Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

過去の神社傍らの (Kako no jinja katawara no) – Am Schrein der Vergangenheit

In der Nacht zum vierten Tag des achten Monats im vierten Jahr der Regentschaft des Kaisers Kazuhito.

Obwohl der Frieden nun beschlossen ist, schlafe ich auch heute Nacht wieder nicht besonders gut. Unruhige Gedanken halten mich wach und in den wenigen kurzen Dämmermomenten, die mich ereilen, werde ich von seltsamen Träumen von fliegenden Hütten aus Stahl und trägerlosen Sänften auf Rädern heimgesucht. Als ich zum vierten Mal aus einem dieser skurrilen Träume aufschrecken, entschließe ich mich, etwas frische Luft zu schnappen. Mein Ziel ist der Heilige Berg, der sich hinter unserer Burg dem Himmel entgegen reckt. Ich nehme den langen Weg über das nordöstliche Viertel und steige den schmalen Pfad entlang der steilen Felswand zum Schrein der Vergangenheit hinauf, welcher sich auf der Höhe des Berges befindet. 

Ein leichter Wind weht. In der kühlen Luft ebnen sich die wilden Wogen meiner unruhigen Gedanken. Noch immer fühle ich mich beklommen, doch in der einkehrenden Stille meines Geistes erkenne ich plötzlich, was ich zu tun habe, um diese Beklommenheit zu überwinden.

Oben auf dem Gipfel des Berges angekommen treffe ich auf meinen Bruder. Ujiteru kniet in ein Gebet versunken vor dem Heiligtum des Schreins der Vergangenheit. Ich lasse mich etwas abseits nieder und warte, dass er sein inneres Zwiegespräch beendet. Der Himmel ist klar und voller Sterne, in deren leuchtender Vielfalt ich versinke und mich dort für eine Weile verliere. Hinauf zu den Sternen, körperlos, frei… Diese Vorstellung hat etwas erlösendes für mich.

„Ujimasa?“ Die Stimme meines Bruders ruft mich zurück in die körperliche Welt. „Ujiteru!“, antworte ich, „Treibt es dich auch um in dieser Nacht?“ Nickend bestätigt er das, was ich ausgesprochen habe. Er wirkt zufrieden und entspannt. „Ich habe eine Entscheidung getroffen, Bruder“, sagt er. „Das habe ich auch“, antworte ich. Ujiteru sieht mich erwartungsvoll an. „Du zuerst“, sage ich. Ujiteru nickt. „Ich habe mich entschlossen, mich Hideyoshi nicht zu unterwerfen“, erklärt er dann ruhig. 

Das überrascht mich nicht. Ujiteru ist kein Mann, der freiwillig einem fremden Herren dient – selbst wenn das seinen Tod bedeutet. „Ich weiß, dass ich dir versprochen habe, dir zu folgen, egal wohin du gehst“, sagt er entschuldigend, „aber ich kann unmöglich Hideyoshis Vasall werden. Das wäre wie ein Verrat an mir selbst.“

„Ich verstehe dich sehr gut, mein Bruder“, erwidere ich, „und es wird mir eine Ehre sein, mit dir gemeinsam zu sterben.“  
Ujiteru schaut nachdenklich in die Dunkelheit der Nacht. „Sag mir nur, dass du diese Entscheidung nicht meinetwegen getroffen hast“, sagt er.
„Nein, so ist es nicht“, antworte ich, „ich hatte mich schon dazu entschlossen, bevor ich dich hier oben gesehen habe.“ Ujiteru atmet erleichtert auf.  
„Ich habe in diesem Leben schon zu viele Demütigungen erfahren“, erkläre ich weiter, „ich muss nicht auch noch diese Schmähung durch Hideyoshi ertragen.“ 
Ujiteru nickt verstehend. „Was ist mit Ujinao?“, fragt er. Ich bin etwas verwirrt ob dieses unerwarteten Themenwechsels.  
„Was soll mit ihm sein?“, frage ich. Ich habe jetzt eigentlich keine Lust, über meinen Sohn zu sprechen. Unser Verhältnis ist nach wie vor nicht gerade das beste. 
„Du solltest ihm die Möglichkeit geben, dich zu verstehen, bevor du abtrittst“, meint Ujiteru, „er war gerade einmal sieben Jahre alt, als Vater Obaiin fortgeschickt hat. Er konnte damals nicht begreifen, warum das geschehen musste und er macht bis heute dich für den Tod seiner Mutter verantwortlich.“ 

