Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

リェイに決勝戦 (Rilei ni kesshosen)- Das Finale in R'yleh

Wir landen an den Ufern einer Stadt. Ihr Anblick ist mir wohlvertraut und mit nicht gerade angenehmen Erinnerungen verknüpft. Doch ruht R’yleh nicht mehr auf dem Meeresgrund. Die Stadt des Großen Alten, der Cthulhu genannt wird, erhebt sich aus den Tiefen des Meeres. Ein Wirbelsturm tobt über ihr am Himmel und hüllt die Szenerie in ein diffuses Zwielicht. Bedrohlich streckt der Herr des Wassers in einige Entfernung seine riesige, grüne Tentakel den Leuchtturm hinauf, über den wir damals in die Stadt gekommen sind, und stößt dabei abscheuliche schlurfende und schmatzende Geräusche aus. Angewidert wende ich meinen Blick ab.

Wir haben die Karte des Straßenlabyrinthes von R’yleh, die wir bei unserem letzten Besuch hier gefunden hatten, dabei und können uns mit ihrer Hilfe orientieren und unseren Standpunkt ausmachen. Um nah genug an Cthulhu heran zu kommen, liegt noch ein recht langer Weg vor uns. 

Leise und aufmerksam machen wir uns auf den Weg. Die Anspannung in jedem von uns ist deutlich spürbar. Wir erwarten nicht, dass wir hier allein sind und rechnen damit, dass sich Cthulhus Gefolge uns in den Weg stellen wird. Dies soll auch nicht lange auf sich warten lassen. Hinter einer Ecke hören wir ein verdächtiges schlabberig-tentakloides Schmatzen. 

Wir ändern unsere Formation. Maikurofuto und ich übernehmen die Führung. Was ich erblicke, als ich um die Ecke spähe, um uns einen Überblick über die Situation zu verschaffen, raubt mir für einen Moment den Atem. Erschrocken weiche ich in meine Deckung zurück. Ein fünf Meter großes, aufrecht stehendes, geflügeltes Wesen versperrt uns den Weg. Grüne Tentakel winden sich dort, wo man ein Maul vermuten würde. Wir prüfen die Karte, ob es nicht einen Weg gibt, über den wir eine Konfrontation mit dieser Kreatur vermeiden können, doch es gibt tatsächlich nur diesen einen Weg. Wir müssen kämpfen, wenn wir weiter wollen.

Wir legen uns auf die Lauer und warten auf eine günstige Gelegenheit für den Angriff. Als diese gekommen ist, gebe ich Maikurofuto gestisch zu verstehen, dass ich mich jetzt in den Nahkampf stürzen werde. Ich bemühe mich meiner spirituellen Kräfte: ein kurzer Augenblick der Konzentration und die Welt um mich herum verlangsamt sich um die Hälfte ihrer Geschwindigkeit. Ich laufe vorwärst. Meine Waffen sind gezückt und bereit für den Kampf. 

Abwechselnd schlage ich mit meiner linken und meiner rechten Hand auf die Kreatur ein. Mit Leichtigkeit durchtrennen die Klingen die zähe Haut des Wesens, das dabei grotesk glucksende Schlurflaute von sich gibt. Jeder Hieb sitzt, doch die Wirkung ist Minimal. Hinter meinem Rücken vernehme ich Gewehrfeuer. Maikurofuto übersät das Geschöpf mit einer Geschoßsalve nach der nächsten. Zu meiner Besorgnis erkenne ich, dass sich die Wunden des Wesens nach einer Weile wieder schließen. Wir müssen uns beeilen.

Karura-san hebt zu einen dunklen, mysteriösen Gesang an. Beflügelt durch diese Kampfeshymne lasse ich meine Schwerter immer wieder auf die Kreatur einstürzen. Ich gönne mir keine Unaufmerksamkeit. Geschätzt zwanzig oder dreißig Schwerthiebe versetze ich dem Wesen -jeder ist ein Treffer – doch langsam spüre ich, wie meine Kräfte schwinden. Lange halte ich dieses Tempo nicht mehr durch.

Plötzlich fliegt etwas weiches, weißes auf das krakengesichtige Monster zu. Was ist das? Ich stelle fest, dass es ein Wattebausch ist. Vollführt Mari-chan wieder eines ihrer pharmazeutischen Experiment oder versucht sie, eine Probe zu nehmen? Verdammt, ich habe mich ablenken lassen. Mein Kurzschwert verfehlt sein Ziel. Gerade, als ich zu einem erneuten Hieb ausholen will, erwischt mich die riesige Pranke des Tentakelwesens und schleudert mich schmerzhaft gegen eine der grünen, glasartigen Wände. Ich kämpfe gegen den Schmerz und die drohende Ohnmacht an. Ein paar Rippen scheinen gebrochen zu sein. Maikurofuto ist sofort bei mir und hilft mir, einen Stützverband anzulegen. Das Atmen fällt mir schwer, doch ich bin entschlossen und gebe diesen Kampf noch nicht verloren. Es ist noch nicht vorbei.

