港 (Minato) – Hafen
Es ist ein ungewöhnlich warmer Abend für diese Jahreszeit. Ich schlendere am Hafen entlang. Das Licht des zunehmenden Halbmondes lässt das Meer wie in einem verzauberten Licht glitzern. Es riecht nach Salz und Fisch. Das leise Plätschern der Wellen gegen die Hafenmauer untermalt das Szenario mit einer sanften Melodie.
Ich atme tief ein und lasse das Meer auf mich wirken. Schon immer hatte es auf mich eine beruhigende Wirkung ausgeübt. Mir fällt ein dreimastiger Klipper mit roten Segeln auf, der zwei Piers entfernt vor Anker liegt. Ich frage mich, ob es der Rote Shanks ist, den es hier mal wieder nach Japan verschlagen hat.
Meine Frage soll schnell beantwortet werden. „Hey, Piratenkönig“, höre ich jemanden hinter mir rufen. Shanks steht grinsend mit einer erhobenen Sake-Flasche hinter mir. „Was für ein Zufall! Ich habe gerade an dich gedacht“, sagt er. Ich begrüße ihn freundschaftlich und erzähle, dass ich gerade sein Schiff gesichtet hätte.
Shanks lädt mich auf einen Schluck Sake ein. Wir setzen uns auf die Kaimauer und tauschen Geschichten aus. Shanks weiss von Gerüchten aus der Bandasee. Dort erzählte man sich, dass vor etwa einem halben Jahr eine britische Luxusyacht – die Almina – eigentlich ein leichtes Ziel für Piraten – drei Schiffe auf Beutezug versenkt hätte. Er würde dieses Schiff und seine Besatzung gerne einmal kennenlernen. Das ließe sich sicherlich einrichten, sage ich, ich kenne den Besitzer. In ein paar Tagen könne ich mit ihm sprechen. Shanks scheint sichtlich beeindruckt, bedauert aber, dass die Red Force morgen Segel in Richtung Kanada setzen würde. Er hätte in einer Mission etwas in den Rocky Mountains zu erledigen. Doch er ist interessiert zu erfahren, in welcher Verbindung ich zur Almina stünde. Ich erzähle von meiner Begegnung mit Maikurofuto vor einem halben Jahr und wie ich darüber Lorudo-san und die anderen kennengelernt hätte. Ich erzähle ihm auch, dass ich mir ein Haus in England gekauft hätte und von meinen Pläne, dort für eine Weile zu leben.
Shanks nimmt einen kräftigen Schluck aus der Sake-Flasche. Er sinniert, ob er sich vielleicht auch irgendwo niederlassen sollte. Kanada vielleicht, meint er, oder Skandinavien. England käme für ihn nicht in Frage – die Briten seien für seinen Geschmack zu steif. Das sei nur der äußere Schein, werfe ich ein.
Der Alkohol löst mir die Zunge und ich erzähle freimütig von unseren Abenteuern. Es ist das erste Mal außerhalb des Sanatoriums, dass ich jemandem die unglaublichen Erlebnisse seit ich Maikurofutos Einladung nach Europa gefolgt bin, berichte. Der inzwischen gehobene Alkoholpegel in meinem Blut lässt mich gleichgültig darüber werden, ob der Kapitän der Red Force mich für verrückt hält oder nicht. Shanks aber greift meine Erzählungen auf und berichtet von ähnlich Bizarrem. Es begann, sagt er, als er vor einigen Jahren mit seiner Mannschaft nach Neu Ginea gesegelt sei, wo sie Gerüchten nach einem verborgenen Schatz nachgehen wollten. Stattdessen waren sie auf eine alte Kultstätte der Eingeborenen gestoßen und hatten dort die Aufmerksamkeit von Dingen geweckt, die besser im Dunkeln geblieben wären. Ein paar seiner Männer hätten bei dieser Expedition ihren Verstand verloren und auch er sei dem Wahnsinn nur knapp von der Schippe gesprungen, erzählt er. Er kramt ein Päckchen Zigaretten aus seiner Brusttasche, bietet auch mir eine an, bevor er sich selbst eine ansteckt.
„Es lässt einen nicht mehr los“, sagt er. Ich nicke verstehend und blase den Tabakrauch auf das Meer. „Wenn ich in dieser Welt nicht weiter komme, gehe ich nach Ulthar“, meint Shanks. “ Ulthar?“, frage ich. Maikurofuto hatte bei einem unserer abendlichen Gespräche schon einmal von einem Ort mit diesem Namen erzählt. Er befände sich in einem Land, das sie „Traumland“ nannten, ein Land, das man nur im Schlaf besuchen konnte, an dem nichts so sei, wie wir es kannten und wo allein schon die Vorstellungskraft Unmögliches bewirken konnte. „Warst du schon einmal dort?“ will Shanks wissen. Ich verneine, gestehe aber, dass es mich schon interessieren würde.
Wir reden noch eine Weile weiter, bis die Sake-Flasche schließlich restlos leer ist. Inzwischen ist es schon nach 23:00 Uhr. Shanks starrt etwas erschrocken auf seine Taschenuhr. Er hatte schon vor einer Stunde in seiner Koje liegen wollen. Wir verabschieden uns mit der Gewissheit, dass wir uns früher oder später wieder über den Weg laufen würden. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde lasse ich meinen ursprünglichen Plan, nach Hause zu laufen, fallen und suche mir eine Droschke, die mich nach Shibuya bringt.









