八岐の大蛇 (Yamata no orochi) – Die achtköpfige Schlange
Ein intensiver Traum begleitet meinen Nachtschlaf. Ich schwebe wieder im Licht und wieder weist ein Tōrii mir den Weg. Als ich hindurchschwebe finde ich mich am Ufer eines Sees, umgeben von einer Wüste aus malvenfarbigem Sand, wieder. In der Ferne erhebt sich eine Stadt. Vor mir auf dem Weg sehe ich ein Paar mit einem verängstigten Kind, das weinend um sich schlägt. Das Paar kommt mir bekannt vor, aber erst als sie sich als Keiko und Masahiro Kagawa vorstellen, wird mir klar, dass es meine Großeltern sind. Keiko versucht den Jungen zu beruhigen. „Hab keine Angst, Haruka-chan“, sagt sie, aber der Junge hört nicht auf zu weinen. Ich bin verwundert. Haruka? Das ist der Name, den mir meine Eltern zu meiner Geburt gegeben haben…
Masahiro erzählt mir von einem großen Unglück. Er spricht von einem achtgabeligen Wesen, einer finsteren Kreatur, die schon sieben der Kinder geholt hatte und nun das achte verlangte. Eine vage Erinnerung sickert an die Oberfläche meines Bewußtseins. Dem Wesen ist mit einem Trick beizukommen. Acht Tōrii müssen um das Kind aufgestellt werden, darauf jeweils eine Schale mit Reiswein. Wir bereiten die Falle vor. Keiko beruhigt den Jungen. „Hab keine Angst, es wird dir nichts geschehen“, sagt sie. Ich platziere derweil zusammen mit Masahiro die Sake-Schalen auf den acht Tōrii-Bögen, die wie aus dem Nichts um den Jungen herum erschienen sind, und befüllen sie mit Reiswein. Anschließend verstecken wir uns und lassen das Kind allein auf dem Weg zurück.
Es dauert nicht lange, dann erscheint das Wesen – eine Kreatur so finster, dass sie das Licht um sich herum verschlingt. Ich bin ob seines grauenvollen Anblicks im ersten Moment wie gelähmt. Dennoch – es ist nicht so groß, wie ich erwartet hätte. Dann beobachte ich, wie sich das Geschöpf mit seinen acht Schlündern auf den bereitgestellten Reiswein stürzt und die Schalen gierig leert. Vom Sake berauscht sinkt das Wesen benommen zu Boden. Das ist meine Chance, die ich nutze, um der Kreatur und ihrem finsteren Treiben ein Ende zu setzen. Mit einem Hieb meines Schwertes durchtrenne ich den Leib des Geschöpfes. Gelbes Blut ergießt sich aus den Wunden des Wesens in den See und verfärbt sein Wasser. Während mein Schwert diese lichtverzehrende Monströsität zerteilt, stoße ich auf einen Widerstand, an dem ich mir das Schwert schartig schlage. Ich schaue nach, um zu sehen welches Hindernis dafür verantwortlich sein mag und entdecke ein Schwert im Innern des Wesens. In diesem Moment wird mir alles klar. Die achtköpfige Schlange, der Trick mit dem Reiswein, das Schwert – es ist eine alte Shintō-Legende. Susanō, Kami der Winde und Sohn der Schöpfergötter Izanami und Izanagi, hatte Yamata no orochi, die achtköpfige Schlange, auf diese Weise bezwungen und in ihrem Leib das legendäre Schwert Kusanagi no Tsurugi gefunden. Es zählt neben dem Juwel Yasakani no Magatama und dem Spiegel Yata no Kagami zu den Throninsignien Japans. Der Legende nach soll man mit dem Schwert in der Lage sein, die Winde zu kontrollieren. Gerade, als ich es aus dem Leib der Schlange ziehen will, erwache ich.









