未来から (Mirai kara) – Aus der kommenden Zeit
Am fünften Tag des achten Monats im vierten Jahr der Regentschaft des Kaisers Kazuhito.
Am Vormittag erreicht mich eine Nachricht. Ein Feldbote steht vor den Toren. „Hōjō Ujimasa, der gefangene Shinobi wünscht euch zu sehen“, lautet die Botschaft. Ich lasse ein Pferd satteln, folge dem Boten in Hideyoshis Lager und werde dort zu Kotarō vorgelassen.
Mein Freund liegt in Fesseln und macht einen ziemlich geschundenen Eindruck. „Dono“, ruft er, als er mich sieht, „es stimmt also? Ihr habt Euch ergeben?“
„Ja, so ist es“, bestätige ich das Offensichtliche. Wie sonst hätte ich unbehelligt bis hierher durch Hideyoshis Lager kommen können. „Das habe ich befürchtet“, meint Kotarō und fährt dann fort: „Hideyoshi will, dass ich sein Gefolgsmann werde.“
„Und was willst du, Kotarō?“, frage ich.
„Ich denke, ich werde mich ihm anschließen“, antwortet er, „aber sagt mir zuvor, weist das Heft Eures Schwertes in Richtung der Sonne oder des Mondes?“
Es ist ein Geheimcode, auf den wir uns schon vor vielen Jahren geeinigt hatte. Eigentlich fragt Kotarō mich gerade, ob er seinen Auftrag, ein Attentat auf Hideyoshi zu verüben, fortsetzen oder ob er seine Bemühungen einstellen soll.
„Der Himmel ist voller Sterne“, antworte ich, „und das Heft meines Schwertes weist in Richtung des Mondes.“ Ich gebe Kotarō damit zu verstehen, dass der Auftrag nach wie vor besteht, dass aber keine Eile zu dessen Erfüllung herrscht.
Am sechsten Tag des achten Monats im vierten Jahr des Kaisers Kazuhito
Wo bin ich hier? Und warum? Es ist ziemlich dunkel – ich kann kaum etwas erkennen. Das fahle Mondlicht, das durch die Papierfenster einfällt, erhellt den Raum nur spärlich. Ich mache Licht. Es gibt keine Elektrizität – nur eine Öllampe. Es sieht hier aus, wie in den Räumen eines Feudalherren im alten Japan. Ist das…? Nein, das kann nicht sein! Oder vielleicht doch? Träume ich oder ist es echt? Vielleicht sollte ich mir eine Nachricht in die Zukunft schicken – oder nein, besser noch, an Yukio, meinen Bruder…
Ich hatte einen seltsamen Traum. Ich lief durch einen langen, schier unendlich wirkenden Gang aus roten Toren, an dessen Ende ich in eine Leere aus Licht stürzte. In diesem Licht erschien mir ein weiteres Tor, auf das ich mich schwebend zubewegte. Als ich dieses Tor durchglitt fiel ich in eine tiefe Dunkelheit.
Ich erwache schweißgebadet und richte mich benommen auf. Warum sitze ich an meinen Schreibtisch? Es ist dunkel draußen, doch es brennt ein Licht. Das Tintenfass ist geöffnet, die Schreibfeder liegt daneben auf einem beschriebenen Blatt Papier. Ich nehme das Schriftstück und erkenne meine Handschrift, doch kann ich mich nicht erinnern, diese Zeilen verfasst zu haben.
[simple_tooltip content=’Sinngemäß: „Bruderherz“. Onii bezeichnet explizit einen älteren Bruder, der Suffix -chan kennzeichnet eine Kose- oder Verniedlichungsform‘]“Onii-chan“[/simple_tooltip], beginnt das Schreiben. Auch das ist seltsam. Ich habe keinen älteren Bruder und wenn, dann würde ich ihn kaum in einer derart respektlosen Art und Weise ansprechen. Doch ich lese weiter.
„Erinnerst du dich an den kleinen Wald auf dem Berg hinter dem Garten unserer Eltern in Mito? Dort haben wir oft zusammen mit unserer Schwester gespielt, als wir klein waren. Wir hatten uns aus Ästen und Zweigen eine Burg gebaut, ein geheimer Ort, der nur uns Kindern gehörte.
Ich schreibe dir heute aus einer Zeit, die längst vergangen ist, länger noch, als unsere Kindheit. Wenn ich es richtig sehe, wird in zehn Jahren das neue Shogunat errichtet werden, sofern meine Anwesenheit hier den Lauf der Geschichte nicht verändert. Oda Nobunaga ist bereits seit einigen Jahren tot und Toyotomi Hideyoshi hat gerade die Kapitulation der Hōjō in Odawara erzwungen. Hier bin, nein, war ich ein Daimyo und man nennt mich Ujimasa. An meiner Hand trage ich einen Siegelring. Er zeigt das Mitsu Uroko, die drei Schuppen, das Familienwappen der Hōjō. Warum das so ist, weiß ich nicht, doch es hat irgendetwas mit dem zu tun, das im Keller meines Hauses in England verborgen liegt.
Vielleicht hältst du das für einen Traum oder eine Phantasie – ich bin mir selbst nicht sicher – aber wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, ist das der Beweis, dass ich nicht nur träume. Er wird auf dich warten, im Großschrein der Inari in Kyoto, bis du ihn abholst. Zu dieser Zeit wird Yoshihito, der japanische Kaiser sein. Die Worte [simple_tooltip content=’Die Sterne sind das Licht‘]’Hoshi wa Hikari'[/simple_tooltip] sollen dein Schlüssel zu diesem Mysterium sein.“
Immer wieder fliegt mein Blick über die Zeilen, doch je öfter ich sie lese, desto weniger Sinn ergeben sie für mich. Was hat das zu bedeuten? Ist das eine Nachricht aus einem meiner zukünftigen Leben? Vielleicht ist es wichtig, dass ich dafür sorge, dass sie erfüllt wird? Ich bin zu müde, um jetzt darüber zu entscheiden. Ich lösche das Licht und lege mich zum Schlafen nieder.
Als ich erwache ist es bereits hell. Ich fühle mich erholt und ausgeruht. Der Brief liegt noch immer dort, wo ich ihn gelassen habe. Das war also kein Traum. Noch einmal lese ich die Zeilen und dann weiß ich, was ich tun will. Ich nehme den Brief und lege ihn zusammen mit meinem Siegelring in eine verzierte Bambus-Schatulle. Später übergebe ich das Päckchen an Kotarō. Er soll es Kyoto zum Inari-Großschrein bringen soll. „Richte ihnen aus, sie mögen das Päckchen verwahren, bis in der Zeit des Kaisers Yoshihito jemand kommt, der die Worte ‚Hoshi wa Hikari‘ spricht. Ihm soll dieses Päckchen übergeben werden“, trage ich ihm auf.