Karura-san singt noch immer ihr düsteres Lied. Die Melodie dringt mir in Mark und Bein und während meine körperliche Verfassung nicht gerade die beste ist, spüre ich, wie Karura-sans Lied mich spirituell stärkt. Ich werde fast euphorisch, spüre den Schmerz nicht mehr, ignoriere das Schwindelgefühl, das wohl auf den körperlichen Schock zurück zu führen ist und stürze mich voller Entschlossenheit wieder in den Kampf. Bevor ich aber dazu komme, meinen nächsten Hieb zu führen, sinkt das Geschöpf schlaff auf dem Boden zusammen. Verdutzt und fast etwas enttäuscht lasse ich meine Waffen sinken. Ich bin gerade so richtig in Kampflaune. Ich beobachte, wie sich die Wunden der Kreatur allmählich wieder zu schließen beginnen. Komm schon, steh wieder auf! Ich töte dich noch einmal!“, fordere ich es, doch dann mahnt Maikurofuto: „Lasst uns lieber weiter gehen, bevor das Biest wieder auf die Beine kommt.“

Als wir etwas Abstand zum Gefechtsort gewonnen haben, legen wir eine kurze Rast ein, um uns etwas zu erholen. Ich bin nicht der einzige, der Blessuren davon getragen hat. Auch Lorudo-dono hat es erwischt. Er japst unter Schmerzen. Mare greift in ihre Tasche und holt ein Päckchen daraus hervor, das sie Lorudo-dono reicht. Auch mir überreicht sie ein solches. „Was ist das?“, frage ich. „Medizin“, antwortet sie knapp. „Aber ich fühle mich gut“, erwidere ich. Mare lässt prüfend ihre Blick über mich gleiten. „Du siehst aber nicht besonders gut aus“, entgegnet sie, „vertrau mir und schluck das runter!“

Das Päckchen enthält etwas von den Granulaten, die Mare im Laufe der letzten Woche und Monate zusammengetragen hat – ein Teil des Schwarzen und fünf Teile des Silbernen. Ich erinnere mich an das Rezept, von dem Mare gesprochen hatte. Wenn ich mich recht entsinne, ist dies eine Heilmixtur. Ein Teil der Nacht, was dem Zustand der Stabilität des Geistes entspricht, und fünf Teile des Mondes als Symbol für die spirituelle Kraft, können damit für sechs Teile der lebenspendenden Energie der Sonne eingetauscht werden. Ob das wirklich funktioniert? Ich bin gespannt…

Beherzt schlucke ich die Mixtur und verspüre augenblicklich, wie sich meine Energien verschieben und gegeneinander aufwiegen. Die überschwengliche Euphorie meines Herzens entweicht und mit ihr entschwindet auch der körpereigene Drogencocktail, der mich den Schmerz meiner gebrochenen Knochen nicht hat fühlen lassen. Jedoch spüre ich jetzt, wie meine Verletzung auf magische Weise in Sekundenschnelle verheilt. Für einen kurzen Moment wird mir etwas flau im Magen. Es fühlt sich seltsam an, seine eigenen Knochen beim Zusammenwachsen zu beobachten.

Wir halten uns nicht lange auf und gehen dann zügig weiter. Nach einer Weile liegt etwas am Wegesrand. Es ist das Modell eines Segelschiffes, einer dreimastigen Schoneryacht. Ich erkenne, dass es eine exakte Miniaturnachbildung der Almina ist. Lorudo-dono hebt das Fundstück auf und betrachtet es eingehend. Seine Züge nehmen ein zufriedenes und selbstsicheres Lächeln an, als er das Schiffmodell mit sich nimmt.

