Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

クリスチアニアに激動 (Kurisutiania ni gekidō) – Aufregung in Kristiania

Früh am Morgen haben wir den Zug nach Kristiania bestiegen. Nach den Erkenntnissen der letzten Nacht haben wir uns entschlossen, den Spuren des Seemanns Snorg zu folgen. Möglicherweise können wir im Rikhospitalet mehr dazu erfahren. 

Um 16:08 fährt der Zug planmäßig im Bahnhof Kristiania ein. Maikurofuto erwirbt eine aktuelle englischsprachige Ausgabe der Tageszeitung „Cristiania“. Das Grand Hotel in der Karl Johans Gade wirbt auf der Titelseite. Wir reservieren telefonisch sechs Zimmer und lassen uns mit einer Droschke zum Hotel chauffieren.

Senchō entdeckt einen Artikel, der davon berichtet, dass die HMS Euryalus, ein ausgedienter Panzerkreuzer der Royal Navy, zum Abwrack-Verkauf stünde. Mit diesem Schiff könnten wir die Reise zum Punkt Nemo binnen 24 Tagen absolvieren, meint er.

Ein Kriegsschiff also? Ich halte das für übertrieben. Abgesehen davon, dass wir uns das Schiff wahrscheinlich ohnehin nicht leisten können, werden wir mindestens 150 Mann Besatzung brauchen, um allein die Maschinen rund um die Uhr am Laufen halten zu können. Bei dem Ziel, das wir vor Augen haben und nach dem Ausgang unserer letzten Reise dorthin habe ich meine Zweifel, ob diese Expedition nicht so oder so als Himmelfahrtskommando betrachtet werden sollte. Je mehr Leute uns dabei begleiten, desto mehr Leben stehen in unserer Verantwortung und umso mehr Schuld laden wir auf uns, wenn es schief geht. Ich verleihe meinen Bedenken Ausdruck und Maikurofuto wendet ein, dass das Schiff unter Senchōs Kommando wahrscheinlich eher den Meeresgrund als Punkt Nemo erreichen würde. „Daran sollte es nicht scheitern. Es ist ja nun nicht so, dass Senchō der einzige hier mit Erfahrung in Nautik und Schiffsführung wäre“, gebe ich zu Bedenken. „Ach ja?“, kontert Senchō, „als ich dir das letzte Mal das Kommando über ein Schiff überlassen habe… du weißt schon noch, was dann passiert ist?“ Autsch! Das saß. Natürlich erinnere ich mich und ich erinnere mich nicht gerne. Senchō hat meinen wunden Punkt voll erwischt. „Touché!“, gestehe ich ihm zu. Ich versuche, es mit Humor zu nehmen und mir die Schuldgefühle, die mich nach wie vor plagen, nicht allzu sehr anmerken zu lassen.

Nachdem wir im Grand Hotel eingecheckt haben, planen wir unser Vorgehen für den Rest des Tages. Lorudo-dono hat einen Artikel über das hiesige Observatorium entdeckt. Die Forschungseinrichtung ist täglich von 9:00 bis 22:00 Uhr geöffnet. Der Direktor persönlich bietet Führungen durch das Haus an. Das interessiert mich auch und ich bekunde mein Interesse daran, Lorudo-dono begleiten zu wollen. Senchō und Maikurofuto wollen das Krankenhaus aufsuchen und versuchen, in der Pathologie mehr über den mysteriösen Leichnam herauszufinden. Die Damen finden den Besuch bei einem Toten offenbar interessanter als den Blick in die Sterne. Sie gehen mit Maikurofuto und Senchō zum Rikhospitalet. 

Briefmarkensatz aus dem Geschäft von Olaf Halvoren

Auf dem Weg zum Observatorium kommen wir an einem Philateliegeschäft vorbei. „Frimaerke Forretnig – Olaf Halvoren“ steht auf dem Schild über der Tür. Lorudo-dono betrachtet interessiert die Auslagen. Wir betreten das Geschäft. Ein kleiner, leicht untersätzter Mann empfängt uns. „God kvelt. Ken jeg få hjelpe dem?“, sagt er. „Guten Abend“, antwortet Lorudo-dono, „ich interessiere mich für Ihr Angebot.“ Der Mann spricht nur wenig Englisch, doch irgendwie kann Lorudo-dono ihm sein Anliegen trotzdem verständlich machen. Schließlich erwirbt er für umgerechnet 5 Britische Pfund einen Briefmarkensatz.

