Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

樹海の呪力 (Jukai no juryoku) – Der Fluch des Meeres der Bäume

Pünktlich um 17:15 fährt das Mitsubishi Modell A vor meiner Haustür vor. Ich lasse mich in den Universitätsbezirk Hongō fahren, um meinen Bruder abzuholen. Yukio erwartet mich bereits. Er verabschiedet sich von seiner Frau, die heute Abend Besuch von einer benachbarten Freundin hat.

Yukio wirkt angespannt. Auf dem Weg ins Restaurant frage ich, was ihn bedrückt, aber er scheint nicht darüber reden zu wollen. Erst als wir im [simple_tooltip content=’Blauer Vogel‘]青い鳥 (Aoi Tori)[/simple_tooltip], eine Etablissement in Hanglage mit einem herrlichen Blick auf den Hafen, auf unsere Bestellung warten, rückt er langsam mit der Sprache raus. Es geht um Tsuki, seine Frau. Seit etwa drei Wochen, erklärt er, sei sie irgendwie verändert. Es gäbe Momente, da wirkte sie verschlossen und abwesend, als wäre sie von einer tiefen Sehnsucht ergriffen. In solchen Momenten sei es ihm unmöglich, zu ihr vorzudringen. Sie war dann einfach nicht ansprechbar, reagierte weder auf Zureden noch auf Berührung. Anfangs waren es nur kurze und seltene Momente, erzählt mein Bruder weiter, aber mittlerweile häuften sich diese „Anfälle“ und wurden immer beängstigender. In der Nacht von Sonntag auf Montag sei sie mitten in der Nacht aufgestanden, habe lange aus dem Fenster in die Dunkelheit der Nacht gestarrt und dabei, ohne einen Blick auf das Papier zu werfen, eine Tuschezeichnung angefertigt. Yukio hatte des Werk im nächtlichen Zwielicht aus dem Augenwinkel nur schemenhaft erkennen können, aber das reichte um zu erkennen, dass Tsuki hier ein düsteres Todesszenario zu Papier brachte. Fast eine Stunde hielt dieser Zustand an. Dann stand Tsuki plötzlich auf und warf die frisch angefertigte Zeichnung in die Glut des Ofens, wo diese augenblicklich in Flammen aufging.

Erst, als sie wieder zu Bett gehen wollte, schien sie ihren Mann zu bemerken, der sie die ganze Zeit über vom Türrahmen aus beobachtet hatte. „Liebling, ich werde den [simple_tooltip content=’Meer der Bäume – gemeint ist Aokigahara‘]Jukai[/simple_tooltip] besuchen“, sagte sie beiläufig, als sie an ihm vorbei ging. Als Yukio sie am nächsten Morgen auf das nächtliche Geschehen ansprach, schien sie sich an nichts zu erinnern – zumindest behauptete sie das.

Mein Bruder ist voller Sorge. In Japan weiss man, was es bedeutet, wenn jemand den Jukai besuchen will. Nicht nur Mythen und Legenden, auch die Geschichtsschreibung belegt, dass der Aokigahara seit einigen Jahrhunderten ein bevorzugter Suizid-Ort ist. Yukio fühlt sich verantwortlich für Tsukis Zustand. Schließlich ist er ihr Ehemann und es ist seine Aufgabe, für sie zu sorgen und sie glücklich zu machen. Dass sie nun von einer offenbaren Todessehnsucht ergriffen ist, stellt für ihn sein Versagen als Ehemann dar. Er hatte alles Mögliche versucht, ihr ihre Lebensfreude zurück zu bringen. Auch der Familienausflug nach Nikko am letzten Wochenende war ein Versuch gewesen, Tsukis Gemüt zu erhellen, doch auch das hatte nicht geholfen. Yukio war sichtlich am Ende seiner Kräfte.

Ich erinnere mich, dass Tsuki und Yukio meinen Freunden vor einem halben Jahr begegnet sind und erkenne die Anzeichen, die auf diesselbe unheilvolle Verbindung zu meinen Gefährten schließen lässt, die schon viele andere zuvor nach Japan in den „freiwilligen“ Tod in das Meer der Bäume getrieben hatte.

„Du kannst nichts dafür“, versuche ich Yukios Schuldgefühle zu beschwichtigen, „und Tsuki kommt wieder in Ordnung, das versichere ich dir!“ Ich habe vollstes Vertrauen, dass meine Freunde ihre Mission erfüllen werden. Ich hoffe nur, dass es nicht allzu lange dauert. Yukio würde es nicht aushalten, Tsuki auf diese Weise zu verlieren – und was würde dann aus ihren Kindern…? Nein, soweit darf es einfach nicht kommen!

Ich sichere Yukio meine Unterstützung in jeder Hinsicht zu. Mein Bruder weiss das Angebot zu schätzen und fragt mich nun, wie es mir gehe. Er habe jetzt genug über seine Probleme geredet. Ich erzähle ein paar harmlose Anekdoten von unseren Reisen, von meinem neuen Anwesen in Southampton, von England und vom Balkan. Und immer wieder mischen sich Geschichten von Mari-chan in meine Erzählungen.

Als ich von unseren Schwierigkeiten bei der Einreise und Mari-chans Verhaftung berichte, entdecke ich tatsächlich ein verhaltenes Schmunzeln in Yukios Gesicht. „Deine Vorliebe für exzentrische Frauen hast du dir also erhalten“, stichelt er. So sei es gar nicht, lenke ich verlegen ein, Mari-chan sei nur eine gute Freundin – mehr nicht. 

Kurz nach 20:00 verlassen wir das Restaurant. Mir steht der Sinn nach einem abendlichen Spaziergang am Hafen, doch Yukio möchte nach Hause zu seiner Familie. Also beauftrage ich unseren Chauffeur, Yukio nach Hongō zu bringen. Danach sei er für den heutigen Tag entlassen. Ich bin überrascht, als mein Bruder mich zum Abschied umarmt. [simple_tooltip content=’Danke, kleiner Bruder‘]“Arigatō, otōto-san“[/simple_tooltip], sagt er leise. Zunächst zögernd, dann herzlicher erwidere ich seine Umarmung. [simple_tooltip content=’wörtlich: Nein, nein. (in diesem Fall im Sinne von „keine Ursache“, „kein Problem“)‘]“Iie, iie“[/simple_tooltip], gebe ich verhalten zurück, [simple_tooltip content=’Alles wird gut‘]“Daijōbu da yo“.[/simple_tooltip]

Ich blicke dem Wagen nach, bis die Rücklichter sich im Zwielicht der Stadt verlieren. [simple_tooltip content=’Bis bald, großer Bruder. Pass auf dich auf.‘]Ja mata, onii-san. Ki o tsukete[/simple_tooltip].