Wir sind schon fast am Ziel, als wieder eine dieser tentakelgesichtigen Kreaturen unseren Weg versperrt. Dieses Mal wählen wir eine andere Taktik. Maikurofuto will die Aufmerksamkeit des Wesens auf sich lenken, während wir anderen aus sicher Distanz mit Gewehrfeuer, Dynamit und Granaten auf das Geschöpf feuern wollen. Als das Wesen uns den Rücken zuwendet, stürzt er aus der Deckung und läuft auf die Kreatur zu. „Hey, du häßliche Tintenfischvisage, komm her und versuch mich zu kriegen…“, spottet er. Das Wesen dreht sich um und wir eröffnen das Feuer. Das Wesen scheint zu verstehen, dass die eigentliche Bedrohung nicht von dem kleinen Menschen zu seinen Füßen ausgeht. Es ignoriert Maikurofutos Provokationen und bewegt sich schnurstracks auf uns zu. „Hey, was soll das? Wo willst du hin?“, höre ich Maikurofuto rufen, „Ich bin dein Feind!“ Er baut sich vor dem Monster, uns den Rücken zuwandt, auf und reißt sich die Maske von seinem Gesicht. Die Tentakel des Wesens bäumen sich auf und in rasender Wut stürzt es sich nun doch auf Maikurofuto. 

Wir fahren mit unserem Plan fort und behaken die Kreatur aus der Ferne. Unser Vorgehen erweist sich als durchaus effektiv. Das Wesen verliert sichtbar an Kraft. Maikurofuto tänzelt vor seinen Füßen hin und her und weicht geschickt jedem Angriff aus.  Ich setze einige sogar recht gute Schüsse ab, doch dann versagt mein Gewehr. Die Waffe explodiert – gerade noch rechtzeitig werfe ich sie zur Seite und verhindere dadurch größeren Schaden. „Verdammter Mist“, fluche ich und schimpfe auf die Unzuverlässigkeit von Gewehren im Allgemeinen und japanischen Modellen im Besonderen. Ein Übergang in den Nahkampf wäre töricht. Das Risiko, von einer unserer Granaten oder Dynamitstangen außer Gefecht gesetzt zu werden, ist höher als die Gefahr, von den Pranken oder Tentakeln des Wesens erwischt zu werden. Ich überlege für einen Moment, mein Schwert als Wurfwaffe einzusetzen, als ein Remington Modell 8 vor meine Füße rutscht. „Nicht mehr als zwei Schuß auf einmal“, mahnt mich mein Freund und hüpft behende über einen Tentakel, der, sich windend, vergeblich versucht, seiner habhaft zu werden. 

Ich hebe das Gewehr auf, lade durch und ziele. Volltreffer! Zwei Hohlspitzgeschosse dringen in den Schädel der Kreatur ein – genug, um sie vorerst unschädlich zu machen. Jetzt nur schnell weiter… Wir sind fast da.

Als wir den Platz erreichen, der zum Leuchtturm führt, wird es ernst. Der Herr des Wassers selbst hat uns noch nicht bemerkt oder unsere Gegenwart interessiert ihn nicht. Zu sehr ist er in den Zwist mit seinem Bruder vertieft. Wir verbinden unsere Augen und halten einander an den Schultern fest, um uns nicht zu verlieren. Lorudo-dono geht voran, gefolgt von Mare, die ein mitgebrachtes, klappbares Podest, das Lorudo-dono speziell für diesen Zweck hat anfertigen lassen, im Zentrum des Kreises aufbauen wird. Der Ausführende solle erhöht stehen, hieß es in der Ritualbeschreibung. Wir anderen folgen Lorudo-dono im Gänsemarsch, um ihm beim Zeichnen seines Kreises nicht in die Quere zu kommen. Als der passende Ort gefunden scheint trennt sich Mare aus unserer Reihe. Lorudo-dono gegibt sich in eine kreisförmige Bahn. Wir anderen folgen. Plötzlich stoppt Lorudo-dono – das ist das Zeichen, das der Kreis fertig gezogen wurde. Ich höre Lorudo-donos Schritte, die die Stufen des Podestes erklimmen. Ein Moment der Stille, die nur von Cthulhus Schlurfen und Schmatzen überlagert wird, dann folgen die unirdischen, dunklen Worte der Verbannungsformel, die Lorudo-dono kraftvoll in Richtung des Großen Alten spricht: „Uhl-uht-c. Hyl-hjr-ar-eft-kju-eruz’n dor. Ig-jär-ig-j’hy-ogg-lhu… …“. 

Die schauderhaften Geräusche, die die Stadt erfüllen, schwellen zunächst an. Nun ist Cthulhu unserer doch Gewahr geworden, doch der Schutzkreis, den Lorudo-dono um uns errichtet hat, macht ihn machtlos gegen uns. Lorudo-dono wiederholt die Formel ein um das andere Mal. Das Schmatzen und Schlurfen wird etwas schwächer, als entfernte sich der Herr des Wassers. Ich spüre, dass es feucht wird um meine Füße. Es funktioniert. R’yleh ist dabei, wieder auf den Grund des Meeres zu sinken.

