Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

地下室に祠堂 (Chika shitsu ni shidō) – Der Schrein im Keller

Wie verabredet erscheint Engineer Watson pünktlich um acht Uhr am Morgen auf Curdridge Hill. Er hat drei Arbeiter mitgebracht. Kurz darauf fährt auch Lorudo-dono auf meinem Anwesen vor. Er sieht ziemlich mitgenommen aus. Dunkle Augenringe zeugen von einer kurzen oder unruhigen Nacht. „Du siehst aus, als könntest du einen starken Tee vertragen, Dono“, spekuliere ich, was Lorudo-dono mit einem müden Nicken bestätigt. Ich bitte meine Gäste ins Haus und weise Amanda an, uns Tee zu bringen.

Im Salon besprechen wir das weitere Vorgehen. Wenn keine unvorhergesehenen Hindernisse auftauchen, dürfte die Wand bis heute Abend durchbrochen sein, meint Watson. Lorudo-dono zieht sich nach dem Tee zu einem Spaziergang in meinen Garten zurück. Für einige Stunden sehe ich ihn nicht mehr. 

Um fünf Uhr nachmittags ist es dann soweit. Der Weg in den verborgenen Raum im Keller von Curdridge Hill ist frei. Die Arbeiter berichten, dass hinter der nun durchbrochenen Wand irgendetwas leuchten würde. Ich bedanke mich für die zügige Arbeit und gebe jedem der Männer ein halbes Pfund. „Für Ihre Mühe und Ihre Diskretion“, sage ich. Zudem beauftrage ich Engineer Watson mit dem Einbau einer massiven, abschließbaren Tür für den neuen Raum.

Nun gehen wir selbst hinunter in den Keller, um zu sehen, was es mit diesem Leuchten auf sich hat. Maikurofuto besteht darauf, dabei zu sein und so tragen Lorudo-dono und ich den Rollstuhl mühevoll die steile Kellertreppe hinunter.

Hinter dem Durchbruch eröffnet sich ein Raum, der sich drei Meter im Quadrat erstreckt. Das Leuchten, von dem die Arbeiter gesprochen hatten, rührt von einer Flamme her, die auf mysteriöse Weise im Zentrum des Raumes brennt, ohne dabei Hitze zu erzeugen. Links und rechts der Flamme erhebt sich jeweils eine Stele. Links sind die  Kanji 天日 (Tenpi, dt.: Sonne, Sonnenwärme), rechts die Zeichen 月影  (Tsukikage, dt.: Mondlicht) auf den Säulen zu sehen. Auch sind die Worte „Wähle deine Seite“ zu lesen. In der Metaphorik meines Landes steht die Sonne auch für den Angriff und der Mond für Verteidigung.

Der Ort wirkt auf mich wie ein Shinto-Schrein, jene Art von Heiligtümern, die der Ahnenverehrung oder als Heimstatt der Schutzgötter eines Hauses dienten. Ich schaue mich um, kann aber nichts entdecken, das mir einen Hinweis darauf gibt, welcher Gottheit dieser Schrein geweiht sein könnte.

Vor der Flamme und den Stelen ist ein leerer Schwertständer aufgebaut – ein angemessener Platz für Kirishimo, denke ich bei mir, zu dumm nur, dass das Schwert gerade nicht hier ist, sondern in Deutschland. Maikurofuto hat mir erzählt, dass Senchō ihm im Traumland berichtet hatte, dass unsere Sachen aus Berlin wegeschafft und irgendwo nach Norddeutschland verfrachtet worden waren. Wohin genau, daran kann er sich nicht erinnern. Etwas enttäuscht verlasse ich das Heiligtum wieder. Lorudo-dono und Maikurofuto sehen mich erwartungsvoll an. „Ich brauche mein Schwert“, teile ich ihnen mit.

Lorudo-dono und Maikurofuto machen sich nun, da wir hier nichts weiter ausrichten können, auch wieder auf den Weg nach Highclere Castle und es kehrt Ruhe auf Curdridge Hill ein, Ruhe, die ich dringend nötig habe. Ich fühle mich erschöpft und meine Verletzung schmerzt. Mein Körper befindet sich noch im Regenerationszustand und die Aufregung des heutigen Tages macht sich bemerkbar.

Eine leichte Brise weht und versetzt die Oberfläche meines koilosen Teiches in sanfte Bewegung. Ich setze mich zur Meditation an das Ufer und betrachte das Spiel der Wellen. Das rote Licht der Dämmerung bricht sich golden im Wasser – ein beinahe magischer Anblick. Ich schließe die Augen und visualisiere meinen Atem als heilendes, helles Licht, welches ich mittels meiner Vorstellungskraft bis in die äußersten Glieder meines Körpers leite, bis ich mich selbst als vollständig in dieses Licht getaucht empfinde und in einen Zustand stiller Aufmerksamkeit verfalle. Etwa eine halbe Stunde verbringe ich so, bevor ich meine Übung beende und ins Haus gehe. 

Ich gehe zeitig zu Bett. Bevor ich einschlafe, driften meine Gedanken hinunter in das Kellergeschoss. Kirishimo… Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen und es nicht mit nach Berlin nehmen sollen, doch späte Reue ändert nichts an der Situation. Ich starre in die Dunkelheit und überlege, wie ich jetzt so schnell wie möglich an mein Schwert kommen könnte. Mir fällt nichts ein. Ich weiß nicht einmal, wie wir Senchō und Mare erreichen könnten. Vielleicht finde ich im Traum eine Antwort…