unvorstellbares Grauen lauert hier. Aber auch eine Kraft, die es zu nutzen gilt…“

Wir überlegen für einen Moment, ob wir diesen Hinweisen weiter nachgehen und eine Tauchexpedition hinunter zum Grund des Tempelrik unternehmen wollen. Die Idee wird aber schnell verworfen. Nicht nur, dass die Beschaffung von Ausrüstung für ein solches Unterfangen wenigstens ein paar Tage in Anspruch nehmen würde – wir wissen auch nicht, wie uns dieses „unvorstellbare Grauen“ von Nutzen sein könnte. Zur Zeit sind andere Dinge von größerer Wichtigkeit. Dennoch fertigen wir zur Sicherheit Kopien und Abschriften der Dokumente an. Wer weiß, ob uns diese Informationen zukünftig nicht einmal von Nutzen sein könnten. Dann bringen wir die Papiere auf dem gleichen Weg zurück, wie wir sie herausgeholt hatten.