懐旧 (Kaikyū) – Erinnerungen
Ich begleite meine Freunde zum Bahnhof, wo sie einen Zug nach Himeji nehmen wollen, um dort nach Spuren der Herkunft des Fluches, der auf ihnen lastet, und nach Möglichkeiten der Befreiung von diesem zu forschen. Auch die alte Kaiserstadt Kyōto stellt eine Etappe ihrer Reise dar. Tetsuya begleitet sie – wie vereinbart – als Dolmetscher.
Als meine Freunde sicher an Bord des Zuges – standesgemäß in der Ersten Klasse – angelangt sind, begebe ich mich zurück in mein Haus um ein Schreiben an Iwasaki Koyata aufzusetzen, in welchem ich meinem alten Schulfreund um logistische Unterstützung für meinen Umzug bitte. Ein paar meiner Möbel und anderer Einrichtungsgegenstände, die ich gerne mitnehmen möchte, müssen nach England verschifft werden.
Nachdem ich den Brief zum Postamt gebracht und abgeschickt habe, fange ich schon einmal damit an, meine Habseligkeiten zu sichten und zu verstauen. Dabei kommt mir auch meine alte Offiziersuniform unter die Finger. Es ist nun schon drei Jahre her, dass ich sie das letzte Mal getragen habe. Ein kurzer Moment von Wehmut umfängt mich – ich könnte jetzt schon mein eigenes Kommando haben, wenn ich dem militärischen Weg weiter gefolgt wäre. Kurz vor dem Tod meiner Schwester und meinem darauf folgenden Entschluss, die Marine zu verlassen, hatte man mir die Beförderung zum Kapitän und das Kommando über die Fusō, ein neues Schlachtschiff der japanischen Kriegsflotte, in Aussicht gestellt.
Ich finde auch ein ausrangiertes Kaiguntō, das vor gut einem Jahrzehnt in meinen Besitz gelangte. Ich hatte die Waffe damals aus nostalgischen Gründen bei einer Auktion ersteigert. Auf der Scheide sind die Kanji 富国強兵 (Fukoku Kyōhei – Reiches Land, starke Armee) eingraviert, der Slogan des damaligen Tennō Meiji. Die Klinge ist für den Kampf kaum noch zu gebrauchen bzw. müsste einer gründlichen Überholung unterzogen werden. Sie ist schartig und etwas wackelig – nicht ohne Grund wurde das Schwert aus den Beständen der Kaiserlichen Marine entfernt. Es ist aber durchaus noch von dekorativem Wert und ich glaube ich kenne da jemanden, der sich trotz des desolaten Zustandes sehr darüber freuen würde.
Als ich ein paar alte Bücher und andere Schriftstücke durchforste, stoße ich auf ein Relikt aus meiner frühen Jugend – einen Kuniyoshi-Druck mit dem Titel „ 流行蛸のあそび (Ryuko tako no asobi – Die in Mode gekommenen Oktopus Spiele)“. Es dürfte gut zwanzig Jahre her sein, dass ich an den Druck gekommen bin. Ich ging damals noch zur Schule. Das Bild zeigt eine Gruppe von humanoiden Oktopoden, die sich bei einem Volksfest nach japanischer Tradition amüsieren. Besonders freundlich haben die Kreaturen in diesem Werk noch nie gewirkt, aber heute schauen sie irgendwie besonders düster drein. Ich spüre förmlich, wie sie mich mit ihren Blicken durchdringen, wie ihre Tentakel nach mir greifen und mich in ihr unheilvolles Szenario hineinziehen. Ich höre, wie sie nach mir rufen – lockend, drohend… Ich bin unfähig mich zu wehren, als ihre Tentakel mich unweigerlich in eine kalte und leere Finsternis reißen. Ein grinsender Shinigami kreuzt dabei mein Blickfeld.
Ein lautstarker Streit vor meiner Haustür katapultiert mich zurück in die Gegenwart. Ich schrecke auf. „Verdammt!“rufe ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. Ich greife nach der nächsterreichbaren Spirituosenflasche und erwische einen kräftigen Schluck Sake, der mir hilft diese finstere Wahnvorstellung aus meinem Kopf zu fegen. Das eben noch so bedrohlich und paralysierend wirkende Bildwerk ist nun nichts weiter mehr, als die skurril-groteske auf Papier gebannte Phantasie eines großen Künstlers des vergangenen Jahrhunderts.
„Verdammt…“ wiederhole ich leise kopfschüttelnd und hebe das Bild auf. Ich frage mich, wie es meinen Freunden in den nächsten Tagen ergehen und ob und wie Tetsuya das Abenteuer mit ihnen überstehen wird.
Gegen 15.00 Uhr klingelt das Telefon. Mit einem letzten Schluck Sake – die Flasche ist inzwischen fast leer – schüttle ich den Rest der Beklemmung aus mir heraus.
Es ist Yukio. Er bedauert, unsere heutige Verabredung absagen zu müssen. Es sei ihm ein kurzfristiger Arbeitstermin dazwischen gekommen. Kein Problem, sage ich und er schlägt den Mittwochabend als Alternativ-Termin vor. Er klingt etwas bedrückt und ich werde den Eindruck nicht los, dass der „kurzfristige Arbeitstermin“ nur ein vorgeschobener Grund ist, doch ich frage nicht weiter nach. Ich schlage vor, ihn am Mittwochabend direkt von seiner Wohnung abzuholen. Zwischen den Zeilen gebe ich ihm zu verstehen, dass ich dann keine Ausreden gelten lassen würde. Nachdem das Telefonat beendet ist, lasse ich dem von Mycroft engagierten Chauffeur eine Nachricht zukommen, dass er sich am Mittwoch zu 17:15 bereithalten möge, mich in Shibuya abzuholen.









