Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

霊山に (Reizan ni) – Auf dem Heiligen Berg

Am frühen Nachmittag erreiche ich Odawara. Ich mache mich direkt auf den Weg in Richtung der Burg, die einst den Späteren Hōjō als Residenz diente. Erhaben thront die Ruine über der Stadt. Trotz ihres verfallenen Zustandes strahlt sie noch immer eine gewisse Würde aus. Ich lasse das Burggelände mit seinen von der Zeit in Mitleidenschaft gezogenen Nebenbauten und verschütteten und überwucherten Gräben links liegen. Ich will auf den Berg steigen, der sich hinter der Burg erhebt, den Reizan, den Heiligen Berg von Odawara.

Es ist etwa gegen drei Uhr am Nachmittag als ich meinen Aufstieg beginne. Ich nehme den Weg, den vor dreihundertdreizig Jahren Ujimasa in der letzten Nacht seines Lebens gegangen war. Der Pfad hinauf zu den heiligen Stätten ist über die Jahre unwegsam und holprig geworden. Stellenweise ist er jetzt vereist. Ich muss vorsichtig sein, um nicht abzurutschen und zu stürzen und brauche eine gute Stunde, bis ich die Hochebene erreiche. Die Abenddämmerung hat längst eingesetzt.

Die Zeit hat das Antlitz des Plateaus auf dem Berge gewandelt. Die blumenübersähten Wiesen sind einem dichten Mischwald gewichen. Ich schalte meine Taschenlampe ein, leuchte in das dichte Unterholz und schrecke dabei ein paar Vögel in ihrem Nachtschlaf auf, die zeternd in die Dunkelheit davon flattern. Ich versuche mich zu erinnern, wo genau sich der Schrein der Vergangenheit befindet. Halb in Trance kämpfe ich mich mit meinem Schwert durch das Unterholz und folge dabei einer intuitiven Richtung. Schließlich zeigen sich im Schein der Lampe die Überreste eines verfallenden Holzbaus. Es ist der Schrein, nach dem ich gesucht habe.

Vorsichtig schiebe ich die morsche, moosbewachsene Eingangstür zur Seite. Mit einem leisen Knartzen öffnet sie sich. Im Innern ist es erstaunlich trocken, dennoch dringt die Kälte der hereinbrechenden Nacht durch alle Ritzen. Es könnte trotz Decken und meines Wintermantels etwas ungemütlich werden. Gut, dass ich Feuerzeug und Zunder dabei habe.

Ich gehe noch einmal vor die Tür und trage Reisig und Holz zusammen, um ein kleines Feuer zu entfachen. Ich habe Glück und finde recht schnell ausreichend trockenes Brennmaterial. Nachdem ich das Feuer erfolgreich zum Brennen gebracht habe, setze ich einen Kessel mit Wasser für Tee auf und packe das Bentō aus, das Naohi mir vor meiner Abreise aus Ayabe mitgegeben hat. Im warmen Schein des Feuers und mit gefülltem Magen wirkt diese alte Hütte doch recht behaglich. Aus der Ferne höre ich ein Heulen. Ist es der Wind, der durch die Berge streift, oder sind es Wölfe oder vielleicht alte Geister, die das in Vergessenheit geratende Heiligtum bewohnen? Ich ziehe mein Reisetagebuch aus der Tasche und lese noch einmal die Berichte, die ich verfasst hatte, nachdem wir über den geheimen Schrein von Sonne, Mond und Sternen im Keller von Curdridge Hill in die Zeit der streitenden Länder zurückreisten…

Ich vertiefe mich so sehr in meine Lektüre, dass die Bilder der Vergangenheit vor meinem inneren Auge wieder lebendig werden – die Belagerung, die Kapitulation, mein Tod. Gerade in diesem Moment verspüre ich Ujimasas Nähe. Mir ist, als rufe er nach mir, still und wortlos. Trotz der Kälte, die dort draußen herrscht, gehe ich wieder vor die Tür – die Feuerstelle soweit gesichert, dass kein Brand im alten Schrein ausbrechen kann. Bewaffnet mit einer Taschenlampe und meinen Schwertern gehe ich durch den Wald. Ich weiß genau, wohin ich gehen muss. Ich muss den alten Ritualplatz finden, auf welchem Ujimasa und Ujiteru ihre Selbstentleibung erfuhren.

