Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

二人は天から降りる (Futari wa ame kara oriru) – Zwei, die vom Himmel fallen

Auf dem Weg ins Dorf begegnet uns ein Hirte. Belustigt fragt er, ob wir ein Bad im Fluss genommen hätten. Wir erklären, dass Karura-san unglücklich gestürzt und dabei in den Fluss gefallen sei. Der amüsierte Gesichtsausdruck des Hirten weicht einer gewissen Ernsthaftigkeit und ehrlicher Besorgnis. „Brauchen Sie einen Arzt?“, fragt er. Schaden könne das nicht, meinen wir, und der Hirte beginnt Karura-san zu untersuchen. Auf unsere verwunderten Nachfragen hin erklärt er, dass er einmal Arzt gewesen sei, sich nun aber in die Ruhe der Berge zurück gezogen habe und nur noch Ziegen züchten wolle. 

Nach einer Weile bestätigt er uns, dass Karura-san keine ernsthaften Verletzungen erlitten hat. Sie würde heute vielleicht noch ein wenig unter Kopfschmerzen leiden, dürfte aber nach etwas Ruhe und einer ordentlichen Portion Schlaf schnell wieder genesen.

Als wir zum Gasthaus zurückkehren entdecke ich einen alten Bekannten. Es ist Mr. Donovan, dem wir bereits in Glastonbury in Begleitung von diesem gewissen Otto Rahn über den Weg gelaufen sind. Er sitzt mit einem schroffen Mann in Uniform – ich meine darauf deutsche Militärinsignien erkennen zu können – an einem Tisch. Henuri-san wird sichtlich nervös, als ich ihn auf die zwei Männer aufmerksam mache. Die beiden unterhalten sich heftig. „Berlin erwartet Ergebnisse“, wettert der deutsche Militär lautstark. „Die werden Sie bekommen, Oberst Vogel“, antwortet Donovan gereizt, steht auf und marschiert vor sich hin fluchend nach draußen. Von uns nimmt er keine Notiz. Auch Oberst Vogel steht auf und verläßt den Schankraum.

Ich will gerade nach oben auf mein Zimmer, das ich mir mit Henuri-san teile, gehen, als die Motorengeräusche eines Flugzeuges zu hören sind. Kurz darauf läßt sich ein euphorischer Begeisterungsruf vernehmen. Als ich nach draußen komme, um nachzusehen, was da los ist, traue ich meinen Augen nicht. Zwei Menschen fallen dort vom Himmel. Aus dem Augenwinkel erkenne ich ein Postflugzeug, das in Richtung Südost aus meinem Blickfeld verschwindet. Vermutlich sind die beiden Leute da oben aus diesem abgesprungen oder abgeworfen worden. Ich frage mich, wer so verrückt ist, mitten in den Bergen aus einem Flugzeug zu springen. Mir fällt nur ein Mensch ein, dem ich so etwas zutraue.

Als diese zwei Personen weiter dem Boden entgegen stürzen, öffnen sich von ihren Rücken auf etwa achtzig oder hundert Metern Höhe Fallschirme. Irgendwann erkenne ich, dass Senchō und Mare-kun daran hängen und sanft zur Erde gleiten.

„Senchō, wo hast du gesteckt?“, rufe ich, als die beiden gelandet sind. In Bristol, gibt er mir zu verstehen. Er kommt mit gesenktem Blick und gebeugtem Rücken auf mich zu und berichtet, dass ein Stapel Briefe unter Chiffre 2342 bei mir eingegangen seien. Es hätte wichtig ausgesehen und da er nicht gewußt hätte, wann ich zurück komme, hätte er die Briefe geöffnet. „Du hast was?“, frage ich empört, doch Senchō lenkt ein, es wären alles Bewerbungen für eine Stellung als Hausangestellte/r und er habe veranlasst, dass die Bewerber über den Posteingang informiert würden. Ob er die Briefe wenigstens mitgebracht hätte, frage ich, was er verneint. Zwar ist durch dieses Vergehen jetzt kein wirklicher Schaden entstanden, sage ich, aber ich lasse mir von Senchō das Versprechen geben, dass er sich zukünftig nicht mehr um meine Postangelegenheiten kümmern würde – egal wie dringend es ihm erschiene. Ich vergeben ihm dieses Mal seinen Frevel und will nun endlich auf mein Zimmer, um mich meiner klammen Kleider zu entledigen. 

