呪われたい御殿 (Norowatarai Goten) – Das verfluchte Schloss
Es ist nur ein Katzensprung vom U-Bahnhof Eberswalder Straße zum S-Bahnhof Schönhauser Allee, von wo aus uns die S-Bahn binnen dreißig Minuten nach Tegel bringen soll. Unter dem Magistratsschirm flanieren wir dorthin. Vom S-Bahnhof Tegel aus zum Schloss liegt auch noch einmal ein kurzer Spazierweg vor uns. Das Schloss liegt erwartungsgemäß in Trümmern. Nur noch eine Ruine ist übrig. Das Anwesen, das der Familie von Humboldt gehört, wird von zwei Polizisten bewacht um Plünderer abzuhalten.
Maikurofuto wird etwas blaß, als er das Gebäude sieht und ich spüre förmlich, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellen. „Das kann nicht sein!“, sagt er. Ich frage nach und er erzählt mir von Halifax. Dort gab es ein Haus genau dieser Bauart – Maikurofuto ist sogar der Überzeugung, dass es exakt das gleiche Gebäude ist. Dort wurde ein Theaterstück aufgeführt – „Der König in Gelb“ – und danach war auch jenes Haus in Flammen aufgegangen. „Es muss hierher teleportiert worden sein“, meint er.
Mari-chan wird sich plötzlich und unvermittelt ihrer Familienbande bewußt. „Von Humboldt? Das sind doch Verwandte von mir!“, stellt sie überrascht fest. Hatte sie das etwa vergessen? Mit einem (vorgetäuschten?) Nervenzusammenbruch ob des Schocks über dieses schreckliche Unglück zieht sie nun die Aufmerksamkeit der beiden Männer vom Wachschutz auf sich. Maikurofuto versucht die vermeintlich günstige Gelegenheit zu nutzen, um unbemerkt auf das Grundstück zu gelangen, doch er hat Pech. Just in dem Augenblick, in dem er hinter der Hauswand verschwinden will, schaut einer der Polizisten genau in seine Richtung. Er ruft etwas auf deutsch und marschiert forschen Schrittes auf Maikurofuto zu. Dieser mimt den Ahnungslosen und nestelt an seinem Gürtel. Der Polizist sieht entrüstet aus und schimpft. Irgendwo zwischendrin meine ich etwas zu verstehen, das sich wie „Ordnungsgeld“ anhört. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber offenbar nichts Gutes. Der Polizist weist Maikurofuto an, ihm zu folgen.
Sichtlich verstimmt kommt Maikurofuto nach einer Weile wieder zurück. „Ich musste eine Strafe zahlen und sie haben meine Personalien aufgenommen“, berichtet er zerknirscht, „hier kommen wir erst einmal nicht weiter. Wir müssen warten, bis es dunkel ist.“
Mari-chan hat ihr Theater inzwischen beendet und ist voraus gegangen. Sie wartet an der Dorfkirche auf uns. Wir halten nach einer Unterkunft Ausschau und stoßen schließlich auf ein kleines Gasthaus. „Alte Waldschänke“ steht über der Tür. Eine Tafel weist darauf hin, dass der Dichter Johann Wolfgang Goethe, dessen Namen selbst in Japan wohlbekannt ist, hier einst genächtigt hat. Mare, Senchō und Karura-san verabschieden sich. Ihnen ist die Sache zu heiß. Wir anderen beziehen unter flaschem Namen für die Nacht Quartier.
Nach einer kurzen Ruhepause schleichen wir uns des Nachts um eins heraus auf Tegels Straßen. Sie sind menschenleer. Wir schmieden den Plan, dass Lorudo-dono und Mari-chan eine Streit vortäuschen, um die Polizisten abzulenken, während Maikurofuto und ich in das Gebäude schleichen und uns umsehen wollen, aber Lorudo-dono besteht darauf, mit uns zu gehen und läßt sich auch nicht von etwas anderem überzeugen. Ich habe kein gutes Gefühl dabei.
Mari-chan sorgt nun also allein für Ablenkung. Schluchzend und jammernd kommt sie aus Richtung des von Humboltschen Familiengrabes auf die Polizisten zu. Es gab zwischenzeitlich einen Wachwechsel, so dass jetzt zwei andere Männer das Gebäude bewachen. Diese sind auch aufrichtig besorgt. Unter Tränen erzählt Mari-chan, dass sie hier getrauert und nicht gemerkt hätte, wie die Zeit verging und jetzt wüßte sie nicht, wie sie zurück in die Stadt kommen sollte. Die S-Bahn hat ihren Betrieb für heute schon eingestellt.
Wir nutzen die Ablenkung, um uns in den Schatten auf das Anwesen zu schleichen. Maikurofuto und ich kommen schnell und ungesehen zum Haus, doch Lorudo-dono zögert. Zweimal, als er gerade lossprinten will, um zu uns zu kommen, dreht sich just in diesem Moment einer der Wachmänner zu ihm um und er drück sich wieder in das hohe Gras, um nicht entdeckt zu werden. Schließlich gelingt es ihm doch, in einer günstigen Situation die Flucht nach vor zu wagen.
