郷愁 (Kyōshū) – Heimweh
Curdridge Hill am späten Nachmittag. Interessante Verwicklungen haben sich ergeben. Nicht nur Cassilda zeigt Interesse an der Dokumentenmappe auf Oakley Courts. Offenbar gibt es noch eine weitere Partei, die sic für diese Informationen interessiert. Mare wurde im Austausch für die Mappe von einem Unbekannten das Buch „Necronomicon“ angeboten. Doch sie hat es nicht eilig.
„Das Buch kommt früher oder später sowieso zu mir“, ist sie überzeugt. Wenn Mycroft die Mappe gegen die Entfernung des gelben Fluches eintausche wolle, sei es ihr Recht.
Ich widme mich meinem abendlichen Training. Ich bin zufrieden mit mir. Ich bin in guter Form. Draußen im Garten ruft eine Eule und eine Katze miaut. Der abendliche Wind raschelt durch die sich langsam rot färbenden Blätter des Fächerahorns. ‘Aki no yu kaze – Herbstwind am Vorabend’ – eine ferne Erinnerung zupft an mir. Ich wollte damit abschließen, es hinter mir lassen, doch jetzt verspüre ich eine seltsame Sehnsucht und den unerklärlichen Drang, diesem Verlangen nachzugehen, dem Weg, den ich eingeschlagen habe, wieder aufzunehmen und ihm bis zum Ende folgen.
Ich steige die Treppen zum Keller hinab und schließe die Flügeltüren zum Schreinraum auf. Das Heiligtum liegt unverändert da. Zwischen der Säule der Sonne und der Säule des Mondes lodert die ewige Flamme, die seit meiner Rückkehr aus der Zeit der Streitenden Reiche blau brennt. Die Aura dieses Ortes ist erhaben wie eh und je. Ich knie nieder und versenke mich bewußt in die geistigen Leere einer Meditation. Ich suche Antworten, Hinweise darauf, wohin ich gehen soll, doch die Antworten, die mir gegeben werden, werfen nur noch mehr Fragen auf. In einer Vision, die ich in meiner Meditation empfange, sehe ich einen knorrigen, kahlen Baum zur Linken und rechts einen knienden Mann in traditioneller japanischer Kleidung. Er trägt zwei Schwerter, ein wohl ein Mitglied der Kriegerkaste und er zeichnet ein Iging in den Sand. Ich kann nicht erkennen, wer der Mann ist, ob er vielleicht Ujimasas Antlitz trägt, auch nicht, welches Zeichen genau er in den Sand schreibt. Als ich mich nähere, um mehr zu erkennen, zerfällt meine Vision und lässt nur eine Ahnung zurück. Antworten werde ich wohl nur an einem Ort finden – in den Schatten des unheimlichen Tals. Aber wie komme ich dorthin? Das letzte Mal haben mich Ujimasas letzte Worte seines Todesgedichtes geführt, doch irgendwie glaube ich nicht, dass das ein zweites Mal genauso funktioniert. Vielleicht fehlt es mir aber auch einfach nur an Vertrauen.









