先方に着く(Senpō ni tsuku) – Ankunft am Ziel
Am Morgen brechen wir auf. Mit sechs Pferden und acht Mullis beginnen wir den Aufstieg zum Felsenkloster San Juan de la Peña. Dichter Nebel liegt auf dem Weg. Man kann kaum drei Meter weit sehen. Nach zwei Stunden Marsch passieren wir eine Siedlung bestehend aus vier flachen Bauten aus über einander geschichteten Steinen. Weitere zwei Stunden später legen wir eine Rast an einem Gebetsschrein ein. Dieser Ort hat etwas Erhebendes an sich, eine Anmutung von Geborgenheit und Wärme inmitten dieser unwirtlichen und tristen Gegend. Ohne es wirklich darauf anzulegen, versinke ich in eine visionenreiche Meditation. Ich empfinde mich wieder als der zwölfjährige Karl, zusammen mit den anderen Kindern im Gebet versunken. Wir sind erschöpft von der langen Reise und den Entbehrungen, aber wir wissen – es ist nicht mehr weit bis zu unserem Ziel.
Als wir unsere Reise fortsetzen, lichtet sich bald der Nebel. Vor uns liegt karges und verbranntes Land. Wir können nun schon das Kloster erkennen, das vielleicht noch eine Stunde Fußmarsch entfernt in den Felsen thront. Auf der anderen Seite der verbrannten Hochebene kann ich einen abgemagerten Hund umher streifen sehen. Wir über queren das karge Land und erreichen schließlich das Kloster, das in einen Felsvorsprung hinein gebaut wurde. Ein halbblinder Mönch fegt den Vorhof. Mari-chan verwickelt ihn in ein Gespräch. Er stellt sich als Miguel San Farra vor und bietet uns an, uns das Kloster zu zeigen. Ursprünglich, erzählt er, im 11. Jahrhundert, war das Kloster von Sancho von Navarra etwas oberhalb des heutigen Standortes erbaut worden. 1675 war das Kloster abgebrannt und an einem nahe gelegenen Ort neu errichtet worden. Das neue Kloster war reich ausgestattet gewesen und verfügte über zahlreiche Nebengebäude. Viel war davon nicht mehr zu sehen. Die Gebäude waren im Zuge des spanischen Unabhängigkeitskrieges zu Beginn des 19. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Säkularisation zerstört worden. Um die noch bestehenden Gebäude zu erhalten, berichtet der Mönch weiter, wurde das Kloster vor 31 Jahren zum Baudenkmal erklärt. Das umliegende Berggebiet – die sogenannte Sierra San Juan de la Peña, wurde erst vor Kurzem zum Landschaftsschutzgebiet ernannt.
Das Kloster besteht aus zwei Haupt- und zwei Nebenschiffen und umschließt einen großartigen Kreuzgang. Auch beherbergt es die Gruft der Könige von Aragonien, erklärt Miguel San Farra. Im ersten Hauptschiff ist eine Nachbildung des Grals ausgestellt. Die Mauern sind mit Fresken verziert. Mari-chan und Lorudo-dono diskutieren über deren Bedeutung und die kulturhistorische Einordnung der Werke. Ich kann dazu nicht viel sagen.
Henuri-san fragt nach einem Mönch namens Albertinius. Den gäbe es hier nicht, sagt Miguel San Farra. Ob es einen Mönch mit diesem Namen einmal hier gegeben hätte, möchte Henuri-san weiter wissen. Das wisse er nicht, antwortet Miguel San Farra, aber wir könnten auf der exotischen Ebene nachsehen. Dort gäbe es eine Wandinschrift, auf welcher die Namen bedeutsamer Mönche, die hier gelebt hätten, verzeichnet seien. Er erklärt uns den Weg dorthin.
Auf der Wandinschrift auf der exotischen Ebene entdecken wir tatsächlich relativ weit oben den Namen Albertinius. Auch ein anderer uns vertrauter Name fällt uns auf: Artas. Viel mehr gibt es hier nicht zu sehen. Wir gehen zurück zum ersten Hauptschiff. Aus einer inneren Eingebung heraus beginne ich zu meditieren. Mein Körper verfällt in eine tiefe Ruhe, der Sturm der See meiner Emotionen kommt zum Erliegen, mein umherirrender Geist kehrt heim und lauscht der Stille. Alles ist möglich. Nichts ist wichtig. Mein früheres Ich aus einem anderen Leben tritt an die Stelle meines Egos. Wir haben es endlich geschafft. Unser unerschütterliche Glaube hat uns ans Ziel gebracht. Wir stehen vor den Toren des Benediktinerklosters San Juan de la Peña. Es sieht irgendwie anders aus, als ich es in Erinnerung habe, bemerke ich. Ja richtig, es ist das ursprüngliche Kloster, das vor zweihunderfünfundvierzig Jahren abgebrannt ist.