Kristiania Observatoriet

Wir setzen nun unseren Spaziergang zum Observatorium fort. Gegen 18 Uhr erreichen wir das Haus. An der Wand sind die Zahlen 1831 –  1833 zu lesen. Wir können zwar den Schriftzug, der vor den Zahlen steht, nicht übersetzen, aber wir beide vermuten, dass es sich bei diesen Zahlen um die Baujahre handelt. Da die Tür verschlossen ist, läuten wir. Kurz darauf wird die Tür euphorisch-schwungvoll aufgerissen. Ein Mann mittleren Alters, der sich als Direktor Jens Schroeter vorstellt, öffnet uns und fragt nach unserem Begehr. Da Schroeter die englische Sprache recht gut beherrscht, können wir uns problemlos verständigen.

Der Direktor ist erfreut, uns in der Einrichtung herumführen zu dürfen. Als er uns stolz das Teleskop präsentiert, bin ich fast etwas enttäuscht. Im Vergleich zu dem neuen Teleskop im Greenwich Observatory wirkt dieses fast wie ein gewöhnliches Fernrohr. Gerne würde Schroeter uns das Teleskop einmal vorführen, bei Tageslicht aber würde man nicht viel sehen können. Wir könnten morgen am späten Abend wiederkommen, wenn wir uns den Nachthimmel durch das Teleskop ansehen wollen. Das würde nicht gehen, sagt Lorudo-dono bedauernd, wir müssten morgen bereits wieder abreisen. Schroeter ringt mit sich, aber das Interesse ausländischer Gäste an seinem Institut ehrt ihn doch sehr. Er bietet uns einen Termin für heute Nacht um eins an.

Kurz nachdem wir gegen halb acht wieder im Hotel einkehren, kommen auch Mare, Mari-chan und Karura-san zurück. Maikurofuto und Senchō seien mit ihren Ermittlungen noch nicht fertig geworden – mehr erfahren wir erstmal nicht. 

Nach dem Abendessen ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück. Ich will versuchen, noch ein paar Stunden zu schlafen, bevor wir zu unserer Verabredung mit Herrn Schroeter aufbrechen. Ich schlafe tatsächlich ziemlich schnell und fahre erschrocken hoch, als mich um Mitternacht das Rasseln des Weckers aus dem Tiefschlaf reißt. 

Ich treffe Maikurofuto und Senchō an der Bar. Der besorgte Gesichtsausdruck meiner Freunde sagt mir, dass irgendetwas gründlich schief gegangen sein muss. „Wir müssen hier schnellstmöglich verschwinden“, sagt Maikurofuto leise und leert sein Glas. Die Droschke, die uns zum Observatorium bringen soll, fährt gerade vor.

Auf dem Weg dorthin berichten uns Maikurofuto und Senchō von den Vorkommnissen im Rikhospitalet. Dieser Dr. Longard sei ein seltsamer Mann, sagen sie. Wahrscheinlich steckt er mit den Thulisten unter einer Decke. Senchō hatte aber einen seiner Studenten, Eric, überreden können, ihn nachts heimlich in das Krankenhaus zu bringen. Eric selbst war auch neugierig, wie dieser seltsame Leichnam aussehen mochte. Wie verabredet hatte Eric dann Senchō auch vorbei an der Route des Nachtwächter in den Kühlraum der Pathologie gebracht, doch beim Anblick des Leichnams seien ihm die Nerven durchgegangen. Er hatte angefangen, hysterisch zu schreien und da Senchō in nicht beruhigen konnte, sah er keine andere Möglichkeit, als den Jungen K.O. zu schlagen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Dummerweise hatte auch der Nachtwächter den Schrei gehört. Senchō hatte auch ihn niederschlagen müssen, um zu entkommen. Die Sache würde mit Sicherheit nicht unbemerkt bleiben und er hält es für ratsam, erst einmal so viel Land wie möglich zwischen sich und den Ort des Geschehens bringen. Maikurofuto schließt sich dieser Meinung an und schlägt vor, mit Senchō gemeinsam per Droschke nach Lillehammer zu fahren und dort dann morgen im Zug zu uns zu stoßen. 

Jens Schroeter, Direktor des Kristiania Observatoriet

Wir erreichen das Kristiania Observatoriet. Jens Schroeter erwartet uns bereits und führt uns direkt zum Teleskop. Der Himmel sei heute etwas diesig, sagt er entschuldigend, die Sterne könnte man heute nicht gut sehen, aber der Mond sei dafür umso besser zu erkennen und auf jedem Fall einen Blick wert. Dieses Angebot nehmen wir wahr. Lorudo-dono scheint irgendetwas erkannt zu haben, aber dann auch wieder nicht. „Der richtige Gedanke, aber der falsche Zeitpunkt…“, murmelt er.