心情の試練 (Shinjō no shiren) – Die Prüfung des Herzens
Um halb sieben am Morgen reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Meine Motivation, aufzustehen, hält sich in Grenzen, doch es hilft nichts – es gibt Menschen, die sich auf mich verlassen und die ich nicht enttäuschen will. Nach einer kalten Dusche aber geht es mir schon besser.
Um halb acht beginnt mein Dienst. Nach dem Frühstück der Herrschaften bricht die Gesellschaft zur Jagd auf. Zusammen mit Samuel Holt begleite ich das waidmännische Spektakel. Der Ausflug soll ein schnelles Ende finden. Lorudo-dono hat Pech. Schon bei seinem ersten Schuß gibt es eine Fehlzündung in seinem Gewehr und er verletzt sich seine Hand. Die Wunde ist nicht schwer und wird versorgt, doch die Jagd wird aufgrund dieses Vorfalles vorzeitig abgebrochen und ich komme so doch noch zu ein paar Stunden Ruhe, bevor die Vorbereitungen für den Besuch in Winchester getroffen werden müssen. Ich bin bereits eine dreiviertel Stunde vor der Ankunft des Königs mit einem Team vor Ort, um in Absprache mit den örtlichen Sicherheitsbehörden die anstehenden Aufgaben zu koordinieren.
Pünktlich um halb zwei trifft der Korso aus auf Hochglanz polierten Edelkarossen ein, der den König, den Lord und deren Gefolge nach Winchester bringt. Die Besichtigung der Winchester Hall wie auch die anschließende Pressekonferenz verlaufen ohne Zwischenfälle.
Nach dem Fünf-Uhr-Tee reist der König nach Southampton ab und meine Zuständigkeit für seine Sicherheit endet nun. Als die königliche Kolonne schließlich abgefahren ist, gehe ich zu Maikurofutos Wagen. Wir verabreden, zusammen nach Curdridge zu fahren. Ich will gerade zu meinem Auto gehen, als Lorudo-dono auf uns zukommt. Da fällt mir etwas ein.
„Dono“, sage ich, „wir hatten noch gar keine Gelegenheit, über mein Honorar für die letzten Tage zu sprechen.“
Lorudo-dono schaut mich ziemlich entgeistert an.
„Wie meinst du das?“, fragt er schroff, „ich habe dir doch gesagt, du sollst deine Auslagen und die Personalkosten mit meinem Schatzmeister abrechnen…“
„Du verstehst mich falsch“, wende ich ein, „ich spreche von meiner Bezahlung als Chef des Sicherheitsteams.“
„Dafür willst du Geld?“, fragt er ehrlich empört.
„Ja, Dono, ich halte es für angebracht, dass ich für meine Arbeit auch angemessen entlohnt werde“, wende ich ein, „sagen wir fünfzig Schilling – das ist ein Freundschaftspreis.“
Das scheint mir nicht übertrieben. Lorudo-dono aber betrachtet mich mit offener Herablassung.
„Ich habe dir dein Haus vermittelt“, argumentiert er.
„Ja richtig“, antworte ich, „aber bezahlt habe ich es selbst und ich komme auch für den Unterhalt auf.“
„Ich verstehe diese Aufregung nicht“, meint Lorudo-dono gereizt und entnervt, „der Ruhm und die Ehre sollten dir doch wohl Lohn genug sein.“ Damit scheint die Diskussion für ihn beendet.
Ruhm? Ehre? Ich glaube meinen Ohren nicht recht zu trauen. Meint er das ernst? In meiner Erinnerung bestanden die letzten Tage aus ziemlich viel Anspannung und Stress – auch ohne den Besuch in R’yleh. Mir entgeht nicht, dass Maikurofuto ob der unterschwelligen Spannungen zu seiner Geldbörse greift und für meine Bezahlung aufkommen will.
„Darum geht es nicht…“, weise ich sein Angebot zurück. An Lorudo-dono gewandt fahre ich ruhig fort: „Gut, wenn das Euer Standpunkt ist… Aber vergesst nicht, George V. ist nicht mein König und Ihr seid nicht mein Lord.“ Lorudo-dono sieht mich nur verächtlich und verständnislos an. Ohne ein weiteres Wort gehe ich zu meinem Silverghost.
„Mycroft, um Mitternacht in meiner Bibliothek“, höre ich noch Lorudo-donos Anweisung.
