Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

ワイトマジ区 (Waito Majiku) – White Magic

Ich erwache auf einer Lichtung. Über mir erstrecken sich gigantische Pilze. Mir wird klar, dass ich hier schon einmal war: das ist die gleiche Lichtung, auf der ich gelandet bin, nachdem ich im Krankenhaus in Dunedin dieses Algenpulver zu mir genommen hatte. Ich bin im Traumland. Ich gehe zur Truhe, in welcher ich nach unserem physikalischen Besuch dieser Lande vor etwas mehr als einer Woche bequeme Kleidung abgelegt hatte. 

Kaum dass ich die Truhe geöffnet habe, werde ich unsanft zur Seite gestoßen. Es ist Senchō, der mich von der Truhe wegzudrängen sucht. Verwundert ob dieses Verhaltens sehe ich ihn an. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, frage ich. Senchō antwortet nicht, sondern drängelt mich weiter von der Truhe weg. Mir ist dieses kindische Gehabe zu dumm. Ich stelle mich mit verschränkten Armen neben die Truhe und lasse Senchō den Vortritt. Der scheint etwas enttäuscht zu sein, dass ich mich nicht auf sein Spiel einlasse. Immer wieder mustert er mich verstohlen, während er seine Sachen – darunter auch eine große Rolle groben Garns – aus der Truhe sucht. Ich habe den Eindruck, dass er sich damit heute besonders viel Zeit lässt.

Irgendwann findet Senchō keinen Grund mehr, die Truhe weiter zu belagern. Er ist vollständig angekleidet und ausgerüstet, trotzdem sucht er drängelnder Weise noch immer den Körperkontakt zu mir. „Kann es sein, dass du irgendetwas kompensiert?“, frage ich. „Naja, wir sind hier im Traumland und außer den Pilzen sieht uns niemand zu“, antwortet er verlegen. Das kommt jetzt doch etwas überraschend für mich. Woher dieser Wandel? Liegt es am Traumland? Ich würde mich ja durchaus gerne geschmeichelt fühlen, aber die Umstände sind sonderbar. 

Ich kleide mich nun in Ruhe an. Derweil überschüttet mich Senchō mit Informationen aus der deutschen Hauptstadt. Die Berliner Zeitung berichtet von mysterösen Vorkommnissen. So soll vom Tempelrik vor Trondhjem ausgehend eine Lichtsäule in den Himmel steigen, für die die Wissenschaft keine Erklärung findet. In Frankreich, ganz in der Nähe von Karura-sans Wohnsitz, sind solche dieser Hybridwesen – halb Mensch, halb Fisch – gesichtet worden und nach wie vor wird die Südpazifik-Region von heftigen Stürmen und Beben gebeutelt. König George V. plane im Herbst den Besuch der jungen Regierung der neuen Weimarer Republik und der Polizistenmord in Tegel wurde entdeckt – nicht verwunderlich, wir haben uns nicht besonders viel Mühe gegeben, die Tat zu vertuschen. Ein renommierter Kriminologe wurde auf den Fall angesetzt. Bisher hatte man herausfinden können, dass die Projektile, mit denen die Männer getötet wurden, britischer Herkunft seien. Senchō erzählt mir auch, dass er sich mit einem gewissen Dr. Wassermann getroffen hätte, der sehr an einer Reihe von Forschungsergebnissen von Mari-chan interessiert sei. Es geht um irgendwelche Pilze. Dr. Passow, der derzeit auf Highclere Castle praktiziert, würde demnächst zu einer Ärztekonferenz nach Berlin reisen. Senchō bittet mich, dafür zu sorgen, dass Dr. Passow die erwähnten Unterlagen erhält, um sie Dr. Wassermann übergeben zu können. Ich verspreche, mein Bestes zu geben, um dieser Bitte nachzukommen. 

