空 (Kara) – Leere
Ich befinde mich auf dem Weg nach Tōkyō. Nach meinem abendlichen Ausflug auf den Heiligen Berg von Odawara und dessen unvorhergesehenen Folgen war ich gezwungen, noch ein paar Tage in der alten Residenzstadt der Späteren Hōjō zu verweilen. Die Verletzung hatte mir mehr zu schaffen gemacht, als ich erwartet hatte. Zwei Tage lag ich im Fieber hernieder. Es ist wohl nicht zuletzt der fürsorglichen Pflege Ayumis, der Enkelin der Gastwirtin, zu verdanken, dass ich so schnell wieder auf die Beine gekommen bin.
Den Großteil der etwa anderthalbstündigen Zugfahrt verbringe ich schlafend oder dösend. Am Hauptbahnhof in Tōkyō herrscht rege Geschäftigkeit. Ich fühle mich wie in einem Traum, als wäre ich nur ein stiller und unsichtbarer Beobachter dieser Welt und gar nicht wirklich hier. Von Pflichtbewusstsein getrieben eilen die Menschen von A nach B ohne dabei auch nur die geringste Notiz voneinander zu nehmen.
Ich nehme mir ein Taxi und lasse mich nach Shibuya bringen. Nachdem ich den Fahrer bezahlt habe, stehe ich etwas verloren vor dem Eingang zu meinem Anwesen, das ich vor mehr als einem Jahr zuletzt betreten habe. Der Garten wirkt ungepflegt und verwildert. Auch das Innere des Hauses zeugt von der leeren Trostlosigkeit, die hier seit November letzten Jahres herrscht. Tetsuya hatte nach seinem Abenteuer mit meinen Freunden seine Stelle als wissenschaftlicher Assistent aufgegeben und war zu seiner Familie auf Okinawa zurückgekehrt. Er bestritt dort nun seinen Lebensunterhalt als Fischer, wie es seine Familie schon seit Jahrhunderten tat. Das ist das Letzte, was ich in einem Brief von Yukio über ihn erfahren hatte. Diese Information ist jetzt aber auch schon einige Monate alt.
‚Es ist eine Schande, dass dieses Haus leer steht’, denke ich bei mir. Auf der anderen Straßenseite bemerke ich einen Bettler, der verzweifelt versucht, von den Passanten etwas Kleingeld für eine warme Mahlzeit zu erbitten und mir wird klar, wie dekadent ich mein eigenes Leben im Grunde führe. Ich habe Mitleid mit dem Mann und lade ihn zu einer Mahlzeit in einer nahegelegenen Suppenküche ein. Aber auch das ändert nicht viel. Das gute Gefühl, jemandem geholfen zu haben, hält nur kurz an. Wenige Augenblicke, nachdem sich der Mann in ehrlicher Dankbarkeit von mir verabschiedet hatte, umfängt mich wieder diese innere Kälte und Distanziertheit, dieses Gefühl, nicht mehr ganz hier zu sein und mit einem Bein schon auf der anderen Seite des Seins zu stehen. Der kalte, graue Winterhimmel trägt sein Übriges dazu bei, dieses beklemmende Gefühl in mir zu verstärken.
Mit einem leisen Seufzer verlasse ich die Suppenküche und mache mich auf den Weg zum Tōfuku-Ji, einem alten Tempel, der bereits in der Zeit des Ashikaga-Shogunats im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Ich war schon häufiger hier, wenn ich mich verloren und ratlos gefühlt hatte. Auch heute hoffe ich in der Meditation und im Gebet mit den Mönchen Antworten oder zumindest Stille zu finden. Die Antworten bleiben aus, doch die Stille stabilisiert mich. Ich verweile nach dem öffentlichen Gebet noch einen Moment in den Hallen, bevor ich zurück zu meinem Haus gehe. Auf dem Weg besorge ich noch Kohlen und Feuerholz, sowie ein paar Lebensmittel, denn ich weiß nicht, ob in Okumura-Tachi noch Vorräte irgendeiner Art lagern.









