城と園 (Shiro to sono) – Das Schloss und der Garten
Als ich mit Henuri-san als Beifahrer auf dem Vorplatz der Winchester Cathedral parke, biegen auch gerade die Harleys mit Mari-chan Karura-san und Lorudo-san an Bord um die Ecke.
Eine Trauergemeinde verläßt gerade die Kirche. Der Pastor nickt Lorudo-san kurz grüßend zu, fährt dann aber in seinem Ritual fort. Auch der ein oder andere Trauernde wirft einen kurzen ehrfurchtsvollen Blick in seine Richtung. Ein kleiner älterer Mann kommt auf uns zu und spricht mich direkt an.
„Sie sehen aus, als wären sie fremd hier“, sagt er etwas unbeholfen. Ich schaue ihn prüfend an. „Ach wirklich?“, frage ich gespielt verwundert. „In der Tat“, gibt der Mann trocken zurück, „Leute wie Sie sieht man hier nicht allzu oft. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Stiffertson, meines Zeichens Stadtführer hier in Winchester“ Leute wie mich… Ich kann mir ein Grinsen ob dieser Bemerkung nicht verkneifen. Ich mag meine Rolle als Exot in diesen Landen. Sie erlaubt mir gewisse exzentrische Freiheiten, die ich in Japan nicht ausleben konnte, wie zum Beispiel offen meine Schwerter als Symbol meines Status zu tragen. Hier stört sich niemand daran und niemand stellt Fragen. Bis auf ein paar verwundert interessierten Blicke, denen ich hin und wieder begegne, halten sich die Briten eher zurück. „Und was ist mit Leuten wie ihm“, frage ich Stiffertson und deute mit einer Kopfbewegung in Richtung Lorudo-san. Der kleine Mann wird etwas blaß.
„My Lord, verzeihen Sie, ich habe sie gar nicht erkannt. Hätte ich gewußt, dass Sie…“. Lorudo-san winkt ab. Es sei schon in Ordnung, meint er, und er solle ruhig fortfahren. Es wäre ihm eine Freude, einem Stadtrundgang unter der Führung eines derart motivierten Heimatkundigen beizuwohnen.
Mister Stiffertson nickt und beginnt mit seiner Stadtführung. Neben der Kathedrale zählt das im 13. Jahrhundert gegründete Winchester College zu den bedeutenden Bauwerken der Stadt – und die Great Hall des Winchester Castle, die letzten Überreste des alten Schlosses, in dem König Artus und seine Ritter residiert haben sollen. Mr. Stiffertson berichtet, dass hier einmal Camelot gestanden habe und dass Winchester, heute der Verwaltungssitz der Grafschaft Hampshire, auf den Mauern der alten Hauptstadt erbaut worden sei. Mit Begeisterung erzählt er von König Artus. Die überlieferten Geschichten, so sagt er, trügen eine gute Botschaft. Es sind Geschichten, die man auch seinen Kindern erzählen sollte, damit sie zu guten Menschen würden. In vieler Hinsicht stimme ich dem zu. Lehren über die ritterlichen Tugenden sind sicherlich gut, auf der anderen Seite, werfe ich ein, gibt es aber auch Geschichten – gerade die, in denen es um Geschwisterinzest und Vatermord geht, die ich meinen Kindern – sofern ich welche hätte – nicht zu früh lesen lassen würde.

Winchester Castle
„Diese Geschichten sind doch harmlos“, meint Stiffertson, „wir lassen unsere Kinder die Bibel lesen. Darin stehen ganz andere sündhafte Geschichten. Kennen Sie das Buch?“ , fragt er. Ich schüttle den Kopf. „Dann sollten Sie es vielleicht mal lesen“, meint er. „Ja, vielleicht“ , antworte ich leicht abwesend. Wir haben mittlerweile die Great Hall betreten. Ein großes Bild, eine Art Rad, an der hinteren Wand erregt meine Aufmerksamkeit. Das sei die Tafelrunde, erklärt Stiffertson, an der Artus und seine Ritter gesessen hätten.
Oben trohnt der König. Auf der Scheibe sind Schriftzeichen dargestellt, die ich nicht entziffern kann. Es sind keine lateinischen Buchstaben. In der Mitte des Tisches ist eine doppelte fünfblättrige Blüte dargestellt. Das Bild erinnert mich entfernt an das Wappen Oda Nobunagas, welches die Blüte der Kikyō symbolisiert.

Karura-san stellt die Vermutung an, dass es sich um eine wilde Rose handelt, die in England häufig vorkommt – in rot und in weiß. Abgesehen von der Tafelrunde und einer Königinnenstatue – diese zeigt Königin Victoria, wie ich erfahre – ist die säulengetragene Great Hall des Winchester Castle leer. Es gibt ein paar Ausgänge in den Garten. Stiffertson erzählt, dass dieser „Queen Eleanor’s Garden“ genannt wird. Es sei die moderne Nachbildung eines mittelalterlichen Gartens. Einheimische und Touristen nutzen ihn gern zur Erholung. Auch uns legt er nahe, diesem botanischen Kleinod einen Besuch abzustatten.

