回り合わせ (Mawari awase) – Glücklicher Zufall
Ein lautes Scheppern reißt mich gegen 4:30 Uhr unsanft aus dem Schlaf. Alarmiert springe ich auf. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich realisieren, dass es sich bei dem Krach nicht um ein Warnsignal handelt, sondern dass es lediglich Mari-chan ist, die mit Kochtopf und Löffel bewaffnet den Gästen und Bewohnern des Klosters die letzten Momente der Nachtruhe raubt. Der Mönch Miguel San Farra erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei, ob wir vielleicht einen Angriff fürchteten. Lorudo-dono wirft ein, dass man in diesen unruhigen Zeiten immer mit einem Angriff rechnen sollte, doch schnell klärt sich das vermeintliche Alarmgeläut auch für Miguel San Farra als übermotivierter Weckruf auf. Der Mönch verabschiedet sich. Er ist auf dem Weg zur Morgenandacht. Wir sind herzlich eingeladen, die Messe zu besuchen, was dankend abgelehnt wird. Wir haben es eilig.
Nach einem kargen Frühstück verladen wir unsere Ausrüstung auf die Lasttiere und machen uns zum Aufbruch bereit. Alle sind da, bis auf Mari-chan. Als wir nach ihr sehen, finden wir sie auf ihrem Nachtlager vor. Kopfschüttlend nehme ich zur Kenntnis, dass sie schläft, als wir jedoch feststellen, dass sie schweißnass und fiebrig hernieder liegt, mache ich mir doch Sorgen um ihr Wohlbefinden. Vorsichtig wird sie geweckt und mit Unterstützung gelingt es ihr, auf das Pferd zu steigen und nicht herunter zu fallen.
Senchō und Karura-san klettern derweil eine in den Fels geschlagene Treppe hinauf, um sich einen Überblick über die aktuelle Lage und Situation zu verschaffen. Als sie zurück kommen, berichten sie, dass sie den LKW der Deutschen ausmachen konnten. In etwa sechs Stunden, schätzt Senchō, müssten sie hier ankommen.
Wir überlegen, ob wir etwas tun wollen, um unseren Vorsprung weiter auszubauen. Wir wissen, die Truppe ist gut ausgerüstet, daher wollen wir nicht unüberlegt vorgehen. Lorudo-dono schlägt vor, die Mullis zu erschießen und aus den Kadavern eine Barriere zu errichten. Dieser Vorschlag stößt jedoch auf starken Widerstand – vor allem seitens der weiblichen Belegschaft unserer Expedition. Nach einigem Hin und Her einigen wir uns schließlich darauf, uns auf der kargen, verbrannten Ebene, dort, von wo aus der Weg zum Kloster nur noch zu Fuß bestritten werden kann, zu verstecken. Hier werden sie den LKW stehen lassen müssen und wir hätten so eine Möglichkeit, den Wagen zu sabotieren.
Es ist bereits halb sieben, als wir endlich den Abstieg beginnen. Nach anderthalb Stunden Marsch erreichen wir die verbrannte Ebene. Ein paar Felsformationen ragen aus dem Boden hervor, die uns und den Reit- und Lasttieren gute Deckung bieten. Die Pferde und Mullis verhalten sich erstaunlich kooperativ – als wüßten sie, dass es jetzt darauf ankommt, dass sie ruhig sind. Mare kümmert sich darum, dass die Tiere versorgt sind und auch ruhig bleiben.
Nach einer Weile erreicht erwartungsgemäß der LKW, an Bord dessen wir Donovan und seine Begleiter vermuten, das Feld. Aus unserem Versteck beobachten wir, dass Donovan und fünf Soldaten von der Ladefläche klettern. Vom Beifahrersitz der Fahrerkabine steigt Oberst Vogel aus dem Wagen. Es werden Befehle gegeben und Kisten vom LKW genommen, bevor sich die Truppe in Richtung des Klosters den Berg hinauf in Bewegung setzt. Der Fahrer bleibt zur Bewachung des Fahrzeuges zurück. Ein einzelner Mann sollte leicht zu überwältigen sein, denke ich voller Zuversicht.
