三人兄弟 (Sannin Kyōdai) – Drei Geschwister
Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als ich erwache. Im ersten Moment bin ich etwas orientierungslos. Ujimasas Erinnerungen sind in meinem Geist ebenso präsent wie meine eigenen und ich brauche ein paar Minuten um zu begreifen, wer, wo und wann ich bin.
Ich gehe in die Küche und bereite mir einen Tee. Ujimasas und Ujiterus gemeinsame Grabstätte, erinnere ich mich, befindet sich auch heute noch in Odawara. Ich sollte den Brüdern bei Gelegenheit einen Besuch abstatten und ihnen meine Ehre erweisen, überlege ich. Wenn das hier alles vorbei ist… Dieses Problem, von dem Kotarō – nein eigentlich war es Maikurofuto gewesen, der da mit mir gesprochen hatte – mich in Kenntnis setzen wollte… Die erwachende dunkle Bedrohung aus der Unterwasserstadt am Pol der Unzugänglichkeiten… Ich hatte es schon fast vergessen…
Amanda kommt in die Küche und fragt, ob sie etwas tun können. Ich bitte Sie, ein Frühstück für mich und meine Gäste herzurichten. „Wie Sie wünschen, Mr. Okumura“, sagt sie und macht sich an die Arbeit. „Amanda?“, frage ich, „welches Datum haben wir heute?“ Amanda sieht mich leicht verwundert an. „Den 16. September, Mr. Okumura“, antwortet sie. „Welches Jahr?“, will ich weiter wissen. „1920“, erwidert sie. Das ist gut. Offenbar sind während unseres Aufenthaltes in der Sengoku-Epoche hier nur ein paar Stunden vergangen.
Während des Frühstücks fällt mir das Schriftstück ein, dass Lorudo-dono mir nach unserer Rückkehr aus Japan gegeben hatte. Es ist ein Plan, eine Karte. Es sieht aus wie der Grundriss des Burggeländes in Odawara. Fragend blicke ich zu Lorudo-dono. „Da liegt der Schatz der Hōjō vergraben“, sagt er und deutet auf eine Stelle auf der Karte, die mit einem Kreuz markiert wurde. Ich erinnere mich. ‚Was soll mit dem Burgschatz geschehen‘, hatte Tanaka-san gefragt und ich – Ujimasa – hatte geboten, die Hälfte des Schatzes zu vergraben. [simple_tooltip content=’sinngemäß: „Verstehe“, „So ist das also“‚]“Sō ka“[/simple_tooltip], sage ich gedankenverloren. Ob der Schatz noch da ist? Und da war noch etwas. „Hoshi wa Hikari“, murmle ich, was mir fragende Blicke meiner Freunde einbringt. „Entschuldigt mich für einen Moment“, sage ich, „ich muss einen Brief schreiben.“
Eine ganze Weile sitze ich vor dem leeren Blatt Papier und überlege, wie ich anfangen soll.
„Onii-chan“, schreibe ich dann, „es ist eine Menge passiert in den letzten Tagen und Wochen. Wußtest du, dass Teile der Burg Odawara in England gelandet sind? Es klingt verrückt, aber es ist tatsächlich so, dass das Fundament meines Hauses aus dem alten Burgturm stammt, der während der Sengoku-Zeit in der Hand der Hōjō war. Du solltest mich hier in England einmal besuchen kommen – dann kann ich es dir zeigen.
Ich habe noch mehr über die Hōjō herausgefunden. So bin ich auf Hinweise gestoßen, die darauf hindeuten, dass der Schatz der Hōjō nach der Eroberung von Odawara nicht vollständig an Toyotomi Hideyoshi gefallen ist. Ujimasa hatte verfügt, einen Teil des Klanvermögens zu vergraben. Meines Wissens wurde der Schatz bis heute nicht gehoben. Auf der beiliegenden Karte ist der Ort verzeichnet, an dem er sich befinden soll.
Ich möchte dich noch um einen Gefallen bitten. Ich habe etwas zum Inari-Großschrein nach Kyōto schicken lassen und würde mich freuen, wenn du das Päckchen für mich abholen könntest. Falls es wirklich dort angekommen ist, wird man es dir aushändigen, wenn du die Worte ‚Hoshi wa Hikari‘ sprichst. Du kannst es ruhig öffnen, wenn du es erhältst – der Inhalt ist für dich bestimmt.
Ich habe dir noch eine Menge mehr zu erzählen, doch wenn ich anfangen würde, alles aufzuschreiben, würde es wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, großer Bruder. Grüße Tsuki von mir und die Kinder.
