解決の時 (Kaiketsu no toki) – Die Stunde der Entscheidung
Der Tag, an dem der König das Hampshire besucht, ist gekommen. Gestern Nachmittag fand wie geplant das Treffen der Sicherheitsmannschaft statt. Anschließend habe ich die Teams und Schichten organisiert und Detailabsprachen mit den Teamchefs getroffen. Ich habe vollstes Vertrauen in die Leute. Sie scheinen fähig und loyal. Dennoch werden die nächsten zwei Tage meiner vollsten Aufmerksamkeit bedürfen. Mit viel Schlaf und Ruhe kann ich nicht rechnen, doch darauf bin ich eingestellt. In vier Stunden wird die Ankunft des Königs erwartet, aber noch ist alles ruhig.
Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Im Schein einer offenen Öllampe widme ich mich der Pflege meiner Schwerter. Es ist eine schon fast rituelle Handlung. Das Mino Kanesada glänzt im Schein der Flamme. Zufrieden betrachte ich die makellose Klinge, bevor ich sie zurück in ihre Scheide gleiten lasse. ‚Nun wird sich bald zeigen, ob du wirklich genauso gut bist, wie mein Kirishimo‘, denke ich.
Um elf Uhr trifft planmäßig der König mit Gemahlin, Kindern und Gefolge ein. Mit großem Trara wird ihm der Empfang bereitet. Hunderte Menschen sind anwesend, um die Königsfamilie zu begrüßen. Ich halte mich im Hintergrund, beobachte aufmerksam die Umgebung und halte nach möglichen Gefahren Ausschau. Als sich die Tore des Schlosses hinter uns schließen, nachdem der König und sein Gefolge zusammen mit dem Lord und seiner Gattin eingetreten sind, legt sich meine Anspannung etwas. Als nächstes steht das Mittagessen im privaten Rahmen auf dem Plan. Der Saal, der für das Essen vorgesehen ist, wurde vor der Ankunft der Herrschaften noch einmal gründlich überprüft, versichert mir Samuel Holt, den ich mit dieser Aufgabe betraut hatte.
Nichts unerwartetes geschieht. Das Mittagessen und der anschließenden Besuch des Spitals verlaufen ohne Zwischenfälle. Nach dem Fünf-Uhr-Tee unterrichtet mich Lorudo-dono über eine Planänderung für den Abend. Der König wünscht, eine Tombola zu veranstalten und selbstverständlich wird diesem Wunsch nachgekommen.
Am Abend um neun treffen die Gäste für das Bankett ein und mir und meinem Team wird wieder höchste Konzentration abverlangt. Der König trägt ein gelbes Kostüm und ehrt in seiner Eröffnungsrede das Andenken des Hampshire als Wiege der britischen Kultur. Nach dem Dinner wird der Tanz mit Karura-sans Auftritt eröffnet und durch das Programm der beiden weiteren Kapellen, des Trio „The Red Mounties“ aus Kanada und der Band „Uth-lu“ aus Borneo, fortgesetzt. Kurz vor Mitternacht wird die Lostrommel für die Tombola auf die Bühne gebracht. Karura-san wird die ehrenvolle Aufgabe der Glücksfee zugedacht. Lächelnd und unter begeistertem Applaus betritt sie die Bühne und greift in die Lostrommel, um den ersten glücklichen Gewinner zu ziehen. Doch dazu kommt es nicht.
Als Karura-san ihre Hand in die Trommel steckt, stimmt sie plötzlich einen seltsamen, unheimlichen Gesang an. Die Gäste erstarren in ihrer Bewegung, einige – unter ihnen auch Lorudo-dono und der Earl of Phantomhive – fallen bewußtlos zu Boden. Auch Karura-san entsinkt nach einer Weile in eine Ohnmacht. Der Saal wirkt plötzlich wie in gelbes, bernsteinartiges Licht getaucht.
Während um mich herum alles erstarrt, kann ich mich aber noch bewegen. Es fühlt sich seltsam an, fast, als würde ich durch eine zähe, widerspenstige Masse schreiten, da entdecke ich Senchō, Mari-chan und Mare, die von der Starre, die alle anderen hier ereilt hat, auch nicht betroffen zu sein scheinen. Der König selbst entschwindet als ein gelber Schatten in Richtung seiner Gemächer.
