Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

聖杯の監守 (Seihai no kanshu) – Der Gralshüter

Das deftige Frühstück, das unser Vermieter Bauer Karl uns serviert, trifft heute nicht ganz meine Bedürfnisse. Ich esse nur wenig, trinke dafür aber ziemlich viel Tee. Karl schimpft auf das fahrende Volk. Heute Nacht hätten sie ein Feuer gelegt, lamentiert er. 

Unsere Suche ist noch nicht zu Ende. Noch einmal müssen wir zurück auf die Burg und nach Hinweisen auf den Verbleib des Grals suchen. Als wir das Haus verlassen, fühle ich mich irgendwie nackt. Mit Wehmut denke ich an meine Schwerter. Sicher, Waffen sind ersetzbar, aber eine Ishido-Klinge zu verlieren? Das ist peinlich…

Wir versuchen auf unserem Weg zur Burg  ungesehen an den Polizisten und Forstarbeiter vorbeizukommen, die mit Ermittlungs- und Aufräumarbeiten beschäftigt sind. Die Spuren des Feuers sind bei weitem nicht so verheerend, wie ich erwartet hätte. Letzte Nacht schien es mir, als würde der ganze Berg brennen, aber der Schaden hält sich doch in Grenzen. Während ich so darüber nachdenken, vergesse ich darauf zu achten, nicht gesehen zu werden und werde entdeckt. 

Jemand ergreift von hinten meinen Arm und drückt sich an mich. Ich bin überrascht, als ich entdecke, dass es Mare ist. Mit großen dunklen Augen schmachtet sie mich an und jagt mir einen Schauer der Erregung durch den Leib. Ob sie weiß, was sie gerade bei mir anrichtet? Die Erinnerungen an den gestrigen Nachmittag sind noch frisch und die Leidenschaft schlummert nur flach unter der Oberfläche. Ehe ich mich versehe, halte ich Mare in meinen Armen und küsse sie. In einem ersten Moment der Überraschung erstarrt sie fast, doch dann scheint sie Gefallen zu finden und läßt sich auf das Spiel ein.

Bevor es ernst wird, werden wir unterbrochen. Ein uniformierter Mann kommt auf uns zu und brüllt etwas im militärischen Tonfall. Ich schaue ihn verständnislos an. [simple_tooltip content=’Es tut mir leid, ich verstehe Sie nicht.‘]“Gomenasai, wakarimasen“[/simple_tooltip], sage ich. Der Mann greift mit einer Hand an sein Pistolenhalfter, deutet mit der anderen in Richtung Kirchzell und spricht sehr ruhig und ernst. Auch wenn sich mir die Bedeutung der Worte nicht erschließt, weiß ich, was von uns verlangt wird. [simple_tooltip content=’Das habe ich verstanden‘]“Wakarimashita“[/simple_tooltip], antworte ich ebenso ruhig, lege meinen Arm um Mare und setze mit ihr den Weg in die entgegengesetzte Richtung fort.

Als wir außer Sichtweite sind, nehme ich meinen Arm von Mares Schulter. Ich bin etwas verwirrt. „Es tut mir leid, wenn ich eine Grenze überschritten habe“, sage ich und verbeugen mich entschuldigend vor ihr. Mare lächelt versonnen.

Im Dorf stoßen die anderen zu uns. Wir überlegen, einen Weg zu suchen, auf dem wir ungestört nach oben kommen. Der Weg entlang eines Baches, der vom Berg herabplätschert, scheint geeignet. Der Aufstieg wird etwas schwierig. Wir müssen einige Meter über blankes Gestein klettern. Innerlich beflügelt erklimmen ich die Felsen mit Leichtigkeit und helfe zusammen mit Senchō den anderen hinauf.

Wir sind fast oben an der Burg angekommen. Senchō späht die Umgebung aus. In einiger Entfernung finden die Aufräumarbeiten im Wald statt. Einen Hang entlang klettern wir zu dem Friedhof, den Lorudo-dono gestern Abend entdeckt hatte. Unter einer Reihe von Kreuzen entdecken wir das Grab von Wolfram von Eschenbach. Das Kreuz enthält eine Inschrift. Das sei keltisch, erklärt Henuri-san, dem Gälischen sehr ähnlich, und übersetzt für uns: „Um den Kelch zu erlangen, mußt du von ganz unten nach ganz oben durch die Gralsburg gehen.“ steht dort geschrieben. Von ganz unten nach ganz oben? Was bedeutet dieses Rätsel? Ist ein Kamin oder ein Brunnen vielleicht der Eingang?

