他我 (Taga) – Eines anderen Selbst
Am siebenten Tag des achten Monats im vierten Jahr der Regentschaft des Kaisers Kazuhito.
Kotarō sucht mich am Nachmittag auf. Er war bereits gestern auf die Burg zurückgekehrt – Hideyoshi hatte ihm sein Vertrauen geschenkt und ihn aus seiner Gefangenschaft entlassen. „Ujimasa“, sagt er, „können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?“
Ich schlage vor, einen Spaziergang zu machen, hinauf zum Heiligen Berg.
„Wie geht es Euch mit Eurer Situation, Dono?“, fragt er, als wir den Pfad hinaufsteigen.
„Es ist in Ordnung“, antworte ich, „wir müssen alle früher oder später gehen. Das ist der Lauf der Dinge.“ Kotarō mustert mich prüfend, als wolle er herausfinden, ob ich wirklich schon bereit bin, diese Welt zu verlassen.
„Der Tod ist nicht das Ende aller Dinge“, sagt er.
„Da sagst du mir nichts Neues, mein Freund“, erwidere ich ruhig. Der Anflug eines Lächelns huscht über Kotarōs Gesicht.
„Wir werden uns wieder sehen, da bin ich mir sicher“, sagt er, „wisst Ihr, wie ich Euch in einem späteren Leben nenne?“
Das ist eine ungewöhnliche Frage. Wie sollte ich so etwas wissen?
„Nein, das weiß ich nicht“, antworte ich. Kotarō nickt verstehend.
„In einem meiner zukünftigen Leben kenne ich Euch unter dem Namen Sanjūrō“, sagt er.
„Sanjūrõ…“, wundere ich mich. Mir sagt dieser Name rein gar nichts. „Warum erzählst du mir das, Kotarō?“
„Es ist kompliziert“ , antwortet er, „in dieser Zukunft haben wir ein Problem, das wir lösen müssen und uns läuft die Zeit davon. Wir müssen so schnell wie möglich zurück.“
„Du redest wirr“, sage ich, „ich verstehe nicht, wovon du sprichst.“ Mein alter Freund wirkt heute irgendwie verändert – es sind nicht nur seine Worte, sondern auch sein Wesen und vor allem sein Blick, die etwas an sich haben, das ich nicht einordnen kann. „Deine Gefangenschaft scheint nicht ganz spurlos an dir vorüber gegangen zu sein“, vermute ich.
„Nein, so ist es nicht“, erklärt Kotarō. Nach einer nachdenklichen Pause fährt er fort: „Ujimasa, was ich Euch jetzt erzähle, kann ich eigentlich nicht wissen. Es geht um einen Schrein, irgendwo in den Tiefe Eurer Burg. Eine Flamme brennt in seiner Mitte und zwei Säulen, die die Namen der Sonne und des Mondes tragen, säumen ihn. Es war Euer Schwert, das Kirishimo, das uns hierher gebracht hat. Vielleicht kann es uns auch wieder zurück bringen.“
Diese detailreiche Beschreibung des Heiligtums im verborgenen Untergeschoss des Burgturms macht mich stutzig. Kotarō kennt sogar den Namen des Schwertes, den ich selbst erst vor wenigen Tagen erfahren habe. „Wie kannst du davon wissen?“, frage ich verblüfft.
„Wie ich schon sage, das kann ich eigentlich nicht“, antwortet er, „ich weiß es, weil ich aus der Zukunft komme, aus Eurer Zukunft und aus meiner.“ Ich kann mir immer noch nicht wirklich vorstellen, was Kotarō genau meint, doch ich erinnere mich an das seltsame Erlebnis in der vorletzten Nacht, an diesen Brief, den ich nach Kyoto habe bringen lassen und beschließe ihm zu glauben.
„Was sollen wir tun?“, frage ich, „Was kann ich tun?“ „Lasst uns zu diesem Schrein gehen und nehmt euer Schwert mit Euch“, schlägt Kotarō vor, „und bitte, nehmt Yoshiro und Izumi mit. Sie sind mit uns zusammen hier angekommen und müssen ebenfalls zurück.“ „Einverstanden“, sage ich.
Wir gehen wieder hinunter zur Burg, suchen Izumi und Tanaka-san auf und ich führe sie in das verborgene zweite Untergeschoss, wo sich der Schrein befindet, dessen Flamme die Wände in Sternenlicht taucht. Ich lege das Schwert zurück in den Ständer, aus dem ich es vor ein paar Tagen genommen hatte, doch es geschieht nichts. Kotarō schlägt vor, das Schwert anders herum, mit dem Heft zur Säule der Sonne, anzulegen, doch auch das ändert die Situation nicht. Unverrichteter Dinge verlassen wir den Ort wieder.
Ich suche noch einmal das Gespräch mit Kotarō und erbitte von ihm einen Gefallen. „Nimm du das Kirishimo nach meinem Tod an dich“, bitte ich. „Wenn es Euer Wunsch ist…“, antwortet er, „was soll ich damit machen?“ „Das ist egal“, sage ich, „sorge nur dafür, dass Hideyoshi es nicht bekommt.“ Kotarōs Augen blitzen kampflustig. „Aber er darf es einmal sehen, bevor es für ihn unerreichbar wird?“ Eine schöne Vorstellung… „Wenn es dir Freude bereitet“, gebe ich grinsend zurück.“So soll es sein, Dono“, erwidert Kotarō.









