Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

旧時え旅行 (Kyuji e ryokō) – Reise in die Vergangenheit

Noch bevor sich der erste Lichtstreif am Horizont zeigt, wird schon zum Aufbruch geblasen. Die Vickers Vimy, die Maikurofuto für uns organisiert hat, steht bereit und wird beladen. Als ich diesen Koloss von einem Flugzeug sehe, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass die Maschine sich tatsächlich in die Luft erhebt. Müde reibe ich mir die Augen und überlege, wie lange ich wohl geschlafen habe. Drei, vielleicht vier Stunden? Auf jedem Fall viel zu wenig…

Lorudo-san beaufsichtigt persönlich die Verladung der Ausrüstung. Neben Seilen, Kletterausrüstung und Licht rate ich dazu, auch Wasser- und Lebensmittelreserven mitzunehmen. Mr. Ferguson, Maikurofutos alter Fluglehrer, steht uns als Pilot zur Verfügung.Verärgert darüber, dass ich keine Zeit hatte, mich angemessen auf diesen Ausflug vorzubereiten, schlurfe ich zu meinem Auto und hole die beiden Pistolen aus ihrem Versteck. Ich kann zwar für den Fall eines Distanzkampfes wesentlich besser mit dem Gewehr schießen, aber das habe ich natürlich nicht dabei…

Gegen fünf Uhr ist die Verladung der Ausrüstung abgeschlossen und wir gehen an Bord der Maschine. Das Innere des Passagierraums läßt nicht vermuten, dass wir uns in einem Flugzeug befinden. Er ist ausgestattet mit komfortablen Sesseln, Tischen und sogar einer Bar.

Die Maschine hebt ab. Es geht steil aufwärts, bis wir unsere Zielflughöhe erreicht haben. Die Motoren verfallen in ruhige, gleichmäßige Rotation. Ich löse meinen Gurt und setze mich auf den Boden. Das ist wesenlich bequemer, als diese hohen Sitze. Das monotone Geräusch der Rotoren macht mich schläfrig. Ich nicke tatsächlich noch einmal ein – bis mich ein spitzer, markerschütternder Schrei in meiner Ruhe stört. Mari-chan hat irgendetwas entdeckt – ein Labor oder so etwas – und verleiht ihrer Begeisterung darüber lautstark Ausdruck. Ihr euphorischen Anfall scheint kein Ende nehmen zu wollen. [simple_tooltip content=’Sei still!‘]’Damarasshai'[/simple_tooltip], murmle ich im Halbschlaf vor mich hin. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie ich Mari-chan mit meinem Katana enthaupte und sie so zum Schweigen bringe. Erstaunlicher Weise beunruhigt mich diese Phantasie nicht im Geringsten. Im Gegenteil – sie verschafft mir sogar eine gewisse Befriedigung. Ich verharre noch eine Weile in meiner Ruheposition, um dieses Gefühl ein wenig auszukosten.

Gegen halb drei am Nachmittag kreisen wir über den Pyrenäen und befinden uns im Landeanflug. Nach einer etwas holperigen Ankunft kümmert sich Henuri-san im örtlichen Gasthaus um eine Unterkunft, während ich zusammen Lorudo-san und Mr. Ferguson die Expeditionsausrüstung entlade. Das ohnehin recht trübe Wetter scheint sich noch zu verschlechtern. Graue Wolken türmen sich am Bergkamm auf. Dennoch wollen wir den Aufstieg noch heute wagen, entscheidet die Expeditionsleitung, und so erklimmen wir den Berg hinauf zu den Ruinen der alten Kartharer-Festung. Henuri-san erklärt mir, dass die Kartharer von der katholischen Kirche aufs bitterste verfolgt wurden, obwohl sie sich selbst auch als Christen verstanden und sich in ihrem Glauben auf die Bibel sützten. Im 13. Jahrhundert wurde die Burg von Kreuzrittern zehn Monate lang belagert und schließlich den Flammen übergeben. Die Vernichtung der Feste ging mit dem Tod zahlloser Unschuldiger einher. 

Am Fusse des Berges erinnert ein Gemälde – eine Art Gedenktafel – an dieses Ereignis, das von den Franzosen selbst als die größte Schande ihres Landes betrachtet wird.

Der Schlafmangel der letzten Nacht zollt seinen Tribut. Vielleicht ist es auch die Höhenluft, die mir heute nicht bekommt – jedenfalls ändert sich meine Wahrnehmung. Je näher wir dem Gipfel kommen, desto manifester erscheint die Burg. Sie ist nicht mehr nur eine Ruine. Ich erkenne intakte Wohnbauten. Menschen in einfache Leinengewänder gekleidet laufen an uns vorbei auf den Bergfried zu. Sie sprechen mit uns – halten uns zur Eile an. Im Tal sehe ich berittene Krieger, die sich sammeln. Ich reibe mir die Augen, versuche die Halluzination loszuwerden, doch sie bleibt. Meine Freunde scheinen das gleiche wahrzunehmen. „Siehst du das auch“, heißt es hin und wieder und wir bestätigen einander unsere Visionen. Je näher wir der Burg kommen, desto deutlicher werden die Bilder. Als wir den Burghof betreten ist es tatsächlich so, als wäre ich bei dem, was hier geschieht, tatsächlich und leibhaftig dabei. Die Menschen versammeln sich im Hof zum Gebet. Eine kleine Gruppe bedeutet uns, ihnen zu folgen. Sie bringen uns zu einer Brücke, die hinüber zu einer entfernten Erhöhung des Berges führt. Als ich die Brücke überquere, wird mir die Übermacht des Kreuzritterheeres erst bewußt. Ihr Lager füllt die Hänge und das Tal – soweit ich sehen kann. Ich kann nicht leugnen, dass mich bei diesem Anblick einen gewisse Beklemmung umfängt – vielleicht sogar ein Anflug von Furcht. Ich fühle mich klein und und ziemlich hilflos.

Auf der anderen Seite der Brücke führt eine Treppe in den Berg hinein. Wir entzünden ein paar Lampen. Unsere Karbitlampe haben sich in Öllampen verwandelt. Ich schaue an mir herab und sehe, dass ich ein ähnliches Leinengewand trage, wie die Burgbewohner. Mit Schrecken stelle ich fest, dass ich meine Schwerter nicht mehr habe. Was geht hier vor? Träume ich vielleicht wieder?

Ich sehe, wie Henuri-san ein Bündel übergeben wird. „Nehmt das und bringt es dorthin“, sagt der Mann, der ihm das Päckchen überreicht. Plötzlich sehe ich eine Gruppe Kinder vor uns, die sich noch einmal kurz zu uns umdrehen und dann in den Berg verschwinden. Einer von ihnen trägt das Bündel bei sich. Vielleicht täuschen mich meine Sinne, aber es scheint mir, als würde in unregelmäßigen Abständen ein goldenes Leuchten von diesem Bündel ausgehen.

Ich trage wieder meine normale Kleidung. Auch meine Waffen sind wieder da und die altertümlichen Leuchtmittel sind modernen gewichen. Wir stehen allein in einem unterirdischen Tunnel. Der Rückweg ist versperrt. Der Ausgang ist verschüttet und vermutlich steht auch die Brücke nicht mehr. Wenn es einen Weg nach draußen gibt, führt dieser nur vorwärts. An einer Wand entdecken wir eine Einritzung – ein Schriftzug: San Juan de la  peña. Albertinius. Ersteres ist wohl der Name eines Klosters auf der anderen Seite der Pyrenäen.