Wie auch immer – wir müssen weiter zur Burg, um das heraus zu finden. Wir wissen nicht, was uns dort erwarten wird. Sind die Frauen noch da? Was tun wir, wenn dem so ist? Von der Burg höre ich etwas wie Weinen und Wehklagen. Karura-san und Lorudo-dono geraten in einen Streit. Ich gehe sicherheitshalber auf Abstand. Der Streit dauert nicht lange. Lorudo-dono stellt bei mir Nachfragen zum Kitsune-Mythos an, die ich ihm gerne erläutere. Wir beschließen, die Frauen, wenn wir ihnen auf der Burg begegnen sollten, zu ignorieren. Einfach wird das für mich nicht – das weiß ich jetzt schon…

Wir gelangen unbehelligt auf die Burg. Abgesehen von uns ist der Hof menschenleer. Das Klagen und Weinen kommt von unter uns – scheinbar aus dem Brunnen. 

Karura-san klettert in die Überreste des Kamins hinein und beginnt die Wände nach möglichen Geheimtüre abzuklopfen. Henuri-san stellt sich gedankenverloren davor auf und studiert die seltsamen Zeichen, die auf dem Kaminsims eingelassen sind. Plötzlich scheint er eine Erkenntnis zu haben. Er hebt seine rechte Hand und führt sie von der linken Brust in einer leichten Aufwärtsbewegung schräg nach oben, bis sein rechter Arm etwa in einem Winkel von 45 Grad gerade nach oben zeigt. Diese Geste bewegt tatsächlich etwas, nämlich die Seitenwände des Kamins. Links und rechts der Feuerstelle führt nun jeweils eine gewundene Treppe in die Tiefe. Die Gravur einer Taube, die Karura-san im Innern des Kamins entdeckt, weist uns den Weg. Wir folgen dem Flug des Vogels und steigen die linke Treppe hinunter. Wir haben Licht, dass vielleicht dreizig oder vierzig Minuten anhalten dürfte – dann ist die letzte Karbitlampe, die unsere hektische Flucht in der letzten Nacht überlebt hat, aufgebraucht.

Die Treppe endet auf einem Weg. Wir gehen diesen entlang und stoßen wieder auf einen unterirdischen Fluss. Der Weg gabelt sich. Ein Abzweig führt zum Wasser, geradeaus geht es in ein Gewölbe, aus dem ein rötlich-goldener Schimmer entweicht. An den Wänden des Gewölbes sind zahlreiche Gefäße aufgestellt. Eines von ihnen wird wohl der Heilge Gral sein.

Ein Mann liegt aufgebahrt in der Mitte des Raumes. Um ihn herum haben sich die Damen von Vril versammelt, weinen und klagen. Auch Maria ist unter ihnen. Als wir das Gewölbe betreten, sehen sie uns freundlich, fast hoffnungsvoll an.

„Diebespack! Ich verlange zurück, was mir gehört!“, tobt Lorudo-dono. Ich zucke unter der Stimmgewalt seines Wutausbruches kurz zusammen. „Ihr kommt mit solch nachtragenden Gedanken hierher?“, fragt Marija, die Dame, die gestern mit ihm fortgegangen war. Im nächsten Augenblick ist Lorudo-dono verschwunden. Henuri-san fragt, was hier geschehen sei. Der König, heißt es, er sei krank. Er würde sterben, wenn ihm niemand helfe. Henuri-san beginnt die Gefäße an der Wand zu inspizieren. Jedes einzelne nimmt er prüfend und abwägend in seine Hände.

Maria flüstert mir ins Ohr: „Wollen wir morgen wieder ein kleines Kämpfchen wagen?“ Meine Knie werden weich. Was hatten wir uns vorgenommen? Die Frauen zu ignorieren? Sofern ich diesen Entschluss wirklich einmal ernsthaft gefaßt haben sollte, sind nun alle Vorsätze dahin. ‚Am liebsten sofort‘, denke ich, sage dann aber „Jederzeit.“ Eine Sache brennt mir noch auf der Seele. „Du weißt nicht zufällig, wo meine Schwerter geblieben sind?“, frage ich sie leise. Sie zuckt mit den Schultern und sieht mich unschuldig an. „Schade“, sage ich, „ich hätte sie schon gerne wieder.“ „Das kann ich verstehen“, meint sie.

