Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

用弁 (Yōben) – Erledigungen

Verkatert erwache ich in meinem Zimmer auf Highclere Castle und nehme mir wieder einmal vor, meinen Alkoholkonsum zukünftig etwas zu mäßigen. Ich öffne das Fenster und hoffe durch die frische Luft meinen Kopfschmerz zu lindern. Es regnet – auch wieder einmal. Wie durchsichtige Bindfäden fällt des Wasser der Schwerkraft folgend zur Erde. Irgendwie mag ich diesen britischen Regen – er hat etwas beruhigendes, erdendes.

Nach einer halbstündigen Meditation vor der geöffneten Balkontür, mache ich mich frisch und gehe zum Frühstück. Mare ist gerade dabei, Lorudo-dono wortreich davon zu überzeugen, dass er schon einen standesgemäßen Grund bräuchte, um seine Anwesenheit in Berlin zu erklären. Am Stadtrand gibt es eine Pferderennbahn, das wäre doch ein Anlass. Lorudo-dono aber scheint nur mit einem Ohr bei der Sache zu sein. Ganz andere Dinge machen ihm weit mehr Sorgen. Sgt. Bond ist von oberster Stelle in das Hampshire beordert worden, um die Vorfälle, die zur Verwüstung von Winchester Castle und Queen Eleanor’s Garden geführt haben, zu untersuchen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Sergeant sich auch hier blicken lassen wird. 

„Was willst du ihm erzählen, Dono?“, frage ich, während ich mir Kaffee nachschenke, „dass der Garten uns zuerst angegriffen hat?“ Diese Worte klingen sogar in meinen Ohren absurd.  Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich soetwas nicht glauben. „Am liebsten gar nichts“, antwortet Lorudo-dono. Es ist ihm deutlich anzusehen, dass er ein Zusammentreffen mit Bond so lange wie möglich hinauszögern will. Und dann ist da auch noch der anstehende Besuch des Königs…

„Wir können die Wahrheit nicht länger verstecken“, meint Maikurofutos, „wir hinterlassen zu viele Spuren.“
„Die Wahrheit wird uns aber niemand glauben, mein lieber Mycroft“, wendet Lorudo-dono ein. „Das ist mir schon klar“, erwidert Maikurofuto, „wie aber wäre es mit einer Demonstration.“ Eine Demonstration alter Magie für den König? Ob er das verkraftet? Es gäbe ja auch noch das Medium seiner Majestät, den Earl of Phantomhive, wirft Lorudo-dono ein. Maikurofuto überlegt kurz. „Der hat aber einen Dämonen als Butler“, hält er dagegen. 

Das Thema findet heute keine abschließende Klärung. Butler Charles teilt mit, dass die Listen, die Mr. Winterbottom angefordert hatte, nun vorlägen. Es handelt sich um eine Auflistung von Personen, die zwischen dem 29. August und dem 6. September auf Highclere Castle lebten. Wir suchen nach jemandem, der innerhalb dieses Zeitraums das Sanatorium wieder verlassen hat. Als wir in Norwegen waren, hatte es einen Einbruch in Lorudo-donos privates Schlafzimmer gegeben. Es war nichts gestohlen worden, aber das Zimmer wurde verwüstet und offensichtlich gründlich durchsucht. Die bisherigen Ermittlungen, erklärt mir Maikurofuto, hatten ergeben, dass der Täter nicht von außen in das Gebäude eingedrungen sein kann – es muss also jemand sein, der zum Zeitpunkt des Einbruchs auf dem Castle verweilte – ein Patient womöglich. Die gesuchte Person würde sich inzwischen nicht mehr hier aufhalten – das hatte die Befragung des Loigors ergeben.

Drei Stunden lang durchforsten wir zu viert den Stapel Papiere. Mare holt derweil Erkundungen zu den Zollbestimmungen für Deutschland ein. Unsere Abreise verzögert sich also noch um einen Tag – ganz so ungelegen kommt mir das eigentlich nicht. 