Ein Mönch öffnet uns. Artas fragt ihn nach Albertinius. Er bittet uns herein und führt uns zu einem anderen Mönch. „Ich soll Euch das hier geben“, sagt Artas und reicht ihm das Bündel. Albertinius bedankt sich und sagt, wir hätten unsere Sache gut gemacht. Wir haben eine wichtige Aufgabe erfüllt. Dann geht er in einen benachbarten Teil des Klosters. Wir zögern, doch am Ende siegt unsere kindliche Neugier. Vorsichtig spähen wir um die Ecke und beobachten, wie Albertinius das Bündel einem Mann in auffälliger bunter Kleidung übergibt. Der Mann trägt Musikinstrumente bei sich und befindet sich in Begleitung eines gerüsteten Kriegers. Mir unbekannte Klan-Insignien zieren dessen roten Waffenrock. Während ich mich frage, wer diese Männer sind, höre ich und sehe ich Henuri-san, der gleichzeitig auch Artas ist. Es ist irgendwie seltsam. Nicht nur ich, wir alle existieren bewußt auf irgendeine schizophräne Art gleichzeitig in unserem 1920er Dasein wie auch jeder von uns als eines der Kinder. Es ist also nicht das erste Mal, dass wir diesen Weg gemeinsam gegangen sind? Der Mann, der das Bündel, das wir hierher gebracht hatten, entgegen genommen hat, ist wahrscheinlich Wolfram von Eschenbach, ein Dichter aus dem Geschlecht der Stauffer. Er hat den frühmittelalterlichen Roman „Parzival“ verfasst, erklärt Henuri-san. Darin findet die Staufferburg Wildenberg im Odenwald in Deutschland als Gralsburg „Montsalvaesch“ (Wilder Berg) Erwähnung. Ist der Gral hierhin weiter getragen worden? Henuri-san sagt auch, dass der erste König der Aragonien auch als „der rote Ritter“ bekannt gewesen sein soll und das er womöglich Parzival, der Ritter von König Arthurs Tafelrunde, gewesen ist.
Die Verbindung in die Vergangenheit beginnt sich aufzulösen, die Vision schwindet, dennoch spüre ich eine tiefe innere Verbindung zu meinen Freunden – im Gestern, im Heute – über alle Grenzen von Raum und Zeit erhaben – ein Pool aus reinster Energie, deren Licht mich voll und ganz erfüllt. Ich sitze im Hauptschiff des Klosters, dort wo ich mich zur Meditation niedergelassen hatte, mit meinen Freunden im Kreis. Ich sehe von einem zum anderen – Lorudo-dono, Henuri-san, Karura-san, Mari-chan, Mare… Jeglicher Groll ist verflogen, alle Missverständnisse vergessen. Ich fühle mich gut. Ich fühle mich… frei…
Später am Abend finde ich mich im Gespräch mit Senchō, Lorudo-dono, Henuri-san und Karura-san wieder. Mari-chan und Mare sind schon zu Bett gegangen. Wir haben uns entschlossen, die Nacht hier oben im Kloster zu verbringen. Die Rückreise in der Nacht scheint uns nicht zuletzt ob der ungeklärten Vorkommnisse, von denen uns in Jaca berichtet wurde, als zu riskant. Henuri-san ist zudem noch immer besorgt ob unserer mutmaßlichen Verfolger, Donavon, Vogel und dessen Gefolgsleute. Aktuell haben wir ihnen gegenüber wohl einen Vorsprung von einem, vielleicht zwei Tagen. Mögliche Maßnahmen werden erörtert. Die Idee eines Überfalls kommt zur Sprache. Sehr wahrscheinlich ist die Einheit mit Funk ausgestattet und Verstärkung könnte schnell gerufen werden. Ob des Angriffs auf die Vickers Vimy in Montségur müssen wir davon ausgehen, dass die Organisation, mit der wir es hier zu tun haben, auch über Kampfflugzeuge verfügt. Das könnte uns im Zweifelsfall das Genick brechen. Wir sollte also eine Stelle aussuchen, die aufgrund topographischer Gegebenheiten Störungen oder gar eine Unterbrechung der Funkverbindung wahrscheinlich macht. In den Bergen sollte es möglich sein, eine solche Stelle ausfindig zu machen. Bevor wir aber dazu kommen, diesen Gedanken weiter zu vertiefen und eine Strategie zu entwickeln, meldet Karura-san Bedenken an. Sie fürchtet um unser Seelenheil, wenn wir einfach so irgendwelche Leute umbringen würden. Das seien nicht irgendwelche Leute, wende ich ein, das seien Soldaten, Krieger. Die Bereitschaft für eine Sache oder seinen Herrn zu sterben, führe ich weiter aus, ist eine – wenn nicht sogar DIE – Grundvoraussetzung für einen guten Krieger. Als
o müssten wir uns keine Gedanken machen, da die Bestimmung dieser Männer früher oder später so oder so der Tod wäre. So könne man das nicht sehen, meint Karura-san, schließlich seien es Menschen, die Familien hätten, die sich um sie sorgten. Ich will gerade weiter diskutieren, dass das einen Krieger nicht berühren dürfe als Lorudo-dono einwendet, dass es vielleicht doch keine so gute Idee sei, derart Unruhe zu stiften und dass wir lieber unseren zeitlichen Vorsprung ausnutzen und schnellstmöglich nach Deutschland fliegen sollten. Henuri-san, von dem die Idee eines Angriffs als erstes kam, pflichtet ihm bei. Ich bin im ersten Moment enttäuscht von der Wankelmütigkeit meiner Mitstreiter, aber dann wird es mir egal. So viel Ehre bringt ein Überfall aus dem Hinterhalt nun auch wieder nicht.