„Ich weiß das“, antworte ich ziemlich harsch. Die Ereignisse, von denen mein Bruder spricht, liegen zweiundzwanzig Jahre zurück, doch die tiefen Wunden, die sie in meinem Herzen und auf meiner Seele hinterlassen haben, konnten selbst die vielen Jahre nicht heilen.

Ich war damals mit Obaiin, Takeda Shingens ältester Tochter verheiratet. Unsere Ehe war ein Arrangement, um den „Dreipakt des Osten“ zu besiegeln. Obwohl unsere Ehe arrangiert worden war, haben wir uns wahrhaftig geliebt. Oft gab es Momente, in denen ich einfach nicht weiter wußte und in denen eine simple Geste oder ein paar einfache Worte von ihr mir die Antwort auf meine Fragen oder die Lösung meiner Probleme direkt vor Augen führte. Wir verstanden uns ohne Worte und sie hat immer gelächelt. Sie war das Licht meines Lebens – eine hingebungsvolle Mutter und Ehefrau. Allein sie hat es geschafft, den Ästheten in mir zu erwecken. 

Dann kam jener verfluchte und schicksalhafte Tag, der das bittere Ende unseres Glückes einläuten sollte. Obaiins Bruder, Takeda Katsuyori, zog, von welchen Dämonen auch immer getrieben, mit seinem Heer gegen uns ins Feld und fiel in unsere westlichen Gebiete in der Sugura-Provinz ein. Hōjō Ujiyasu, mein Vater, der seinerzeit den Frieden zwischen den Familien ausgehandelt hatte, war außer sich vor Wut. Er forderte umgehend eine Unterredung mit Shingen, der damals den Takeda-Klan anführte, zu der es dann auch kam. Ujiyasu verlangte als Wiedergutmachung für den Vertragsbruch Katsuyoris Kopf, doch Shingen reagierte mit Ignoranz und weigerte sich, seinem Wunsch zu entsprechen. 

Mein Vater sah damals nur eine Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren: Da der Friedensvertrag nun gebrochen worden war, sollte auch der Pfand für diesen Frieden aufgelöst werden. Ujiyasu entschied, dass meine Ehe mit Obaiin geschieden werden und dass meine Frau zukünftig in einem Tempel leben sollte. Ein halbes Jahr später erreichte mich die Nachricht von Obaiins Tod. Es heißt, sie sei in den Teich der Tempelanlage gestürzt und dort ertrunken, aber ich bin mir sicher, dass sie ihrem jungen Leben – sie war gerade einmal siebenundzwanzig Jahre alt, als sie starb – selbst ein Ende gesetzt hat. Auch wenn viele mir anderes rieten, habe ich nicht wieder geheiratet. 

Die Erinnerung treibt mir die Tränen in die Augen. Ich wäre ihr sicherlich schon viel früher gefolgt, wenn ich nicht in der Verantwortung gestanden hätte, einen Klan anzuführen und für meine fünf Kinder, die jetzt ohne ihre Mutter aufwachsen mussten, zu sorgen. Wenn ich es recht bedenke, war ich ihnen jedoch die meiste Zeit kein besonders guter Vater.

„Du hast recht“, sage ich, „ich werde das klären – und ein paar andere Dinge auch.“ 

Wir bleiben noch eine ganze Weile auf dem Berg, schwelgen in Erinnerungen und träumen uns in eine andere Welt. Ujiteru und ich standen uns schon immer sehr nahe, doch selten waren wir so sehr eins in Gedanken und Gefühlen, wie heute.