Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

現時に帰還 (Genji ni Hikan) – Zurück in die Gegenwart

Am Morgen des elften Tages des achten Monats im Jahre vier des Kaisers Kazuhito – Ujimasas Todestag 

Es ist soweit. Der Tag, an dem ich von der Welt der Lebenden in das Totenreich, das Yūmei, übertreten werde, ist gekommen. Gestern am frühen Nachmittag ist mein Bruder hier eingetroffen, um heute mit mir gemeinsam den letzten Weg anzutreten. Am gestrigen Abend habe ich ein schlichtes Bankett für den engste Familienkreis und meine nächsten Vertrauten ausrichten lassen, um ihnen meinen Tribut für ihre Loyalität und Verbundenheit zu zollen. Um die Mitternachtsstunde zog ich mich zurück, verbrachte die Zeit bis zum Morgen in Stille und Meditation und befreite mich von jedem bitteren Gefühl. Jegliches Empfinden von Hass, Vergeltungsucht und Reue hat sich in Nichts aufgelöst.

Die Sonne ist bereits aufgegangen – noch eine Stunde bis zu meinem letzten großen Moment. Ich steige allein hinauf zum Schrein der Vergangenheit auf dem Heiligen Berg, um mich in Ruhe darauf vorzubereiten. Ich lege die weißen Roben an, um damit die Reinheit meines Herzens und meiner Seele zu demonstrieren. In meinen Händen halte ich ein Stück Papier, auf dem ein Gedicht zum Anlass meines Todes, das ich in der letzten Nacht verfasst habe, geschrieben steht.

Die Trommeln beginnen zu schlagen. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Ich habe keine Angst, doch eine gewisse Unsicherheit bleibt. Wer weiß schon, was kommt, wenn wir diese Welt verlassen… Wir haben zwar unsere Vorstellung davon, doch niemand kann sagen, was wirklich geschieht, wenn die Shinigami uns ereilen.

Ruhig und bedächtig schreite ich zum Ritualort, der für meine Selbstentleibung vorbereitet wurde. Mein Bruder Ujiteru tritt vom Turm des Mondes aus auf den Platz. Auch für ihn gibt es einen Ort für sein Selbstopfer. Er hat unseren Bruder Ujikuni zu seinem Kaishaku-nin erwählt.

Ich lasse meinen Blick über die Anwesenden gleiten. Meine einzige Tochter Osen – sie ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten – ringt mit den Tränen. ‚Ich werde nicht weinen, Vater‘, hatte sie mir versprochen und kämpft nun tapfer, um dieses Versprechen zu halten. Kotarō steht regungslos in den Reihen der Wartenden. Er nickt mir ehrfürchtig zu, als unsere Blicke sich begegnen.

Ujinao hat bereits seine Position als mein Kaishaku-nin eingenommen. Sein Schwert wird einer rituellen Reinigung unterzogen. Ich knie vor den Ritualtisch, auf dem ein in Papier gewickeltes Wakisashi und eine brennende Öllampe platziert wurden, nieder. Es herrscht absolute Stille. Selbst die Vögel haben ihren Gesang eingestellt. Hideyoshi sitzt an der Stirnseite des Ritualplatzes und gibt das Zeichen zu beginnen. Mein Bruder trägt die Zeilen seines Todesgedichtes vor, dann ist es an mir. Ich nehme das Schriftstück und lese die Zeilen mit fester Stimme laut vor:

雨雲の
(Amekumo no)
おほえる月も
(ohoeru tsuki mo)
胸の霧も
(Mune no kiri mo)
はらいにけりな 
(Harai takeri na)
秋の夕風
(Aki no yū kaze)

我身今
(Wagami ima)
消ゆとやいかに
(Shōyute yaika ni)
おもふへき
(Kamo fu hiki)
空よりきたり
(Sora yori kitari)
空に帰れば
(Sora ni kirema)

(Herbstwind am Vorabend
Blas’ hinweg die Wolken, die sich zusammenballen
vor des Mondes reinem Licht.
Und die Nebel, welche unseren Geist trüben,
fege auch sie hinfort.