Es ist etwa halb sieben, als ich auf Curdridge Hill ankomme. Mein Groll hat sich etwas gelegt, aber ich habe mich und meine Rolle im Verhältnis zum Lord of Carnarvon völlig überdacht und neu bewertet. Maikurofuto, der sich von Mare chauffieren läßt, trifft kurz nach mir ein. Senchō ist auch zu Hause. Für ihn ist morgen ein großer Tag. Er tritt seinen neuen Posten als Kapitän der HMS Victory an und ist schon sichtlich aufgeregt und auch ein wenig stolz, dass er sich erfolgreich gegen seine Mitbewerber durchsetzen konnte. „Umso mehr ein Grund zum Feiern“, meint Maikurofuto.
Wir verbringen einen entspannten Abend, reden über dies und das und sprechen über unsere Zukunftspläne. Ich werde in absehbarer Zeit eine Reise nach Japan unternehmen, erkläre ich. Eines meiner Ziele wird Odawara sein. Maikurofuto bietet an, mich zu begleiten. „Aber wir fliegen dann…“, meint er. Mir gefällt dieser Gedanke – bis auf eine Kleinigkeit, die ich vorher noch wissen muss. Als Senchō und Mare für einen Moment den Raum verlassen, spreche ich Maikurofuto gegenüber aus, was mir auf der Seele brennt.
„Ich möchte sehen, was du unter deiner Maske verbirgst“, sage ich entschlossen. Maikurofuto wird still.
„Bist du sicher, das du das willst“, fragt er, „ich kann mein eigenes Spiegelbild selbst kaum ertragen.“
„Ja“, erwidere ich, „wenn ich es nicht aushalten kann, dir ins Gesicht zu blicken, dann bin ich es auch nicht wert, mich dein Freund zu nennen.“
„Ich merke schon, du läßt dich davon nicht abbringen“, meint er verhalten lächelnd und löst die Maske von seinem Antlitz.
Gelb leuchtend prangt mitten auf Maikurofutos Gesicht das Zeichen dessen, der nicht genannt werden darf. Ich habe es schon einmal gesehen – auf dem Umschlag des Buches, das wir in der Humboltschen Villa in Berlin-Tegel geborgen hatten. Schon da hatte allein der flüchtige Anblick dieses Symbols mir tiefes Unbehagen bereitet. Jetzt, das ich es so nah und deutlich vor mir sehe, bin ich von blankem Entsetzen erfüllt. Es ist nicht die Tatsache, dass ich in ein verunstaltes Antlitz blicke – es ist das Zeichen selbst, das Panik und Furcht in mir bewirkt. Dennoch – auch wenn das Mal des König in Gelb die wahre Persönlichkeit zu verschleiern sucht, erkenne ich hinter seinem Schatten die Wahrheit, an der ich im Grunde nie wirklich gezweifelt habe. Maikurofuto ist mein Freund und ich werde ihm immer zur Seite stehen – genau wie er mir. Trotzdem bin ich erleichtert und dankbar, als Maikurofuto die Maske wieder aufsetzt und mich von meinem Schrecken erlöst. Ich leere mein Gin-Glas mit einem Zug um so das Echo des Grauens aus meinen Gliedern zu schütteln.
„Mir geht es genauso, wenn ich mich ansehe“, erklärt Maikurofuto, dem meine Regungen nicht entgangen sind, „und es war auch nicht abgemacht, dass er mich mit diesem Mal versieht, wenn ich sein Diener werde.“
Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr vom dunklen Planeten registriere ich die unterschwellige Verzweiflung im Herzen meines Freundes. Ich kenne ihn gut genug um zu wissen, dass er sich davon nicht unterkriegen lassen wird. Er wird nicht aufgeben, bis er eine Möglichkeit gefunden hat, sich zu befreien.
„Du kannst auf mich zählen“, versichere ich ihm, „ich vertraue dir. Aber es gibt noch eine Sache, um die ich dich bitten möchte.“
Maikurofuto schaut mich erwartungsvoll an.
„Ich habe dir einmal ein Versprechen gegeben, von dem ich nicht weiß, ob ich es noch halten kann“, erkläre ich, „auf jemanden bestimmtes aufzupassen, wenn du es selbst nicht kannst.“
„Du sprichst vom Lord“, schlussfolgert er richtig.
„Ja, das stimmt“, bestätige ich, „ich kann jemandem mit seiner Einstellung nicht vorbehaltlos schützen. Er hat keinen Respekt vor dem Leben anderer Menschen und zögert auch nicht, diese zu opfern, wenn es für ihn günstig ist. Ich habe nicht gewußt, wie skrupellos und kaltherzig er wirklich ist…“
„Ich weiß das schon länger“, antwortet Maikurofuto, „wenn es dir so wichtig ist, entbinde ich dich von deinem Versprechen. Du schuldest mir nichts.“