Meine Einstellung ändert sich, als wir von Senchō auf ein sich näherndes Flugzeug hingewiesen werden. Wir versuchen uns in den Felsen vor einer Entdeckung von oben zu schützen.
Ich habe Zuflucht in einer Felsspalte gefunden. Ich halte das Versteck für zuverlässig, muss hier aber in einer ziemlich unbequemen Position ausharren. Ich suche in meiner Tasche nach etwas, worauf ich mich abstützen kann, ohne dass meine Arme direkt auf den harten und rauen Fels gedrückt werden. Dabei entdecke ich zu meiner Verwunderung einen meiner Nachtkimonos. Ich bin etwas irritiert, da ich mich nicht erinnern kann, dieses Kleidungsstück eingepackt zu haben. Während ich überlege, wann und wie der Kimono in meine Tasche gekommen sein könnte, erfasst plötzlich ein Windstoß das Gewand und reißt es mir aus den Händen.
Ich habe spontan vergessen, in was für einer Lage wir uns gerade befinden und laufe los, um mein Nachtgewand wieder einzufangen. Dabei ist es nicht der drohende Verlust desselben, der mich antreibt, sondern vielmehr die Sorge darüber, dass einer meiner Freunde das Stück in die Hände bekäme. Es ist doch etwas unkonventionel in seiner Machart, in Farben und Muster und könnten Fragen aufwerfen, zu deren Beantwortung ich nicht bereit bin oder Sticheleien provozieren, denen ich mich ebenso ungern aussetzen möchte. Es dauert nicht lange, bis ich meinen Kimono wieder eingefangen habe. Senchō stürzt aus seiner Deckung. „Du kannst doch hier jetzt nicht…“, ruft er und packt mich bei den Schultern. In diesem Moment fliegt das Flugzeug – eine Fogger – vermutlich die gleiche Maschine, die unsere Vickers Vimy in Montségur angegriffen hat – direkt über unseren Köpfen über uns hinweg.
Ich folge der Fogger mit meinem Blick und sehe, wie sie beidreht und wieder auf uns zusteuert – dieses Mal im Sinkflug, offenbar auf Angriff ausgerichtet. „Oh Mist…“, rufe ich. Ich sollte schleunigst zusehen, dass ich in Deckung komme. Senchō bringt sich mit seinem Gewehr an einem höher gelegenen Punkt in Position und zielt auf die Maschine. Eine todesmutige Aktion – dort steht er regelrecht auf dem Präsentierteller und bietet ein gutes Ziel. Als das Maschinengewehrfeuer von oben losbricht, befürchte ich schon das Schlimmste, aber etwas sehr seltsames passiert. Das Flugzeug feuert auf den LKW und landet dort einen direkten Treffer. Das Fahrzeug geht sofort in Flammen auf. Der Fahrer kann sich nur knapp vor dem Beschuss in Sicherheit bringen.
Auch die Fogger selbst gerät in Turbulenzen. Der plötzliche Krach scheint einen Schwarm Vögel aufgeschreckt zu haben. Es dürften gut und gerne so um die hundert Tiere sein. Die Fogger hat keine Chance der schwarzgefiederten Wolke auszuweichen. Die Kollision mit dem Vogelschwarm führt unausweichlich zu ihrem Absturz.
Mit offenem Mund beobachte ich dieses Szenario und kann unser unverschämtes Glück kaum fassen. Myriaden von Schutzgeister und -göttern müssen uns gerade zur Seite gestanden haben, dass wir unser Ziel nicht nur erreicht, sondern übertroffen haben, dass wir dabei noch nicht einmal einen eigenen Finger rühren mussten und dass niemand von uns auch nur einen Kratzer durch diesen Einsatz abbekommen hat. Ich halte inne und folge meinem Bedürfnis, meiner Dankbarkeit für diese glücklichen Umstände in einem kurzen, stillen Gebet Ausdruck zu verleihen.