Lorudo-dono hat schließlich seinen Weg zu uns zurück gefunden. Er sagt kein Wort, als er das Gewölbe erneut betritt, aber sein Blick spricht Bände. Henuri-san hat derweil die Gefäße an den Wänden, jedes einzelne, begutachtet, um den richtigen Gral unter ihnen ausfindig zu machen. Nun hat er eine Entscheidung getroffen. Er hat einen einfach geformten, schmucklosen Kelch ausgewählt, der aus einem golden glänzenden Material besteht. Es ist nicht die Art Gold, die ich üblicherweise so kenne – es ist klarer, heller und wirkt auf eine gewisse Weise viel reiner als irdisches Gold.
Irgendwie erinnert mich die Oberfläche des Kelches an die goldenen Scheiben von Maikurofutos Onkel, denen wir in Neuseeland nachgejagt sind.

Henuri-san bitte Senchō, den Kelch mit Wasser aus dem Fluss zu füllen. Als Senchō mit dem gefüllten Kelch zurück kommt, nimmt Henuri-san diesen entgegen. Alle sind still und beoachten andächtig, was geschieht. Dieser Moment hat etwas sehr feierliches. Henuri-san kniet vor dem kranken König nieder, verharrt einen Moment in einem stillen Gebet. Dann reicht er dem König, den Klech und läßt ihn trinken. Und wahrhaftig geschieht das erwartete Wunder. Die Farbe kehrt zurück in des Königs Gesicht und er genest augenblicklich. Er stellt sich als König Amphortas vor und bedankt sich für seine Rettung. Seine Gesichtszüge verändern sich. Er ist der Parkwächter vom Blutbrunnen am Glastonbury Tor, der Stadtführer aus Winchester, der Schäfer aus Montsegúr, der Mönch Miguel aus dem Kloster San Juan de la Peña… Er reicht Henuri-san den Kelch und bietet ihm an, die Hüterschaft des Grals zu übernehmen. Henuri-san zögert – nur kurz, aber doch lang genug. „Ihr seid unwürdig!“, grollt plötzlich eine Stimme, die den ganzen Raum erfüllt. Die Erde bebt unter unseren Füßen. Die Frauen schreien und toben. 

Etwas bohrt sich von unten durch an die Oberfläche und zerbricht den Boden. Wir müssen hier raus, bevor alles in sich zusammen stürzt. Hastig rennen wir die Treppe hinauf und kommen wieder ans Tageslicht. Vor dem Kamin findet Henuri-san seine Sachen wieder. Vorhin waren sie noch nicht da. Als ich das sehe, kommt mir eine Idee. Ich laufe zu der Lichtung, die Maria und mir gestern als Kampfarena gedient hatte und tatsächlich – dort sind meine Sachen. Auf den ersten Blick fehlt nichts. Maria steht plötzlich vor mir. Ist sie es wirklich oder ist es nur ein Abbild meines Verlangens? Der wankende Boden unter meinen Füßen mahnt mich, mich zu sputen. Ich fürchte, der ganze Berg könne jeden Augenblick einstürzen. [simple_tooltip content=’Abschiedsgruß im Sinne von „Lebe wohl“. Sayōnara wird verwendet, wenn der sich Verabschiedenen nicht damit rechnet, sein Gegenüber bald wieder zu sehen‘]“Sayōnara“[/simple_tooltip], sage ich, „es war schön mit dir.“ Maria lächelt. „Auf Wiedersehen“, sagt sie und löst sich vor meinem erstaunten Blick in Luft auf. Am Himmel erregt ein seltsames Leuchten meine Aufmerksamkeit. Was ist das? Ein komischer leuchtender Diskus gleitet durch die Luft. Eine Art Flugmaschine? Ich reibe mir verwundert die Augen. Als ich erneut zum Himmel empor blicke, kann ich nichts Ungewöhnlches mehr entdecken. Es war vemutlich nur eine Sinnestäuschung. 

Marias Siegelring

Der Berg beruhigt sich. Das Beben ebbt so plötzlich ab, wie es begonnen hatte. Wie es scheint, hat es jetzt keine Eile mehr, den Berg zu verlassen. Gelassen schlendere ich dem Weg nach Kirchzell hinunter. Die Forstarbeiter und Polizisten sind verschwunden. Das Beben hat sie wohl vertrieben. Bei meinen Sachen entdecke ich etwas, dass vorher nicht dabei war. Maria hat mir ihren Siegelring als Erinnerungsstück zurückgelassen.