Nun vergehen wir
Also, was müssen wir davon halten?
Aus dem Firmament kamen wir
Nun mögen wir wieder zurückkehren
Das ist letztlich eine Frage des Standpunktes.)

Ich übergebe das Papier, auf dem diese Zeilen geschrieben stehen, dem Feuer der Öllampe und beobachte, wie der Wind die Asche mit sich fortträgt. Ich gönne mir einen Moment der Besinnung, bevor ich meinen Oberleib entblöße und das Wakisashi vor mir in meine Hände nehme. Ein letzter tiefer Atemzug, dann bin ich bereit. Ich stoße das Kurzschwert in meinen Bauch, dorthin, wo die Seele wohnt, bereit, allen Anwesenden deren Reinheit zu offenbaren. Der Schmerz ergreift mich. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen… Obaiin, meine geliebte Frau, gib mir die Kraft, standhaft zu bleiben! Ich sehe, wie mein Blut die weißen Todesroben rot färbt – dann übermannt mich die Finsternis.

Ich sehe Sterne – unendlich viele Sterne. Ist das die Zwischenwelt? „Sanjūrō“, höre ich jemanden sagen. Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter, suche Halt, ergreife sie… Es wirkt vertraut. „Kotarō…“, flüstere ich. Warum ist er hier? „Nein, ich bin es, Mycroft“, antwortet die Stimme ruhig. Maikurofuto? Langsam kehrt meine Erinnerung an ein anders Leben zurück. Ich bin nicht mehr in Japan – ich bin in England.

Mein Freund hockt neben mir und legt beschützend seinen Arm um mich. „Geht es dir gut?“, fragt er besorgt. „Ich bin mir nicht sicher“, antworte ich benommen und betrachte fassungslos und fasziniert das sternengefüllte Firmament, das die Flamme, die jetzt blau zwischen den Säulen der Sonne und des Mondes brennt, an die Wände projeziert, „ich bin gerade gestorben.“
„Ich weiß, ich war dabei“, sagt Maikurofuto. Unsere Blicke begegnen sich und Erinnerungsfragmente zahlloser vergangener und zukünftiger Leben rasen ungefiltert durch meinen Geist. Ich weiß nun, dass es stimmt, dass es so etwas wie einen Seelenpartner gibt, zu dem man – egal wie oft man wiedergeboren wird, allen Irrungen und Täuschungen des irdischen Daseins zum Trotz – immer wieder zurück findet. 

Der Schwertständer vor dem Schrein ist leer. Mein Kirishimo ist verschwunden, doch ich empfinde kein Bedauern über diesen Verlust. „So ein Schwert wie das Kirishimo geht nicht einfach verloren“, spricht Maikurofuto meine Gedanken aus, „es wird irgendwann zu dir zurückkehren.“
„Es ist nicht wirklich fort“, erwidere ich, „etwas von seiner Seele ist in mir aufgegangen.“ 

Ich spüre nun, dass ich ziemlich müde und erschöpft bin. Wieviel Zeit ist wohl vergangenen, seit wir unsere Reise in das japanische Mittelalter angetreten haben? Ich bemerke nun auch Lorudo-dono und Mari-chan, die ebenfalls mit uns durch die Jahrhunderte gereist sind. Sie wirken ebenso erschöpft, doch auch eine gewisse Erleichterung ist Ihnen anzusehen. Lorudo-dono übergibt mir ein Stück Papier, dass ich zwar entgegen nehmen, mir jedoch erstmal nicht ansehe. Ich bin zu erschöpft.

Die Gästezimmer auf Curdridge Hill sind, seit ich Amanda eingestellt habe, stets bereit und so kann ich meinen Freunden anbieten, die Nacht hier zu verbringen. Auch ich gehe auf mein Zimmer, lege mich auf meinen Futon und falle nach diesem aufregenden Ausflug in ein historisch bewegtes Zeitalter meiner Heimat augenblicklich in einen tiefen Schlaf.