Ich weiß nicht, wie lange ich gesucht habe. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren und dummerweise vergessen, meine Taschenuhr aufzuziehen. Sie ist elf Minuten nach drei Uhr stehen geblieben. Es ist leicht diesig und der Lichtkegel der Lampe behindert meine Sicht eher, als dass er sie verbessert. Als ich die Lampe lösche nehme ich irgendwo in der Ferne am Fuße des Berges Lichter wahr. Es sind die Häuser der Bewohner von Odawara. Ich schalte die Lampe nicht wieder ein, versuche mein Glück erneut auf Grund meiner Intuition und lasse mich von einem inneren Gefühl leiten. Ich kenne diesen Ort. Ich muss nur die Erinnerung einer vergangenen Inkarnation freilegen.

Schließlich erreiche ich eine Lichtung inmitten des Waldes. Trotz der diesigen Umgebung und des nur kargen Lichtes der Sterne und der Mondsichel, die schon in wenigen Tagen zu einem Nichts geschrumpft sein wird, kann ich sie deutlich erkennen. Ich bin erstaunt, dass ausgerechnet dieser Platz von der Herrschaft der Bäume verschont worden ist. Nur hohes Gras und Blumen haben den Platz überwuchert.

Ich kniee an jener Stelle nieder, an der ich vor dreihundertdreizig Jahren und fast vier Monaten das Kurzschwert in meinen Unterleib stieß. “Amekumo no. Oheru tsuki mo…” beginne ich ruhig die Zeilen von Ujimasas Todesgedicht zu rezitiern.

“Herbstwind am Vorabend
Blas’ hinweg die Wolken, die sich zusammenballen
vor des Mondes reinem Licht.
Und die Nebel, welche unseren Geist trüben,
fege auch sie hinfort.

Nun vergehen wir
Also, was müssen wir davon halten?
Aus dem Firmament kamen wir
Nun mögen wir wieder zurückkehren
Das ist letztlich eine Frage des Standpunktes”

Als ich aufblicke, haben sich die Bäume, die die Lichtung säumen, in die Zeugen meines Todes verwandelt. Es ist ein sonniger Sommermorgen im August. Die Szenerie ist mir vertraut, aber irgendwie unwirklich. Alles bewegt sich sehr langsam und Geräusche dringen nur dumpf an mein Ohr. Vor mir brennt eine Öllampe, die darauf wartet, das Papier, auf dem die gerade gesprochenen Worte geschrieben stehen, zu verzehren. Wie ferngesteuert übergebe ich das Schriftstück der Flamme. Mein Blick schweift über die Gesichter der Anwesenden: meine Familie, meine Freunde, meine Untergebenen, meine Bezwinger. Sie alle sind gekommen, um meinem Tod beizuwohnen. Ich werde sie nicht enttäuschen, entblöße meinen Oberkörper, nehme das in Papier gewickelte Wakisashi auf, das vor mir auf einem Ritualtisch wartet, und hebe es zum Stoß in meinen Bauch vor mich.

“Tu das nicht!”, hallt plötzlich eine vertraute Stimme klar und deutlich in meinem Geist wider. Überrascht blicke ich auf. Maikurofuto? Ein Gelbes Zeichen rast auf mich zu und ich werde von einer unsichtbaren Kraft rückwärts geschleudert. Der Sommermorgen weicht einer kalten und dunklen Winternacht. Ich sitze benommen mit nackten Oberleib auf dem Boden. Kirishimos kleinere Schwesterklinge liegt ein Stück abseits im Gras. Hastig kleide ich mich an. Was ist hier gerade passiert?

Vor meinen Augen schwirrt noch immer das Echo des Gelben Zeichens. Mir ist schwindelig und Überkeit befällt mich als hätte ich einen schweren Schlag auf den Kopf erfahren. Ich muss mich übergeben und komme nur langsam wieder zu mir.

Gebeutelt versuche ich mich zum alten Schrein zu schleppen, was sich als schwieriger herausstellen soll, als erwartet. Ich weiß nicht, wie lange ich durch den Wald geirrt bin, bis ich das alte Heiligtum schließlich finde. Das Feuer ist schon fast erloschen. Eilig packe ich meine Sachen zusammen und suche nach dem Abstieg. Ich will an diesem Ort nicht länger als nötig verweilen. Ich orientiere mich in Richtung der Lichter der Stadt, die nach und nach immer weniger werden, und finde so zum Rand des Plateaus und schließlich auch den Weg zurück in die Zivilisation.

Hastig steige ich den steilen Pfad hinab zur Stadt herunter. Zu hastig – ich rutsche aus und ziehe mir dabei ein paar schmerzhafte Schürfwunden, doch zum Glück keine ernsthaften Verletzungen zu. Mein Herz rast, doch je weiter ich den Berg hinab steige, desto mehr beruhige ich mich. Erst jetzt verspüre ich einen stechenden Schmerz in der Bauchgegend, den ich mir nicht direkt erklären kann. Ich kämpfe gegen den Schmerz an und konzentriere mich zunächst darauf, in der Stadt nach einer Unterkunft Ausschau zu halten.

