夜の女王 (Yoru no Jōō) – Die Königin der Nacht
Über Nacht ist eine Menge Neuschnee gefallen. Wir müssen unseren Mitsubishi Modell A regelrecht freischaufeln, bevor wir aufbrechen können. Auch die Straßen haben es in sich. Mycroft überschätzt in einer Kurve seine Fähigkeiten und ich sehe uns schon in den Straßengraben rutschen, doch Mycroft gelingt es, die Kontrolle über das Fahrzeug zurück zu erlangen, bevor etwas Ernsthaftes passiert.
Wir parken das Auto wieder etwas außerhalb von Odawara und nehmen den längeren Fußmarsch auf uns, um nicht zu viel Aufmerksamkeit und Misstrauen im Ort auf uns zu ziehen. Bevor wir aufbrechen, besprechen wir noch einmal unsere Vorgehen.
“Was denkst du, was passieren wird, wenn du das Gedicht findest?”, fragt mich Mycroft.
“Im besten Fall verliere ich wahrscheinlich wieder mein Bewusstsein”, vermute ich, aber darauf ist Mycroft bereits vorbereitet. Wie schon bei unserem gestrigen Besuch, hat er Tragegurte dabei, mit denen er mich gegebenen Falls einigermaßen bequem vom Berg herunter bringen kann. “Ansonsten kann alles Mögliche und Unmögliche passieren. Ich habe keine Ahnung”, gestehe ich.
“Also gut, dann los”, meint er abenteuerlustig und beginnt seine Waffen zu schultern und zu gurten. Wir nehmen noch ein paar Fackeln mit und setzen uns dann in Bewegung.
Auf dem Weg zu Burg sehe plötzlich eine Gestalt direkt in unserem Weg stehen. Es ist Toyotomi Hideyoshi, mein alter Widersacher und Bezwinger. Was will er hier? Ich habe ein ungutes Gefühl. Irgendetwas stimmt hier nicht.
“Siehst du das auch?”, frage ich und deute in die Richtung, in welcher ich die Gestalt sehe. Mycroft verneint. “Was sollte ich da sehen?”, fragt er.
“Da steht Toyotomi Hideyoshi”, erkläre ich ihm.
“Dann rede doch mit ihm”, schlägt er vor, doch davon halte ich nicht viel. Die Erinnerung an die Schmach und die Demütigung meiner Niederlage sitzt tief. Da steht er, der mir diese Schande zugefügt hat und führt sie mir direkt vor Augen.
“Nein”, antworte ich ruhig, meinen Blick fest auf den historischen Feldherrn gerichtet, “ich wüßte nicht, was ich mit ihm zu bereden hätte.”
Ich beschließe, einen Bogen zu laufen und eine Begegnung mit Hideyoshi zu vermeiden. Er folgt mir mit seinen Blicke, bleibt aber an Ort und Stelle und bewegt sich nicht. Immer wieder werfe ich einen unsicheren Blick über die Schulter zurück, doch das Trugbild weigert sich, zu schwinden.
Wir erreichen schließlich die schneebedeckten Überreste des Residenzhauses und beginnen mit unserer Suche nach Spuren, die uns zu Ujimasas Jisei, seinem Strebegedicht führen. Doch wir finden nichts. Ratlos blicke ich mich um und bemerke einen Hasen, der uns zu beobachten scheint. Als mein Blick auf ihn fällt, stellt er sich aufmerksam in meine Richtung schnuppernd auf die Hinterläufe, um dann am alten Burgfried vorbei den Heiligen Berg hinauf zu hoppeln. Was er wohl dort oben will? Vielleicht will er nach Hause, hinauf zum Mond, überlege ich in Anlehnung an die alte Geschichte von Usagi no Tsuki, dem Hasen im Mond.
“Der Mond, es ist im Turm des Mondes”, entfährt es mir, als ich eine plötzliche Eingebung habe. Mycroft sieht mich irritiert an. Ich berichte ihm von meiner Beobachtung und meiner Vermutung, dass der Hase mir ein Zeichen sein und geben wollte. “Was du so alles siehst und interpretierst”, meint er schmunzelnd, er hat aber nichts dagegen, meiner Eingebung nachzugehen. Er selbst hat auch keine bessere Idee.
Der Turm des Mondes ist in einem ähnlich schlechten Zustand, wie auch die anderen Gebäude auf dem Gelände. Die Mauern stehen zwar noch, doch sowohl die Eingangstür als auch das Dach fehlen. Ich betrete das Innere des Turms. Mycroft folgt mir und entzündet eine Fackel. Die Treppe zum oberen Stockwerk ist eingebrochen. Es dürfte nicht leicht sein, dort hinauf zu kommen. In den Keller führt eine Stiege hinab. Ich will zuerst dort nachsehen.