Als ich nun endlich wirklich dazu gekommen bin, mich umzuziehen, bestelle ich mir etwas zu Essen und lese danach im Hagakure. Ich bin vor ein paar Tagen auf den Gedanken gekommen, mich nach langem einmal wieder mit diesem Buch auseinander zu setzten. Das letzte Mal, dass ich das getan habe, liegt schon mehr als fünfzehn Jahre zurück. Schon damals ist mir aufgefallen, dass ich die von Yamamoto Tsunetomo aufgezeichneten Weisheiten der Samurai als junger Erwachsener anders verstand, als damals als Kind, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen hatte.  Ich lasse mir einen Whiskey aus den Schottischen Highlands einschenken, den Henuri-san im Sortiment der Bar entdeckt und als ein besonders geistreiches Elixier empfohlen hatte. In diesem Moment kommen Mari-chan und Senchō in den Schankraum. Abenteuerlustigen Blickes fragen sie mich, ob ich nicht Lust hätte,  sie auf einen Spaziergang durch das Dorf zu begleiten. Ich blicke abwechselnd zu Mari-chan, dann zu Senchō und wieder zu Mari-chan. „Gleichzeitig ist es empfehlenswert, nicht mit Menschen zu eng zusammen zu kommen, die irgendwie fragwürdig sind, denn ganz gleich, was auch sein mag, es besteht die Möglichkeit, durch diese Personen in eine Sache hineingezogen zu werden“ , hatte ich gerade gelesen, „Jede noch so kleine Angelegenheit muss verantwortet werden.“ Dankend lehne ich das Angebot ab. 

Sie bleiben nicht lange weg. Schon nach einer halben Stunde sind Mari-chan und Senchō zurück. Mari-chan setzt sich zu mir an die Bar. „Sie werden es nicht glauben, Mr. Sanjūrō“, sagt sie, „Sie hatten recht.“ Was passiert sei, frage ich ob der Erwartung etwaiger Schwierigkeiten, in die Mari-chan sich wieder gebracht hat, in innere Alarmbereitschaft versetzt. „Nichts“, antwortet sie, „hier ist nichts los.“ Sie ist also nicht wieder einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten? „Sie haben Recht, Miss Humboldt“, antworte ich und entzündet mir erleichtert eine Mal-Kah, „das kann ich wirklich kaum glauben.“

Der Amerikaner, Donovan, kommt zurück. Mari-chan und Senchō haben sich bereits in ihre Schlafquartiere zurückgezogen. Er wünscht noch einen schönen Abend, ich wünsche ihm eine gute Nacht. Kurze Zeit später stapft Oberst Vogel herein. Er verschwendet keinen Blick und marschiert wortlos ins Obergeschoß. Jaques, der Barkeeper, ein hübscher Bursche, vielleicht ein paar Jahre jünger als ich, wirft mir interessierte Blicke zu. Gerne lasse ich mich auf einen unverbindlichen Flirt ein, der zum Ende hin sogar ziemlich prickelnd wird. Dummerweise sind aber alle Zimmer des Gasthauses belegt. In der Abstellkammer hat Senchō ob Ermangelung noch freier Zimmer sein Nachtlager aufgeschlagen und in meinem Zimmer schlafe ich nicht allein. Jaques wirft ein, dass der Stall des benachbarten Bauern nicht verschlossen sei. Obwohl mein letztes amouröses Abenteuer schon eine ganze Weile zurückliegt, hemmt mich die Vorstellung einer Liaison zwischen Tieren im Stall eines Fremden. „Tut mir leid, Süßer“, lehne ich das verlockende Angebot mit Bedauern ab, „Heute nicht. Vielleicht ein anderes Mal…“ Ich gebe ihm einen Kuss zur guten Nacht und verabschiede mich. [simple_tooltip content=’Gute Nacht, Süßer, bis bald.‘]“Oyasuminasai, kaaii-chan, dewa mata.“[/simple_tooltip]

Henuri-san schläft tief und fest und erfüllt das Zimmer mit geräuschvollem Schnarchen. Ich schaue aus dem geöffneten Fenster in die Sterne und rauche noch eine Zigarette, bevor ich mich zum Schlafen niederlege. Bilder von Ereignissen des vergangenen Tages streifen durch meinen Geist. Ich denke an die Kinder, an Karl, seine tiefe innere Überzeugung, die ich gerade in diesem Augenblick wieder als meine eigene empfinde. Etwas von Karls Wesen hat sich mit mir verbunden oder vielmehr hat sich mir eine Verbindung, die schon längst bestand, offenbart. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich vor sieben oder acht Jahrhunderten als dieser Junge in dieser Gegend gelebt haben muss.

Mit diesen Gedanken schlafe ich ein. Im Traum verfolge ich die Idee weiter. Ich (Karl) sitze mit den anderen Kindern an einem Lagerfeuer. Wir haben unsere durchnäßten Kleider zum trocknen aufgehängt. Zwei weitere Kinder haben sich uns angeschlossen. Es sind Geschwister – Fabienne und Comté. Sie haben ihre Eltern verloren und sind nun auf sich selbst gestellt. Wir sind noch immer auf der Flucht und auf dem Weg in das Kloster San Juan de la Peña. Die vor uns liegende Reise ist beschwerlich und birgt Gefahren in sich, aber wir haben keine Angst und si
nd voller Zuversicht. Erschöpft aber glücklich schlafen wir unter dem sternenübersäten Firmament ein.