Als das Wasser bereits hüfthoch steht und die zwar schwächer werdenden Rufe des Herren der Stadt noch immer nicht vollständig verklungen sind, werde ich etwas nervös. Wie lange wird das noch dauern? Ist es am Ende unser Schicksal zusammen mit der Stadt vom Meer verschlungen zu werden? Lorudo-dono wiederholt unbeirrt die Formel. 

Endlich verstummen die Laute. Das Wasser steht mir mittlerweile bis zur Brust. Ich nehme meine Augenbinde ab und sehe noch die Spitze eines riesenhaften Tentakels im Meer verschwinden. Lorudo-dono steht erhaben auf dem Podest und spricht mit ausgebreiteten Armen weiter die Verbannungsformel. Das Wasser berührt gerade einmal seine Fußsohlen. Zu seinen Füßen sehe ich das Modellschiff, das Abbild der Almina, im Wasser versinken. Ich folge ihm mit meinem Blick, bis das Schiff in der Finsternis des tieferen Wassers nicht mehr zu sehen ist. Die Almina – sie ist verloren. Mit ihr schwindet auch die letzte Hoffnung auf die Rettung der Seelen der einundzwanzig Seeleute, die treu auf ihr gedient hatten. Es war der Lord, der es so entschieden hat.

Als das Wasser seine Knöchel erreicht, verstummt endlich Lorudo-donos ritueller Singsang. Bedächtig nimmt er seinen Augenschutz, Marijas Seidenschal, herab und betrachtet zufrieden sein Werk. Kalt lächelnd läßt er seinen Blick schweifen. ‚Seht mich an, hier bin ich, der Bezwinger des Großen Cthulhu‘, scheint er ausdrücken zu wollen. 

„Lord, öffnet das Portal!“ Dieser Ruf erregt nun endlich seine Aufmerksamkeit. Er holt vier der Portalkugel hervor – eine bleibt in seiner Tasche zurück – und öffnet den Durchgang zurück nach Highclere Castle. Ich trete hindurch und finde mich im Tanzsaal wieder. Gerade wird die Tombola eröffnet und Karura-san zieht den ersten Gewinner. Neben ihr auf der Bühne steht das Königspaar. Senchō ist der Glückliche und nimmt freudig seinen Preis entgegen. Es ist, als wäre gar nichts passiert. Mare und Karura-san grinsen sich verschwörerisch an, Lorudo-dono amüsiert sich und hält Smalltalks mit den Gästen. Bin nur ich es, bei dem dieser Ausflug zum Punkt Nemo nachhaltige Spuren hinterlassen hat? Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, auch nicht, dass ich mich im Augenblick noch nicht einmal wirklich auf meine offiziellen Aufgaben konzentrieren kann. 

Ich bin froh, als um ein Uhr die Veranstaltung für beendet erklärt wird und der König sich in seine Gemächer zurück zieht. Ich versichere mich der Anwesenheit der Nachtschicht und übergebe den Dienst. 

Auf dem Weg zu meinem Quartier komme ich an Maikurofutos Zimmer vorbei. Vorsichtig klopfe ich an. „Bist du noch wach?“, frage ich. „Ja, komm rein“, höre ich von innen. Die Tür ist gar nicht richtig verschlossen. Irgendjemand hat sie wohl vor einer Weile eingetreten.

„Ich habe hier etwas, was ich dir geben muss“, erkläre ich und hole den Brief von Sherlock aus meiner Tasche heraus, „Senchō hat diesen Umschlag unter deiner Tür gefunden, als diese komischen Dinge hier angefangen haben. Ich habe ihn geöffnet. Ich hoffe, du kannst mir das in Anbetracht der Umstände verzeihen.“ Wortlos nimmt er den Brief entgegen. Stumm liest er die Zeilen seines Bruders. Ich versuche zu erahnen, was in ihm vorgeht, doch die Maske verbirgt jede seiner Regungen vor mir. 

Schließlich legt er den Brief zur Seite. „Du siehst geschafft aus“, sagt er, „wie wär’s mit einem Drink zur Feier des Tages?“
„Ich würde gerne“, antworte ich, „aber ich habe morgen noch einen harten Tag vor mir. Wenn ich es schaffe, schnell zur Ruhe zu kommen, kann ich vielleicht noch vier oder fünf Stunden schlafen.“
Maikurofuto nickt verstehen. „Dann eben morgen“, sagt er, „erhol dich gut.“

Als ich mein Zimmer erreiche, falle ich augenblicklich auf mein Bett und in einen tiefen Erschöpfungsschlaf.