Es dauert nicht lange, bis ich ein kleines, schlichtes Ryokan finde, in dem noch Licht brennt. Ich klopfe an. Eine zierliche, ältere Dame öffnet mir die Tür und sieht mich mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid an. Ich muss gerade einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck machen.
“Ich brauche ein Zimmer und reichlich Sake”, sage ich. Die Dame nickt ergebungsvoll und watschelt zum Empfangstresen. “Sie müssen aber im Voraus bezahlen”, sagt sie mit zittriger Stimme, “Wie lange wollen Sie bleiben?” “Erstmal eine Nacht, dann sehe ich weiter”, antworte ich und ziehe meine Geldbörse aus der Tasche, “wieviel bekommen Sie von mir?” Die Dame nennt mir eine Summe, die mir etwas überhöht erscheint. Ohne zu diskutieren lege ich das Geld auf den Tisch. Sie sieht mich mit großen Augen an. Mir entgeht nicht, dass sich ihr Antlitz beim Anblick der Geldscheine sichtlich entspannt. Ich sollte meine Barschaft in diesem Hause besser gut im Auge behalten.

Die Gastwirtin begleitet mich zu meinem Zimmer. Es ist schlicht und zweckmäßig eingerichtet. “Ich werde Ihnen den Sake gleich bringen lassen”, sagt sie. Ich bedanke mich höflich und schließe sanft aber bestimmt die Schiebetür, nachdem sie das Zimmer verlassen hat.

Endlich Ruhe. Erschöpft lasse ich mich auf den Futon fallen, der mir heute Nacht als Schlafstätte dienen soll, wobei mich das schmerzhafte Stechen in meiner Bauchgegend wieder einholt. Ich versuche, ruhig zu atmen, richte mich vorsichtig wieder auf und entledige mich meiner Kleider, um die Stelle näher zu untersuchen. Mein Kimono weist eine auffällige Verschmutzung von einer Substanz, die in Konsistenz und Farbe an irdisches Blut erinnert, auf.

An der schmerzenden Stelle erkenne ich nun eine Schnittwunde, vielleicht einen Zentimeter tief und etwa fünf Zentimeter lang. Der Schnitt befindet sich in einer perfekt waagerechten Position, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie ich mir diese Verletzung zugezogen haben könnte, nur eine gewisse schreckensvolle Ahnung erfüllt mich. Diese bestätigt sich, als ich mein Wakisashi aus der Tasche nehme und relativ frisches Blut an seiner Spitze entdecke.

Ich reinige das Schwert und anschließend die Wunde mit sauberem Wasser aus der Waschschüssel, krame eine Rolle sterilen Garns, eine Nadel und Desinfektionsmittel aus meinem Erste Hilfe Kit hervor und klemme mir ein Stück Holz zwischen die Zähne, bevor ich anfange, die Wunde zu nähen. Der Schmerz treibt mir die Tränen in die Augen. Was würde ich jetzt für ein örtliches Betäubungsmittel geben… Doch ich bleibe hart und flicke mich selbst mit zwölf doch recht sauberen Stichen wieder zusammen. Sicherlich hätte ich auch einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen können, aber wie erkläre ich eine Verletzung dieser Art? Mit einem missglückter Seppuko-Versuch? Ich würde mich der Lächerlichkeit preisgeben…

Es klopft am Türrahmen. “Ihr Sake, verehrter Herr”, höre ich eine junge Frauenstimme. “Stellen Sie ihn vor der Tür ab”, erwidere ich. “Wie Sie wünschen”, antwortet sie und ich vernehme leise kleine Schritte, die sich eilig entfernen.

Bei einer Schale Sake und einer Marihuana-Zigarette sinniere ich über die Geschehnisse auf dem Reizan. Die Geschichte gibt mir zu denken. Was ist da oben passiert? Etwas hatte von mir Besitz ergriffen, mir etwas vorgegauckelt, das nicht echt war und mich zu etwas treiben wollen, das nicht meinem Willen entsprach. Wenn mich Maikurofuto – wie auch immer er das angestellt haben mag – nicht aus dieser Illusion befreit hätte, weiß ich nicht, ob ich noch atmen würde oder welcher Gottheit meine Seele jetzt dienen müsste. “Danke, mein Freund”, sage ich voller Erleichterung leise in den Raum und proste einem imaginierten Ebenbild meines Nakama zu, bevor ich die Sakeschale leere.