Ich mache ein paar Schritte die Stiege hinunter. Es ist stockfinster und ich lasse mir von Mycroft die Fackel reichen. Nun erkenne ich einen etwa fünf Meter langen Gang, der in einem weiteren Raum mündet. An den Rahmen zum Eingang des Raumes kann ich alte japanische Schriftzeichen erkennen. Es sind historische Kanji, die so in dieser Form heute nicht mehr benutzt werden, doch ich verstehe ihren Sinn: ‘Hier ruhen seine letzten Worte’. Ich bin erstaunt, dass es so einen Ort gibt, den offenbar jemand zu meinem Gedenken nach meinem Tod errichtet hat. Wer mag das gewesen sein? Ein Verwandter? Ein Freund? Mein Blick gleitet verstohlen zu Mycroft. Eine gewisse Ergriffenheit umfängt mich ob dieser Ehre, die mir nach meinem Ableben in einer früheren Inkarnation zuteil wurde.
“Hier ist es”, sage ich leise und übersetze die Schriftzeichen für Mycroft. Vorsichtig nähern wir uns dem Raum und tatsächlich befindet sich in dessen Mitte auf ein flaches Podest gebettet eine verzierte Bambusschatulle, der Form nach typisch, um Schreibgerät darin aufzubewahren. Bevor ich den Raum betrete, verneige ich mich. Schließlich ist dies ein heiliger Ort. Ich trete ein und knie vor dem Podest und der Schatulle nieder. Mycroft geht hinter mir in Stellung, um mich aufzufangen, wenn ich wieder mein Bewusstsein verliere. Meine Hände bewegen sich auf die Schatulle zu. Ich rechne damit, von der Dunkelheit umfangen zu werden, sobald ich sie berühre, doch nichts passiert. Vorsichtig öffne ich die Schatulle. In ihrem Innern befindet sich eine Schreibfeder und eine auf einer eigens dafür vorgesehenen Halterung positionierten Schriftrolle. Ich nehme die Schriftrolle in meine Hände, wieder darauf gefasst, der Ohnmacht anheim zu fallen, sobald ich das Papier berühre. Aber auch das passiert nicht. Ich rolle das Papier auf. Wie erwartet stehen dort Ujamasas letzte Worte niedergeschrieben. “Amekumo no oheru tsuki mo mune no kiri mo…” Zwar halte ich die Schriftrolle in meinen Händen, doch ich lese die Zeilen weniger als dass sie sich aus meiner Erinnerung wie von selbst zu ausgesprochenen Worten formen. “Harai takeri na aki no yū kaze. Wagami ima shōyute yaika ni. Kamo fu hiki. Sora ni kitari.” Ich lege eine kurze Pause ein, bevor ich die letzte Zeile ausspreche: “Sora ni kirema.” Das Echo der Worte hallt in meinen Gedanken nach, als ich nun zum dritten Mal von der Dunkelheit in Empfang genommen werde: ‚Sora ni kirema – zum Firmament kehren wir zurück.’
“Bist du bereit für das Phänomen des unheimlichen Tals”, höre ich eine vertraute Stimme. Zwei gelbe Augen funkeln mich aus der Finsternis heraus an. Ich weiß nicht, ob ich wirklich dafür bereit bin, doch ich folge dem Ruf und Kuro, der mich durch die Dunkelheit führt. Dieser Ort scheint mir irgendwie unwirklich, zur Hälfte echt, zur Hälfte aber auch falsch. Es lässt sich nicht wirklich in Worte fassen. Kuro läuft vor mir. Er scheint zu wachsen. Er wächst immer weiter, bis er das komplette Firmament ausfüllt. Ich erschauere bei diesem Anblick. Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht.
Eine ehrfurchtgebietende Stimme ertönt um mich herum oder in meinem Kopf – so genau kann ich das nicht sagen.
“Ich bin das Sternenmeer. Ich bin die Finsternis. Ich bin die Königin der Nacht.”
Vor meinen Augen erscheinen drei Gegenstände: ein grünes Schwert, eine Urne und eine Schriftrolle.
“Wähle eines”, höre ich die Stimme. Ich muss nicht lange überlegen und wähle das Schwert. Kaum dass ich meine Wahl getroffen habe, verschwinden die drei Dinge und es bleibt nichts als Dunkelheit und Stille, als ich in die Bewusstlosigkeit sinke.
Ich erwache wiederum im Auto. Mycroft lächelt mich erwartungsvoll an. “Und, bringst du neue Erkenntnisse mit?”, fragt er. “Irgendwie schon”, antworte ich, “aber ich verstehe es noch nicht.” Ich berichte ihm von meiner Begegnung mit Kuro, meinem Weg durch das “unheimliche Tal”, der Offenbarung der “Königin der Nacht” und der Wahl vor die ich gestellt wurde. “Lass mich raten, du hast das Schwert gewählt”, vermutet Mycroft. Ich bestätige das. “Es war vielleicht nicht die beste Wahl”, gestehe ich, “aber die ehrlichste.”
Er nestelt in seiner Tasche und holt etwas daraus hervor. Es ist die Schatulle mit der Schreibfeder und der Schriftrolle. „Ich habe das mal für dich mitgenommen“, sagt er und überreicht mir das Päckchen.
Wir fahren zurück nach Tōkyō. Ich will morgen noch einmal in der Bibliothek recherchieren, was es über das “Phänomen des unheimlichen Tals” herauszufinden gibt. Übermorgen wollen wir nach Nagasaki aufbrechen und unsere Rückreise nach Europa vorbereiten.









