裏 (Ura) – Verborgenes
Am frühen Morgen brechen meine Freunde nach Croydon auf, um von dort mit der Martinsyde nach Highclere Castle und weiter nach Frankreich zu fliegen. Der Lord bietet mir an, mitzufliegen, was ich aber dankend ablehnen. Der Zug von London nach Portsmouth braucht nur zwei Stunden und die Aussicht, in ein überfülltes Flugzeug zu steigen, empfinde ich nicht gerade als verlockend. Mari-chan erklärt, dass sie unseren Freunden morgen mit der Sopwith folgen will und bietet mir an, mich mitzunehmen.
Gegen Mittag erreichen ich planmäßig mein Anwesen in Curdridge. Eren-san schippt den Neuschnee von den Wegen.
“Guten Tag, Herr”, begrüßt er mich, “wie war Ihre Reise?”
“Erkenntnisreich”, beantworte ich knapp diese ohnehin nur der Höflichkeit halber gestellte Frage.
Ein wohliges Gefühl umfängt mich, als ich das Foyer meines Hauses betrete. Es ist warm und gemütlich. Irgendwie bin ich froh, wieder hier zu sein.
“Willkommen zu Hause, Mr. Okumura”, begrüßt mich Amanda und nimmt mir meine Koffer ab, “ich bringe Ihnen gleich Tee.”
“Danke, Amanda”, erwidere ich, bevor ich mich in das Salonzimmer zurückziehe.
Ich lasse mich in der Sofaecke am prasselnden Kamin nieder und studiere die Tageszeitung. Der japanische Kronprinz Hirohito wird in wenigen Wochen seine Europareise antreten, schreiben sie unter anderem. Ich lege die Zeitung zur Seite, als Amanda eintritt, um den Tee zu servieren.
Ich blicke über die Terasse in meinen verschneiten Garten. Der Schnee dort ist – abgesehen von ein paar Tierfährten (auf die Entfernung würde ich sagen, es sind die Spuren einer Katze) – völlig unberührt, ganz wie auf dem Heiligen Berg von Odawara vor ein paar Tagen. Ich hole die Schatulle mit dem Schreibzeug, die Mycroft für mich aus dem Turm des Mondes geborgen hatte, aus meiner Umhängetasche hervor. Das Holz ist mit typisch japanischer Sorgfalt behandelt und die Intarsien wurden fein und präzise eingelegt – typische Qualitätsarbeit “Made in Japan”. Auch das Innere des Kästchens – die Verzierungen, die Aufhängung für die Schriftrolle, die Schreibfeder – all dies zeugt von feinster japanischer Handwerkskunst. Der beste Ort in meinem Haus, dieses Kunstwerk aufzubewahren, scheint mir der, der mich einst zu ihm führte.
Also begebe mich in meinen Keller. Es ist kalt hier unter. Auch wenn das ein oder andere Geheimnis sich schon offenbart hat, birgt er noch immer Rätsel, deren Antwort ich nicht kenne. Ich gehe über den 700 Jahre alten Steinboden auf die schwere Holztür zu, deren oberes Drittel ein silbernes Pentagramm, ein Älteres Zeichen, ziert. Ich schließe die Tür auf und öffne sie. Der Schrein empfängt mich unverändert, sein sternenreiches Firmament an Decke und Wände projizierend. ‘Ich bin das Sternenmeer. Ich bin die Finsternis’, erinnere ich mich. Ich knie vor dem leeren Schwertständer nieder und platziere die Schatulle davor. Ich verbeuge mich dreimal. Die dritte Verbeugung leite ich ein, indem ich zweimal in die Hände klatsche. Mit den Worten “Onegaishimas, Kuro-sama”, die ich in gebeugter Haltung ausspreche, beende ich meine rituelle Begrüßung und Ehrerbietung an den Nekogami, der zumindest, wenn er nicht selbst hier wohnt, mit diesem Ort in Verbindung steht. Ich verweile einen Moment in Meditation, bevor ich den Raum verlasse und abschliesse.
Am Abend erreicht mich ein Telegramm:
Zwischenstopp in Paris
Morgen Weiterflug nach Lyon
Yours Mycroft









