Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

林檎 (Ringo) – Äpfel

In den Häusern weiter unten im Dorf scheint man die Schüsse ignoriert zu haben. Alle Fenster sind noch immer dunkel. Ja richtig – es ist Jagdsaison und Schüsse in der Nacht sind um diese Jahreszeit in der Nähe von Waldgebieten nicht ungewöhnlich. Mari-chan aber wurde durch die Kampfgeräusche angelockt. Besorgten Blickes kommt sie auf uns zu. „Was habt ihr nur wieder angestellt“, fragt sie leise und vorwurfsvoll, während sie sich Maikurofutos Verletzungen ansieht und behandelt. „Er wird schon wieder“, meint sie. Und wie jetzt weiter? Unser Flugzeug steht in Staaken. In einem Taxi können wir – selbst wenn wir um diese Uhrzeit eines erwischen würden – nicht fahren. Unser Erscheinen in unserem derzeitigen Aufzug würde zu viele Fragen aufwerfen. 

Wir entfernen uns erst einmal vom Tatort. Ich bin gerade noch so in der Lage, mich selbst zu tragen, Lorudo-dono und Mari-chan schleppen Maikurofuto davon. Vor der Kirche parkt ein Auto, doch wir schaffen es nicht, den Wagen zum Laufen zu bringen. Ein zweites Fahrzeug, das in der Nähe der Hauptstraße parkt, erweist sich als genauso widerspenstig. Langsam gehen uns die Optionen aus und die Zeit läuft uns davon. Es beginnt bereits langsam zu dämmern. Noch immer ist niemand auf den Straßen zu sehen.

Nach einer halben Stunde aber taucht schließlich ein mit Äpfeln beladener Pferdekarren auf der Berliner Straße auf. Der Bauer lenkt sein Fuhrwerk stadteinwärts – Mari-chan und Lorudo-dono treten in Aktion. „Guten Morgen“, grüßt Lorudo-dono den Bauern. Der hält seinen Karren an und fragt etwas. Vermutlich will er wissen, was Lorudo-dono von ihm möchte. Mari-chan versucht sich derweil von hinten an den Mann heran zu schleichen. Der Bauer bemerkt sie, doch nützt ihm das wenig, denn ein chlorophormgetränktes Tuch wird ihm in dem Moment, als er sich umdreht, ins Gesicht gedrückt. Der Mann sackt betäubt zusammen. Mari-chan und Lorudo-dono hieven ihn auf seinen Karren und vergraben ihn unter seinem Obst. Auch Maikurofuto wird auf den Wagen gehoben und mit Äpfeln bedeckt. Ich klettere selbst auf das Gespann auf und Mari-chan beginnt auch mich mit Äpfeln zu bedecken. Ich wehre mich verbal gegen diesen Akt, aber Mari-chan läßt sich nicht beirren. „Du fällst sowieso schon auf wie ein bunter Hund und so, wie du jetzt zugerichtet bist, erst recht“, sagt sie, „entweder so oder du kannst laufen.“ Mein Blick wendet sich hilfesuchend zu Lorudo-dono, doch der zeigt sich durchaus einverstanden mit Mari-chans Vorgehen. Verdammt aber auch… 

Ich weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs sind, als wir am Flugfeld Staaken ankommen. Die Sonne steht schon recht hoch. Zwei bis drei Stunden dürften es schon gewesen sein. Trotz der unbequemen Lage bin ich unterwegs etwas eingenickt und ich fühle mich tatsächlich ein wenig erholt. 

Am Flugfeld stoßen wir auf eine weitere Hürde. Wir können unmöglich mit dem Pferdekarren zur Vickers Vimy vorfahren. Mari-chan muss alleine starten und uns einige Kilometer weiter auf dem flachen Land „einsammeln“. Nachdem sich das Fuhrwerk wieder in Bewegung gesetzt hat, rapple ich mich auf. Es ist mir jetzt langsam zu dumm, mich unter den Äpfeln zu verstecken. Ich nehme dem Bauern seine Jacke ab und werfe sie mir selbst über, um die Blutspuren auf meinem Hemd zu verbergen.

Memories

Ich frage mich, warum ich nicht schon früher auf diese Idee gekommen bin. Auch seines Hemdes entledige ich den Bauern. Mari-chan hat Maikurofutos Wunde gut versorgt und während ich ihm seine blutgetränkten Kleider ausziehe, um ihm das weniger verräterische Hemd des Bauern überzuziehen, fällt mir auf, dass Maikurofuto trotz seines fortgeschrittenen Alters immernoch extrem gut gebaut ist. Kein Wunder, dass die Damenwelt ihm zu Füßen liegt. Ein leichter Schauer erfasst mich bei diesem erbaulichen Anblick und die Erinnerung an eine zwanzig Jahre zurückliegende Romanze drängt sich unvermittelt in mein Gedächtnis – damals in Tainjing, als sich die Asche der brennenden Stadt für mich in die fallenden Blätter der Kirschblüte verwandelte. Es hielt nicht lange an – nach zwei Wochen wurde meine Einheit abberufen und unsere Wege trennten sich für fast zwei Jahrzehnte – aber zumindest für mich war es bedeutsam und ehrlich, und das ist es irgendwie bis heute geblieben.

Lorudo-dono gibt dem Pferd die Peitsche. Die plötzliche Beschleunigung wirft mich unsanft auf die Apfelladung. Schmerzhaft macht sich meine Verletzung bemerkbar und ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken. Unweit von uns sehe ich die Vickers Vimy kreisen. Mari-chan setzt zur Landung an. Wenige Minuten später erreichen wir das Flugzeug. Mari-chan hilft Lorudo-dono, Maikurofuto an Bord zu bringen. Lorudo-dono „spendiert“ dem Bauern noch seinen letzten Schnaps und läßt ihn so – halbnackt und betäubt – unter seinen Äpfeln zurück. Irgendwie habe ich fast Mitleid mit dem Mann. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und hatte das Pech, uns zu begegnen.