Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

祈願 (Kigan) – Gebet

Mari-chan läßt die Motoren der Vickers Vimy aufheulen und wir heben ab. Ich bin erschöpft und werde vom Schlaf übermannt, bevor wir unsere Reiseflughöhe erreicht haben. Ich erwache erst wieder, als wir bereits London überfliegen. Vier oder fünf Stunden habe ich wohl geschlafen. Auch Lorudo-dono ist eingenickt. Unter unruhigen Bewegungungen und Zuckungen brabbelt er Unverständliches in seinem Traum. 

Ich sehe nach Maikurofuto. Die Betäubungsmittel von Mari-chan halten ihn in einem traumlosen Koma. Es bricht mir fast das Herz, als ich ihn so reg- und hilflos da liegen sehe. Ich mache mir Sorgen. Mari-chan sagt zwar, dass er es schaffen wird, aber sie ist keine Ärztin und auch wenn sie heute offenbar einen guten Tag hat, vertraue ich ihrem Urteil nur bedingt. Ich setze mich an Maikurofutos Lager und ergreife seine Hand. Die Vorstellung, ihn zu verlieren, scheint mir unerträglich. Ich halte seine Hand fest in den meinen und beginne unvermittelt zu beten. ‚Bitte verlass mich nicht, mein Freund‘, lautet mein verzweifelter Wunsch, den ich stumm auf den Schwingen der Hoffnung in die Unendlichkeit des Universums zu einer unbekannten Gottheit entsende. Meine Wangen sind tränenfeucht. Das ist schon lange nicht mehr vorgekommen…

Nach unserer Landung auf Highclere Castle wird mir und Maikurofuto die bestmögliche ärztliche Behandlung zuteil. Der Doktor bestätigt, dass es Maikurofuto zwar ziemlich schwer erwischt hat, dass er aber nicht lebensgefährlich verletzt ist. Er wird aber ein paar Tage brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. Das sind erst einmal beruhigende Nachrichten.

Nachdem ich nun sicher bin, dass Maikurofuto wieder genesen wird, will ich einfach nur noch nach Hause. Ich könnte sehr wohl auch mein Quartier hier auf dem Castle in Anspruch nehmen, aber die jüngsten Ereignisse und meine verwirrenden Gefühle treiben mich erst einmal fort von hier. Die Dinge werden klarer erscheinen, wenn ich etwas Abstand gewinne, hoffe ich. Benommen wanke ich zu meinem Automobil, werde aber von Mari-chan davon abgehalten, das Fahrzeug zu besteigen und selbst zu fahren. „In deinem Zustand setzt du dich nicht ans Steuer“, sagt sie streng, „du bringst dich noch um.“ Im Grunde hat sie ja auch irgendwie recht. Ich kann nicht einmal richtig geradeaus laufen und wahrscheinlich würde ich den Silverghost schon an der nächsten Kreuzung zu Schrott fahren. 

Mari-chan treibt zwei Mechaniker auf, von denen einer mich und meinen Silverghost fährt, der zweite folgt auf einem Motorrad, um die Rückfahrt zu sichern. Ich bedauere, dass ich mich nicht von Lorudo-dono verabschieden kann. Es war unmöglich, ihn aufzutreiben, als ich im Aufbruch begriffen war, unser nächstes Wiedersehen wird aber sicher nicht allzu lange auf sich warten lassen. 

Eren-san läutet gerade seinen Feierabend ein, als wir auf Curdridge Hill eintreffen. Er zeigt sich erstaunt über meine zeitige Rückkehr. Ich bitte ihn, bevor er nach Hause geht, noch ein Telegramm für mich aufzugeben. Ich lasse Engineer Watson ausrichten, dass ich ein paar Tage zu Hause sein werde und dass die Arbeiten in meinem Keller am Montag beginnen können.

Amanda ist gerade dabei, den Abwasch zu machen, als ich ins Haus komme. Sie ist so in ihre Arbeit vertieft, dass sie, als ich ihr höflich einen „Guten Abend“ wünsche, erschrocken zusammenfährt und um ein Haar die Teller, die sie gerade abspült, zu Boden fallen läßt. „Mr. Okumura“, sagt sie überrascht, „ich habe Sie gar nicht so bald zurück erwartet.“ „Ich mußte meine Pläne kurzfristig ändern“, erkläre ich. Meine Verletzung macht mir zu schaffen. Mir wird schon wieder schwindelig und ich muss mich hinsetzen. Amanda entgeht nicht, dass ich angeschlagen bin.  „Geht es Ihnen gut, Mr. Okumura?“, fragt sie besorgt, während sie mir Tee einschenkt. „Ich bin nur ein wenig übernächtigt“, behaupte ich. Ob Amanda mir das abnimmt, weiß ich nicht – zumindest stellt sie keine weiteren Fragen. Ich bitte sie noch, den Badeofen anzuheizen. 

Eine halbe Stunde später ist das Bad bereit. Das heiße Wasser entspannt meine Glieder und ich kann zum ersten Mal, seit wir dieses verfluchte Haus in Berlin-Tegel betreten haben, wieder richtig durchatmen. Curdridge Hill ist wirklich zu so etwas wie meine Oase der Ruhe im Sturm meines Lebens geworden – und doch so voller Rätsel, die gelöst werden wollen…