山間お越えて (Sankan koete) – Das Gebirge überqueren
Ich verbringe den Rest des Nachmittages mit Jaques. Er kennt eine Stelle, an der der Fluss Lasset sich etwas aufstaut und wo man gut baden kann. Zuvor besorgt er noch irgendwo her eine Flasche Rotwein.
Jaques stammt eigentlich aus Quebec in Kanada. Er hatte sein Geburtsland verlassen, nachdem er sich mit seiner Familie überwarf. Als heraus kam, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, wollten sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er hatte sein Erspartes zusammen gekratzt und sich damit eine Überfahrt nach Europa gekauft. Zunächst hatte er in Paris in einem gehobenen Hotel eine Anstellung als Steward gefunden. Später arbeitete er dort am Ausschank. Als im September 1914 deutsche Truppen in Frankreich einmarschierten, hatte er die Flucht ergriffen und sich in die Pyrenäen zurück gezogen. Er half jetzt hier bei Pierre, dem Herbergsvater, gelegentlich aus, wenn viele Gäste im Ort waren, kümmerte sich um die Zimmer und die Bedienung im Schankraum. Wenn Pierre nicht alle seine Zimmer vermietet hatte – was die Regel war – konnte Jaques dort wohnen. In Paris, sagt er, habe er auch einen Freund gehabt – François. Ihm sei es nicht so gut ergangen. François war wegen seiner sexuellen Neigung von seinen Verwandten in die Psychiatrie zwangseingwiesen worden. Ein paar Monate später sei er als geheilt entlassen worden, aber er war völlig verändert, depressiv und ohne Lebensfreude, berichtet Jaques, und hatte sich kurz darauf durch Strangulation selbst entleibt.
Diese Geschichte geht mir sehr nahe. Mir war nicht klar, dass die gleichgeschlechtliche Liebe in Europa als Makel oder gar als psychische Störung betrachtet wird. In Japan ist das kein Thema. Sexualität wird bei uns grundsätzlich als Privatvergnügen betrachtet und es wird nicht darüber geredet. Gesellschaftlich oder moralisch begründete Vorbehalte gegenüber dem Liebesakt mit einem Partner des eigenen Geschlechts gibt es in Japan nicht – im Gegenteil. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Liebe unter Männern bei uns als die reinste Form der Liebe überhaupt angesehen wurde.
Die Zeit verfliegt viel zu schnell. Am späten Nachmittag, irgendwann zwischen vier und fünf Uhr, entschuldigt sich Jaques. Er müsse zur Arbeit, sagt er. Ich verbleibe noch eine Weile am Fluss, bevor ich mich auf den Weg ins Gasthaus mache. Senchō und Mare sind mittlerweile auch zurück. Sie sitzen zusammen mit Lorudo-dono, Henuri-san, Karura-san und Mari-chan in der Sonne vor unserer Herberge. Ich setze einen emotionslosen Gesichtsausdruck auf, als ich mich nähere. Lorudo-dono berichtet, dass das Flugzeug um 18:00 eintrifft und dass wir dann sofort nach Spanien aufbrechen. Ich schaue auf meine Taschenuhr. Das ist schon in knapp einer Stunde. Wie bedauerlich…
Ich gehe auf mein Zimmer und packe meine Sachen. Auf dem Tisch liegt noch die Tageszeitung vom letzten Sonntag, die Senchō gestern aus England mitgebracht hat. Ich schlage den Anzeigenteil auf und schneide das von mir inserierte Stellenangebot aus. Handschriftlich setze ich darunter „Curdridge Hill, Lockhams Road“.
Mit meinem Gepäck auf den Schultern und dem Zeitungsausschnitt in der Tasche gehe ich hinunter in den Schankraum und setze mich an die Bar. Jaques schenkt mir einen Whiskey ein. Ich sage ihm, dass wir schon bald aufbrechen werden. Um sechs käme das Flugzeug zurück. „Schade“, meint Jaques und fragt, ob ich meinen Aufenthalt hier nicht verlängern wolle. Das könne ich nicht, antworte ich, ich habe einem Freund ein Versprechen gegeben, das ich einhalten muss. Ich erzähle ihm von meinem Anwesen im Hampshire und schiebe ihm dabei die ausgeschnittene Stellenanzeige zu. „Ich würde dich sofort einstellen, wenn du willst“, sage ich. Jaques nimmt den Zeitungsausschnitt an sich und liest ihn sich durch. „Die Bezahlung und Unterbringung ist bestimmt besser als das hier“, versichere ich ihm.
Motorengeräusche kündigen die Ankunft der Vickers Vimy an. „Ich muss gehen“, sage ich. In diesem Moment kommt Senchō herein, um mich zum Aufbruch zu rufen. „Gib mir noch einen Augenblick“, bitte ich. Der Zeitpunkt des Abschieds ist gekommen. Ein letzter inniger Kuss im Lagerraum hinter der Bar, dann muss ich wirklich los. Ich wünsche Jaques Lebewohl, hoffe aber insgeheim auf ein Wiedersehen. Ich bin wieder einmal kurz davor, mein Herz zu verlieren.
Wenig später erhebt sich die Vickers Vimy in die Lüfte. Unter uns erstreckt sich das zerklüftete Bergmassiv der Pyrenäen. Ich lese, um mich abzulenken, aber meine Gedanken driften immer wieder ab, zurück in den französischen Teil der Berge. Um 20:43 landen wir in einem Ort namens Jaca. Wir beziehen im Gasthaus Maera Quartier. Mr. Ferguson bietet nach dem unerfreulichen Zwischenfall in Montségur an, für das Flugzeug einen Ort zu finden, wo es nicht so schnell entdeckt würde. Wir erkundigen uns beim Wirt nach einer Möglichkeit, Reit- und Packtiere zu mieten oder zu kaufen. Er nennt uns einen Namen und gibt uns eine Wegbeschreibung.
Ich mache mich mit Senchō auf, um die Transporttiere zu organisieren. Der Verleiher ist tatsächlich noch bei der Arbeit. In seinem Stall stehen sechs Pferde und acht Mullis. Er fragt nach unserem Vorhaben und wir erzählen ihm, dass wir vor hätten, das Kloster zu besuchen. Er sagt, wir sollten vorsichtig sein. Irgendetwas seltsames sei im Gange. Menschen verschwinden in den Bergen, sagt er. Senchō mietet alle seine Reit- und Lasttiere zu einem ziemlich hohen Preis.
Karura-san hatte sich derweil bemüht, einen ortskundigen Führer für unseren Aufstieg zu engagieren. Leider waren diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt.