Dreißig Minuten vor der Mittagsstunde können wir aus der Vielzahl von Namen einen herausfiltern: François Michél, ein französischer Soldat, der in der Schlacht von Verdun im Jahre 1916 gegen die vor dringenden deutschen Truppen gekämpft hatte. Er wurde mit einem Trauma in das Sanatorium auf Highclere Castle eingewiesen und ist seit dem 5. September spurlos verschwunden. Maikurofuto setzt seinen Halbbruder, einen talentierten Privatdetektiv aus London, auf den Mann an. Es kostet ihn sichtlich Überwindung, aber das ist es wohl wert. „Sherlock ist auf seinem Gebiet der Beste und auf seine Verschwiegenheit ist Verlass“, sagt er.

Nach dem Mittagessen wird Engineer Watson, der aktuell Bauarbeiten in den Kellergewölbe Highclere Castles koordiniert, kurzerhand von uns „entführt“, um seine fachkundige Meinung zur Durchbrechung der Kellerwand in meinem Haus abzugeben. Lorudo-dono möchte uns begleiten. Das überrascht mich zwar, aber ja, warum nicht.

Als wir Curdridge Hill erreichen, bitte ich Amanda, für uns Tee zu bereiten. Artig folgt sie meinen Anweisungen. Derweil zeige ich Mr. Watson die betreffende Wand. Der Ingenieur schätzt, mißt und prüft und kommt schließlich zu dem Schluß, dass ein Durchbruch der Wand mit zwei Arbeitern innerhalb eines Tages machbar wäre. Ob er gleich das entsprechende veranlassen solle, fragt er. Ich verneine. Ich möchte gerne dabei sein, wenn die Wand aufgestemmt wird und so, wie es aktuell aussieht, werde ich wohl erstmal nach Berlin reisen. Er möge sich in fünf bis zehn Tagen bereit halten, dann erwarte ich, aus Deutschland zurück zu sein.

Nach einer Teepause kehren wir nach Highclere Castle zurück. Senchō trifft auch gerade von seinem Ausflug nach Portsmouth ein. Er hatte bereits gestern abend verkündet, dass er sich auf eine ausgeschriebene Stelle auf der HMS Victory bewerben wollte.

Die Vickers Vimy ist betankt und gewartet. Nachdem die Techniker abgezogen sind, nehme ich zusammen mit Maikurofuto noch ein paar zusätzliche Präperationsmaßnahmen vor. Unter der Verkleidung der Maschine deponieren wir zwei Schrotflinten und zwei Gewehre. In Deutschland ist es nicht ungefährlich, wissen wir – auch ohne unser Zutun und die Einmischung außerirdischer Mächte in die Geschicke der Menschen. Erst letztes Jahr hatte es in München einen Putschversuch gegeben, der das politisch instabile Land an den Rand eines Bürgerkrieges gebracht hatte. 

Die Einfuhr von Schußwaffen nach Deutschland – so teilt uns Mare mit – ist grundsätzlich verboten. Lediglich Militärangehörige dürfen zwei Pistolen mit sich führen. „Du bist doch auch beim Militär“, meint Maikurofuto. „War ich“, korrigiere ich. Meinen Militärausweis habe ich sogar noch. Zwar signalisiert ein Stempel der Kanji  無効 auf der ersten Seite des Ausweises, dass das Dokument ungültig ist, aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein deutscher Zollbeamter Kanji lesen kann?

Am Abend sitzen wir wieder in der Bibliothek und schmieden Pläne für unseren Berlinbesuch. Mare versucht noch immer, uns von einem Besuch auf der Trabrennbahn Hoppegarten zu überzeugen. Diese Angelegenheit scheint ihr sehr wichtig zu sein. Niemand wendet etwas dagegen ein. Maikurofuto und Senchō sind in eine Diskussion über Tarot vertieft.