Wir öffnen leise eine Seitentür und spähen in des Innere. Es ist dunkel, kalt und feucht und es riecht nach verbranntem Holz. Im Schein der Flamme eines Feuerzeuges erkennen wir eine gewundene Steintreppe, die nach oben führt. „Das Arbeitszimmer ist im ersten Stock“, erinnert sich Maikurofuto. Wir gehen also die Treppe hinauf, wo uns ein Flur mit drei Türen begegnet. Die erste führt in einen leergebrannten Raum. Von hier gibt es keinen weiteren Ausgang und so gehen wir zurück. Doch was ist das? Der Flur, von dem aus wir hereingekommen sind, ist nicht mehr der gleiche. Grundriss und Anzahl und Anordnung der Türen sind völlig anders. „Oh, richtig. Da war doch etwas…“, fällt Maikurofuto ein, „das Haus verändert sich. Es ist ein Labyrinth.“ „Und wie kommen wir hier wieder raus?“, frage ich. „Trail and Error“, antwortet Maikurofuto ziemlich gelassen, „aber erstmal müssen wir hier etwas herausholen.“
Es erscheint mir wie eine halbe Ewigkeit, die wir durch die Räume irren. Ich habe die Hoffnung, jemals wieder nach draußen zu kommen, schon fast aufgegeben, als wir schließlich in ein Arbeitszimmer mit einer kleinen Bibliothek gelangen. Erstaunlicher Weise scheint dieser Raum vom Feuer verschont geblieben zu sein.
Im Bücherregal ist ein gelbes Leuchten auszumachen. Zielstrebig greift Lorudo-dono zu und zieht das Gelbe Buch heraus. „Da ist es“, sagt er freudig, „das geben wir nicht mehr aus der Hand!“ Jetzt müssen wir nur noch den Weg nach draußen finden.
Zurück durch das Labyrinth der sich wandelnden Räume finden wir irgendwann auch unseren Weg. Ich nehme einen tiefen Atemzug, als ich das stickige, verkohlte Gebäude verlasse. Maikurofuto späht vorsichtig um die Ecke des Hauses und gibt uns ein Zeichen, als die Luft einigermaßen rein ist. Schnell und leise schleiche ich mit ihm gemeinsam zum nächsten Gebüsch. Lorudo-dono aber tritt auf einen trockenen Ast und erregt die Aufmerksamkeit der Polizisten. Eine Taschenlampe wird in unsere Richtung gehalten und so werden auch Maikurofuto und ich entdeckt. Verdammt, Dono, hättest du mal auf uns gehört!
Es ist wie es ist. Mit vorgehaltener Dienstwaffe fordert uns der Polizist auf, aus unserem Versteck zu kommen, dem wir auch Folge leisten. Vielleicht kommen wir mit Diplomatie weiter. Lorudo-dono, der als einziger von uns der deutschen Sprache etwas mächtig ist, versucht unsere Anwesenheit damit zu erklären, dass wir eine Freundin – Ms. von Humboldt, suchen würden. Sie wollte hierher kommen, sei aber am Abend nicht ins Hotel zurück gekehrt, behauptet er. Der Polizist ist skeptisch, scheint ihm nicht zu glauben und will nun unsere Taschen durchsuchen. „Das geben wir nicht mehr aus der Hand!“, hallt es in meinem Kopf wieder und ein gewisses Blitzen in Maikurofutos Blick verrät mir, dass er ähnlich denkt. Preventiv lasse ich meine Hand in Richtung meiner Pistole gleiten. In diesem Moment fällt auch schon der erste Schuß und einer der Polizisten taumelt verletzt zurück. Der nun folgende Schußwechsel ist kurz und heftig. Maikurofuto wird getroffen, feuert aber unbeirrt weiter. Auch mich erwischt eine Kugel schmerzhaft. Einer der Polizisten sinkt zu Boden. Es wird weiter geschossen. Maikurofuto erwischt es ein zweites Mal
. Taumelnd gibt er einen letzten Schuß ab, der auch den zweiten Polizisten außer Gefecht setzt.
Lorudo-dono versucht Maikurofutos Verletzungen zu versorgen, doch irgendwie ist heute nicht sein Tag bzw. seine Nacht. Maikurofuto stöhnt unter Schmerzen auf, als Lorudo-dono seine Behandlung an ihm durchführt. Sein Körper reagiert darauf mit Bewußtlosigkeit. Auch ich verbinde meine Schußwunde notdürftig.
Jetzt, da sich die Aufregung etwas legt, wird mir langsam bewußt, was für Probleme wir uns hier gerade geschaffen haben. Wir haben zwei Polizisten erschossen und sicherlich wird man das bald anfangen, zu ermitteln. Wir müssen zusehen, dass wir schnell und unauffällig verschwinden. Das wird nicht einfach mit zwei Schwerverletzten in blutiger Kleidung…