Queen Eleanor’s Garden
Es ist erstaunlich, wie üppig die Flora hier gedeiht. Die meisten dieser Pflanzen habe ich noch nie gesehen. Mari-chan zückt ein Sdkalpell und schneidet eine der Pflanzen völlig unverfroren ab. Zwei kleine Jungs, die das beobachtet haben, schauen sie entsetzt an. Mari-chan greift in ihre Tasche und gibt ihnen etwas – Süßigkeiten nehme ich an. Die Kinder lachen und tollen davon, so sehr voller Begeisterung, dass sie ihren Anstand vergessen und sich weder bedanken noch verabschieden.
Ich mache einen Spaziergang durch den Garten, lasse mich vom Duft der Blumen und Summen der Bienen gefangen nehmen. Meine Freunde gehen ihren eigenen Wegen nach. Es ist selbst für diese Jahreszeit recht warm hier. Das Klima ist beinahe subtropisch. Der Garten selbst ist sehr gepflegt und voller Energie. Selten habe ich so viele kraftvoll blühende Pflanzen an einem Ort gesehen.
Ein lautes Schimpfen unterbricht abrupt die Ruhe des Gartens und stört den Frieden dieses Ortes. „Das ist unerhört“, höre ich jemanden keifen, „so lasse ich mich nicht behandeln. Eine Unverschämtheit! Sie werden noch von mir hören!“ Es ist Mari-chan. Ich atme tief durch und ignoriere das Schimpfen.
Ich gehe zurück in die Great Hall, will mir noch einmal diesen Tisch ansehen. Es herrscht eine gewisse Hektik in der Halle. Die Polizei ist vor Ort und auch die Presse hat sich eingefunden. Ein Police Officer kommt auf mich zu und bittet mich, ein paar Fragen zu beantworten. Worum es geht, möchte ich wissen. Ich verstehe diese Aufregung nicht. Der Officer erklärt mir, dass nach einer jungen Dame mit einer Apotheker-Tasche gesucht wird. Die Beschreibung passt auf Mari-chan. Ein Kind sei vergiftet worden, ein zweites würde vermisst. Man ginge von einer Entführung aus. Einige Passanten hätte diese Frau zusammen mit den Kindern gesehen. Ob ich etwas dazu sagen könne, diese Frau vielleicht gesehen hätte, möchte der Officer wissen. Ich zeige mich ehrlich betroffen ob dieser Vorkommnisse, teile dem Officer dann aber mit, dass ich leider nichts tun könne, um in dieser Sache zu helfen. Eine Frau, auf die diese Beschreibung passt, kenne ich nicht. Ich fühle mich nicht gut dabei. Im Grunde sehe ich mich der Wahrheit verpflichtet, Lügen sind mir zuwider. Auf der anderen Seite wiegt aber auch der Verrat eines Freundes schwer. Der Officer erkennt meine Zweifel zum Glück nicht und bedankt sich für meine Zeit. Ich wünsche viel Erfolg bei der Aufklärung des Falles, hof
fe aber insgeheim, dass alles nur ein großes Missverständnis ist.
Auch Lorudo-san ist mittlerweile in die Great Hall zurück gekommen. Er wird begleitet von einem hochrangigen Polizeibeamten, und lässt die Halle und den Garten absperren. Er wirkt sehr gestresst – verständlicher Weise. Ich will gerade gehen, als mir auffällt, dass die Aufhängung der Tafelrunde an der Wand irgendwie seltsam ist. Ich schaue genauer hin und entdecke eine mechanische Vorrichtung – eine Art mittelalterliches Kugellager. Vielleicht lässt sich die Scheibe ja drehen? Bedauerlicher Weise hängt das Konstrukt aber zu hoch, als dass ich diese Vermutung überprüfen könnte. Also gehe ich nach draußen. Der Trubel hier ist mir zu heftig.
Auch auf dem Schlossvorplatz herrscht noch einige Aufregung. Besonders lästig sind die Journalisten-Horden, die von diesem Ereignis angezogen werden wie Motten vom Licht. Selbst mich versucht der ein oder andere Pressemensch zu einem Interview zu überreden, was ich aber recht erfolgreich abwenden kann, indem ich vorgebe, kein Englisch zu verstehen.
Nach anderthalb Stunden gibt es eine Erfolgsmeldung. Das zweite Kind ist gefunden worden. Der Junge war im College Park einen Hang herunter gerollt, nachdem er vermutlich sein Bewußtsein verloren hatte. Er sei benommen und verwirrt, würde aber wohl wieder auf die Beine kommen, entnehme ich diversen Gesprächsfetzen.
Ein Junge kommt angelaufen und sucht nach Lord Caranarvon. Ich sehe, wie der Bursche Lorudo-san eine Nachricht überbringt. Lorudo-san wirft einen kurzen Blick darauf und steckt den Zettel in seine Brusttasche. Er redet noch kurz mit dem Police Officer, der hier offenbar die Ermittlungen leitet, verabschiedet sich dann und kommt auf mich zu. „Wir fahren zurück nach Newbury“, sagt er. Karura-san ist bei ihm, aber es gibt keine Spur von Mari-chan oder Henuri-san. „Wo sind…“, setze ich an, doch Lorudo-san gibt mir mit einem scharfen Blick und einer dezenten Deutung in Richtung eines Journalisten, der sehr interessiert zu uns herüber schaut und eifrig Notizen in ein kleines Heft schreibt, klar zu verstehen, dass hier nicht der richtige Ort und jetzt nicht die richtige Zeit ist, um Fragen zu stellen.










