Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

史 (Shi) – Historie

Vage Fragmente eines verblassenden Traumes umfangen mich, als ich erwache. Ich habe von meiner verstorbenen Schwester geträumt. Sie wollte mich warnen, aber ich kann mich nicht erinnern, wovor.

Die Glut im Ofen ist noch warm. Ich lege ein paar Holzscheite nach und setze Teewasser in einem Kessel auf. Während des Feuer den Raum erwärmt und das Wasser im Kessel erhitzt, widme ich mich meinen Körperübungen, die ich in den letzten Tagen wegen meiner Verletzungen vernachlässigen musste. Ich muss vorsichtig sein, merke ich, damit die frisch verheilte Wunde nicht durch eine unachtsame oder heftige Bewegung wieder aufzureißen droht.

Nachdem ich mich gewaschen und gefrühstückt habe, rufe ich das Büro meines Bruders an. Dort erfahre ich, dass Yukio diese Woche nicht mehr an der Universität anzutreffen sei. Der Herr am anderen Ende der Leitung bietet mir an, einen Termin zu vereinbaren, doch darauf verzichte ich dankend. Stattdessen fahre ich nach Hongō direkt zum Haus meines Bruders und seiner Familie.

Tsuki öffnet mir, als ich dort ankomme. Sie ist sichtlich überrascht, mich zu sehen und bittet mich erfreut ins Haus. “Yukio”, ruft sie, “rate wer hier ist.” Da höre ich schon eilige Schritte die Treppe hinunter kommen. “Bruderherz”, ruft Yukio begeistert, “was für eine Überraschung!” Wir begrüßen uns mit einer herzlichen Umarmung, bevor wir uns zu einer Unterhaltung niederlassen. Nach einigem belanglosen Gedankenaustausch, lenkt Yukio das Gespräch auf den letzten Brief, den ich ihm geschrieben hatte. Er gesteht, dass er meine Bitte, etwas aus dem Inari-Großschrein abzuholen, von dem er nicht einmal sagen könnte, was es wäre, und dann noch mit dieser seltsamen Losung, anfangs etwas merkwürdig fand, doch dann siegte seine Neugier. “Ich hatte ja befürchtet, mich mit dieser Geschichte lächerlich zu machen, doch der Mann, dem ich es erzählte, wurde plötzlich ziemlich ernst. Er führte mich in eines der nicht öffentlich zugänglichen Gebäude und bat mich, einen Moment zu warten. Er kam mit dem obersten Priester des Schreins zurück. Dieser bat mich, die Schlüsselworte zu wiederholen. Das tat ich und er überreichte mir das hier.” Mit diesen Worten legt er einen mir durchaus vertrauten Gegenstand auf den Tisch: eine verzierte Bambusschatulle mit dem Mitsu-Uroko, dem Familienwappen der Hōjō. Ich nehme das Kästchen in die Hand und öffne sie mit Yukios Einverständnis. In der Schachtel finde ich Ujimasas Siegelring und den Brief, den ich damals verfasst habe. “Er sagte, die Schatulle sei vor 330 Jahren dort abgegeben worden, von einem Mann, der in Schwarz und in Weiß gekleidet war”, erinnert sich Yukio, “der Ring und die Schatulle tragen beide das Wappen der Hōjō. Es ist 330 Jahre her, dass Toyotomi Hideyoshi den Hauptsitz der Späteren Hōjō in Odawara eroberte und es gab in jener Zeit einen Mann, von dem es in Legenden und Überlieferungen heißt, dass er sich stets in Schwarz und Weiß kleidete: Fūma Kotarō, Anführer des Ninja-Klans der Fūma. Er soll ein enger Vertrauter Hōjō Ujimasas gewesen sein. Soweit passt alles zusammen. Was aber nicht passt, ist dieser Brief. Das Papier ist alt und könnte aus dieser Zeit stammen, aber das ist deine Handschrift und es stehen sehr persönliche Dinge über uns in dem Brief. Ich verstehe das nicht. Die Schatulle war versiegelt, als man sie mir gab, und der Priester versicherte mir, dass sie nicht berührt worden sei, seit man sie dorthin gebracht hatte.”

Fasziniert halte ich den Brief in den Händen. Ich kann es selbst kaum glauben, aber hier steht es schwarz auf weiß: ‘…wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, ist das der Beweis, dass ich nicht nur träume…’. “Dann war es also wirklich und real”, sage ich nachdenklich. An meinen Bruder gewandt fahre ich fort: “Ich glaube, ich kann das erklären, aber es ziemlich… naja, ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll…, es könnte dir wie eine erfundene Geschichte vorkommen.”

Ich berichte Yukio von dem alten Schrein, den wir im Keller meines Hauses in England entdeckt hatten und wie dieser uns in die Zeit der Streitenden Länder geführt hatte. Ich erzähle ihm, wie ich als Fürst Hōjō Ujimasa den Fall von Odawara und den Niedergang meines Geschlechts erlebte. “In der Nacht nach der Kapitulation wachte ich auf und fand diesen Brief auf meinem Schreibtisch. Ich konnte mir nicht erklären, was das zu bedeuten hat, aber ich hatte das Gefühl, dass es wichtig wäre. Ich habe Kōtarō gebeten, den Brief in diesem Päckchen nach Kyōto zu bringen. Er ist offenbar meiner Bitte gefolgt.”
Yukio schaut mich verwundert an. “Du beliebst zu scherzen, oder?”, fragt er unsicher. “Nein, ich scherze nicht. Bis du mir eben gerade diese Schatulle gezeigt hast, war ich mir selbst nicht sicher, ob das alles nicht nur ein Traum oder ein anderes Produkt meiner Phantasie gewesen ist. Aber jetzt sehe ich das anders. Wir waren wirklich da. Ich war Hōjō Ujimasa und zwar in exakt derselben Zeitlinie, in der wir jetzt existieren.”
“Du redest ziemlich unverständliches Zeug, Bruder”, wendet er besorgt ein, “geht es dir gut? Es gibt nur eine Zeitlinie und Hōjō Ujimasa wurde meines Wissens dazu verurteilt, Seppuku zu begehen. Hast du das auch miterlebt?”
“Er wurde nicht verurteilt, er hat aus freien Stücken entschieden, zu sterben”, wende ich ein, “ich war dabei, als er sich auf dem Heiligen Berg von Odawara das Leben nahm. Danach fand ich mich im Keller von Curdridge Hill in der Gesellschaft meine Freunde wieder.”
“Das klingt alles ziemlich weit hergeholt”, meint Yukio skeptisch, “anderseits… die Wissenschaft kennt nicht alle Antworten. Nur weil etwas unmöglich erscheint, heißt es nicht, dass es das auch ist.”
Er scheint eine Weile über eine solche Möglichkeit nachzudenken. Sein Blick verharrt auf der Schatulle von Ujimasa. “Die Vorstellung, an historischen Ereignissen aktiv teilzunehmen ist faszinierend. Es würde uns einen ganz neuen Blick auf unsere Vergangenheit ermöglichen. Ich beneide dich, Haruka.”
“Du solltest mich darum nicht beneiden”, erwidere ich, “ich musste mich umbringen, um in meine Zeit zurück zu kehren und ich fürchte, dass diese Reise, dieser Akt, tiefgreifendere Spuren bei mir hinterlassen hat, als es scheinen mag.” Ich erschauere bei der Erinnerung an die nur wenige Tage zurückliegenden Ereignisse auf dem Berg oberhalb von Odawara-Jō.