„Was geht hier vor?“, frage ich, als ich meine Freunde erreicht habe, doch sie sind genauso ratlos wie ich. Gemeinsam mit Mare schaue ich nach Lorudo-dono und Karura-san, während Senchō sich aufmacht, um nach Maikurofuto zu sehen. Auch Maikurofuto sei bewußtlos, erklärt er, als er nach einer Weile zurückkehrt. „Das habe ich unter seiner Tür gefunden“, sagt er und reicht mir einen Umschlag. Es steht kein Absender darauf und der Brief ist lediglich an „Mycroft Winterbottom“ adressiert. Hat dieser Umschlag womöglich etwas mit den seltsamen Vorkommnissen hier um uns herum zu tun? Ich bin für die Sicherheit dieser Veranstaltung zuständig und fühle mich verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen. Ich öffne den Umschlag und finde in seinem Innern einen Brief von Maikurofutos Bruder Sherlock. Er berichtet von seinen Nachforschungen zu der Herkunft meiner Hausangestellten Amanda Myers. Sie ist vor einem Jahr unter falschem Namen nach England eingereist. Wo sie sich vorher aufgehalten haben könnte, darauf gibt das Schreiben keinen Hinweis.
„Es geht um Amanda“, sage ich zu Senchō, dem die Neugier direkt ins Gesicht geschrieben steht und zeige ihm das Schreiben. Ein wenig plagt mich jetzt ein schlechtes Gewissen. War es in Ordnung, dass ich den Brief einfach geöffnet habe oder habe ich vielleicht etwas vorschnell reagiert? Wenn ich Maikurofuto die Umstände erkläre, die mich zu dieser Handlung gebracht haben, wird er sicherlich Verständnis zeigen, außerdem steht auch nichts in dem Brief, das er mir früher oder später nicht ohnehin gesagt hätte, denke ich.
Unsere Versuche, die Bewußtlosen wieder ins Leben zurück zu holen, scheitern. Nichts hilft, kein Schütteln, keine kalten Güsse ins Gesicht, kein Riechsalz… Wir müssen irgendwann erkennen, dass wir nichts tun können, als abzuwarten, bis das hier vorbei ist.
Ich kann nicht sagen, wieviel Zeit vergangen ist – alle Uhren auf Highclere Castle – auch meine Taschenuhr – haben ihren Dienst eingestellt. Die Stille, die über dem Schloss liegt, ist bedrückend. Ich warte im Zimmer meines Freundes. Irgendwann regt sich Maikurofuto zu meiner Erleichterung.
„Da bist du ja wieder“, sage ich während ich ihm ein Glas Wasser reiche, „weißt du, was hier vorgeht?“ Maikurofuto versichert sich des rechten Sitzes seiner Maske. „So in etwa“, antwortet er, „das ist Hastur.“ Hastur… Hastur… Ich erschauere. Das Grauen und die Furcht, die der Klang dieses Namen in mir beschwören, empfinde ich heute sogar als noch intensiver und beklemmender als sonst. „Ist alles in Ordnung?“, fragt Maikurofuto. Ich erlange langsam meine Fassung zurück. „Ja, es geht schon“, antworte ich, „aber bitte, sprich diesen Namen in meiner Gegenwart nicht so leichtfertig aus. Sein Klang bereitet mir tiefes Unbehagen.“ Maikurofuto nickt stumm.
Vom Flur aus dringen Stimmen zu uns vor. Lorudo-dono kommt, gefolgt von Senchō, Mare, Mari-chan und Karura-san zu uns. „Es geht los, macht euch bereit“, ruft er und reibt sich freudig und voller Tatendrang die Hände. „Unser Verbündeter hat für uns die Zeit angehalten. Wir treffen uns in der Bibliothek.“ Also dann, packen wir es… Ich ziehe mich vor unserem Ausflug noch einmal um. Auch andere tauschen die Abendgarderobe gegen expeditionstaugliche Kleidung.
Kurz darauf finden wir alle uns in der Bibliothek ein. Lorudo-dono nimmt vier seiner Kugeln, spricht die magische Formel und öffnet uns ein Portal nach R’yleh. Nacheinander treten wir in einer vereinbarten Reihenfolge hindurch…