Nun komme ich endlich auch zu Wort und frage Senchō direkt nach dem Verbleib unserer Sachen, die wir im Grand Hotel zurück gelassen habe. „Die haben wir in der Spree versenkt“, behauptet Senchō und amüsiert sich prächtig über meinen entsetzten Gesichtsausdruck. Dann aber klärt er mich auf und nennt mir zu meiner Erleichterung die Adresse seines Onkels in Kiel. Hafenstraße 37, das präge ich mir gut ein. Ich erkläre Senchō, warum es mir so wichtig ist, an meine Sachen und vor allem mein Schwert zu kommen und erzähle ihm von unserer Entdeckung im Keller von Curdridge Hill. 

Nachdem wir nun diese Neuigkeiten ausgetauscht haben, machen wir uns auf den Weg zu Esme nach Canas. Dort warten, so sagt Senchō, zwei White Magic-Tränke auf uns. Die Tränke sind fertig und Esme übergibt sie uns. Senchō bietet mir eine der Phiolen mit der heilkräftigen Essenz an. Ich zögere und gebe zu Bedenken, das Maikurofuto die Tränke wohl nötiger hätte. „Wir können noch mehr White Magic sammeln, aus denen Esme uns dann Tränke macht“, sagt er. Unter diesen Umständen stelle ich die Heilmagie der Traumlande gerne auf die Probe. Ich leere die Phiole mit der milchigen Flüssigkeit und werde von einem warmen Licht durchströmt, das sich bis auf die Seite der Wachwelt zu erstrecken scheint. Ich registriere meinen physischer Leib, der weit entfernt schlafend auf Curdridge Hill weilt und spüre, wie ich dort durch diese Magie Erholung und Regeneration erfahre.

Wir müssten jetzt in den verwunschenen Wald, sagt Senchō, dort würde die White Magic-Pflanze wachsen. Er beschreibt mir das Gewächs und sagt, dass nur die Pflanzen mit neun Knollen über die besondere Heilwirkung verfügen. Auch weist er mich darauf hin, dass der verwunschenen Wald seine Tücken habe und man sich dort leicht verirren könnte. Daher habe er diese Garnrolle bei sich. Außerdem solle ich mich vor den Pilzen und den blauen, fliegenden Würmern in Acht nehmen. Bevor wir aufbrechen besorge ich mir auch eine Garnrolle.

Auf dem Weg zum Verwunschenen Wald kommen wir an unserer Truhe vorbei und hinterlegen dort den zweiten Heiltrank. Dann geht es tiefer in den Wald. Ich befestige das freie Ende der Garnrolle an einem Baum am Wegrand und begebe mich ins Dickicht. Wie Senchō mir geraten hat, vermeide ich den Kontakt mit den Riesenpilzen. Auch die von ihm erwähnten blauen Würme kreuzen meinen Weg. Die Biester sind ziemlich schnell und es ist nicht leicht, ihnen auszuweichen, aber es gelingt mir. Senchō scheint weniger geschickt darin. Von der anderen Seite des Weges höre ich einen Schmerzensschrei gefolgt von einer Reihe norwegischer Flüche. 

Plötzlich stehe ich auf einer kleinen Lichtung. Vor mir steht eine weiß blühende Pflanze mit neun Trieben. Das muss diese White Magic-Pflanze sein. Ich ernte das Gewächs samt seiner Knollen und hangle mich entlang des ausgerollten Garns zum Weg zurück. Es ist wirklich gut, dass ich diese Orientierungsmöglichkeit habe. Ohne diesen Leitfaden hätte ich nicht gewusst, wolang ich gehen muss.

Als ich auf den Weg zurückkehre kommt auch Senchō gerade aus der anderen Seite des Waldes hervor. Auch seine Suche war erfolgreich. Stolz präsentiert er mir das von ihm geborgen Pflänzchen. Wir kehren zurück nach Canas und übergeben Esme unsere Beute. Sie wird die Tränke morgen fertig haben, verspricht sie.