Dein kleiner Bruder.“
Nachdem ich meinen Brief geschrieben habe, stoße ich wieder zu meinen Freunden, die sich angeregt unterhalten. Es geht um die Dreiheit von Sonne, Mond und Sternen und eine mögliche Verbindung zu den drei verfeindeten Brüdern, Cthulhu, dem Wesen des Wasser, dem König in Gelb, dessen Name nicht genannt werden darf, und Tsathoggua, dem Herrn der Winde. „Unter den Hauptgöttern des Shinto gibt es auch drei Geschwister“, werfe ich ein, „Ameterasu, die Sonne, Tsukiyomi, der Mond und Susanō, der Gebieter über das Meer und die Winde. Über Tsukiyomi gibt es nicht viele alte Geschichten, aber der Zwist zwischen Susanō und Ameterasu ist das Thema vieler Legenden in unserer Mythologie.“ Es waren die Sterne, die im verborgenen Schrein erschienen, als ich das Kirishimo dort platzierte und es war der Herr der Winde aus dem Shinto, der sich mir vor einiger Zeit im Traum offenbarte. „Ich weiß nicht, für wen die Sonne und für wen der Mond steht“, sage ich, „aber ich glaube, Tsathoggua schläft bei den Sternen.“
Meine Freunde wollen heute noch nach London fahren um dort weitere Nachforschungen zu den mysteriösen Triaden anzustellen. Das kommt mir entgegen. Auch ich will nach London. Konkret will ich die Bibliothek der japanische Fakultät der University of London aufsuchen. Vielleicht gibt es ja Hinweise auf den Verbleib meines Schwertes. Außerdem brauche ich auch eine neue Waffe, ein neues Schwert.
In der Bibliothek komme ich leider nicht weiter. Es gibt zwar Hinweise auf ein legendäres Schwert, das sich im Besitz von Hōjō Ujimasa befunden haben soll, doch nach seinem Tod sei es spurlos verschwunden. ‚Kotarō hat ganze Arbeit geleistet‘, denke ich still in mich hinein grinsend. Der Name des Schwertes – falls es einen gab – wird jedoch nicht genannt.
Im Anschluss suche ich ein Geschäft auf, dass sich auf den Import von Kunstgegenständen aus dem fernen Osten spezialisiert hat. Der Händler, Mr. Sato, stammt aus Osaka und zeigt sich hocherfreut, einen Landsmann zu treffen. Wir kommen ins Gespräch. Sato-san zeigt mir eine Auswahl von Schwertern aus seinem Katalog und weist mich darauf hin, das gerade auch eine ganz besondere Klinge zum Verkauf steht. Es handelt sich um ein signiertes Mino Kanesada, welcher ein legendäre Schwertschied in der Zeit der streitenden Staaten war. Es hat zwar einen stolzen Preis, aber das ist es mir wert und ich weiß sofort: ich muss dieses Schwert unbedingt haben.
Als ich meine Freunde wieder treffe, lasse ich mich von Maikurofuto überreden, mit nach Highclere Castle zu fahren. „Wir könnten uns ein bisschen in der Schwertkunst testen“, schlägt er vor. Dazu bin ich gerne bereit.
Als wir auf Highclere Castle ankommen, okkupieren wir kurzerhand den Flughangar und funktionieren ihn temporär zu einem Dōjō um. Offiziell gilt Maikurofuto ja noch immer als schwer verletzt, darum wollen wir bei unserem Training lieber nicht gesehen werden. Wir liefern uns einen anständigen Schlagabtausch, bei dem keiner der anderen etwas schenkt. Auf Dauer kann Maikurofuto gegen mich nicht ankommen, doch ich bewundere seinen Ehrgeiz. Irgendwann schafft er es dann doch, mich mit einer gemeinen und hinterhältigen Ninja-Taktik zu Fall zu bringen. Ich zolle ihm meinen Respekt für diese Leistung.
Während einer Pause, die wir einlegen, fällt mir etwas ein. „Die Gegenwart der drei Brüder spiegelt sich auch in deiner Kultur“, sage ich, „ihr habt hier auch drei große Götter – den der Juden, den der Christen und den der Muselmanen – und ihre Anhänger bekriegen sich seit altersher bis auf das Blut. Der Stern ist das Zeichen der Juden, der Mond steht für die muselmanische Gottheit und das Kreuz der Christen kann auch als Symbol für die Sonne gesehen werden.“
„So hatte ich das noch gar
nicht betrachtet“, meint Maikurofuto nachdenklich, „aber da könnte etwas dran sein.“










