Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

恋路と被害妄想狂 (Koiji to higai mōsō kyō) – Verfolgungswahn und Romantik

Die Sonne ist gerade aufgegangen, als ich erwache. Henuri-san steht am Fenster und beobachtet etwas durch sein Fernglas. Ich schaue auch aus dem Fenster und sehe einen Geländewagen, um den sich fünf oder sechs Männer gescharrt haben, um ihn zu beladen. Henuri-san gibt mir das Fernglas. Er selbst schreibt irgendetwas auf drei kleine Zettel und verschwindet danach kurz aus dem Zimmer. Ich schaue mir derweil das Szenario da draußen etwas genauer an. Durch das Fernglas erkenne ich, dass die Männer Uniformen tragen. Oberst Vogel ist bei ihnen und scheint Befehle zu geben. Daher vermute ich, dass es sich bei den Soldaten auch um Deutsche handelt. 

Henuri-san kommt zurück. Ich mache mich frisch, kleide mich an und will hinunter in den Schankraum gehen, um zu frühstücken, aber Henuri-san hält mich davon ab. Er macht sich Sorgen, entdeckt zu werden. Ich verstehe zwar nicht, warum, aber seine Besorgnis scheint ernst zu sein und so entspreche ich etwas widerwillig seinem Wunsch, bleibe auf dem Zimmer und beobachte weiter das Treiben dort draußen. Ich sehe, wie der Amerikaner, Donovan, das Gasthaus verläßt und sich zu dem Fahrzeug begibt. Kurz darauf sehe ich Senchō, der mit einer jungen Dame nach draußen geht. Dieser Schwerenöter… Ich bin im ersten Moment empört und neidisch und ärgere mich in Gedanken an Jaques darüber, dass ich nicht selbst in der Abstellkammer Quartier bezogen habe. Ich lasse mir von Henuri-san noch einmal das Fernglas geben. Das Mädchen an Senchōs Seite kommt mir irgendwie bekannt vor. Ist das nicht…… Mare??? Ich bin verwirrt. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.

Als das Fahrzeug schließlich losfährt, mit Donovan und Oberst Vogel an Bord, legt sich Henuri-sans Nervosität und ich kann ohne ihn weiter zu beunruhigen endlich frühstücken gehen. Im Schankraum halte ich Ausschau nach Jaques, aber er ist nicht zu sehen.

Henuri-san berichtet, dass unser Flugzeug verschwunden sei. Das hätte er gestern bei einem abendlichen Spaziergang festgestellt. Wir wollen die Sache nach dem Essen genauer untersuchen. Senchō will im nächstgrößeren Ort per Telegraph etwas über den Verbleib der Maschine herausfinden. Mare will ihn begleiten. Mare… Ich bin noch immer fassungslos ob dieser Verwandlung. Ich frage ihn/sie einfach direkt, ob sie ein als Junge verkleidetes Mädchen war oder ob er nun ein als Mädchen verkleideter Junge sei. Sie ist ein Mädchen, sagt sie. Die Verkleidung war notwendig gewesen, um sich aus den Zwängen der Kultur ihres Vaters, in der eine Frau ohne ihren Mann nichts wert ist, zu entkommen. Sie wolle sich jetzt auf ihre europäischen Wurzeln stützen – ihre Mutter ist Französin – und nachdem sie gesehen hatte, dass Frauen in Europa bis zu einem gewissen Grad auch ihre Meinung sagen dürfen, wagte sie nun endlich, auch ihre weibliche Seite offen zu zeigen.

Nach dem Frühstück mache ich mich mit Lorudo-dono und Karura-san auf den Weg zu dem Platz, wo die Vickers Vimy gestern gelandet war. Es ist wahr – das Flugzeug ist nicht mehr da. Auf der Straße hinunter ins Tal sehen wir einen Eselskarren, der sich kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit vorwärts bewegt. Es sind Senchō und Mare auf dem Weg zum nächstgelegenen Telegraphenamt. Lorudo-dono legt den Arm um seine Geliebte und seuselt „Wie romantisch!“. Ich wende mich diskret ab und beginne die Stelle zu untersuchen, wo die Vickers Vimy gestern noch stand und entdecke Spuren, die darauf hindeuten, dass die Maschine wieder gestartet und weggeflogen ist. Karura-san bemerkt nach einer Weile einen frischen Einschlagskrater, der augenscheinlich von einem Bombenabwurf stammt. Nun ist auch klar, warum Mr. Ferguson den Landeplatz verlassen hat.

Lorudo-dono, Henuri-san Karura-san und Mari-chan lassen es sich gut gehen und genießen die französische Gemütlichkeit. Mir steht der Sinn gerade nicht nach Müßigkeit. Ich widme mich zunächst der Perfektion meiner Schwertkampfkunst. Es ist warm und ich trainiere mit freiem Oberkörper. Später suche ich nach einer geeigneten Stelle, um dort ungestört und ohne Risiko für andere ein paar Schießübungen zu vollziehen. Am Rand des Dorfes stoße ich auf ein verlassenes Gehöft mit einer zerfallenden Scheune. Ich finde einen Kalkstein, mit dem ich mir eine Zielscheibe auf die gemauerte Scheunenrückwand zeichne. Dann schraube ich den Schalldämpfer auf die Webley & Scot. Ich will nicht unnötig viel Lärm erzeugen und die Anwohner nicht beunruhigen. Ich bin nicht besonders treffsicher. Nur etwa jeder vierte Schuß geht ins Ziel. Plötzlich höre ich einen ungedämpften Schuß, der sich unmittelbar hinter mir löst. Die Kugel trifft direkt ins Schwarze. Erschrocken fahre ich herum. Als ich aber erkenne, wer da geschossen hat, lasse ich meine Waffe sinken.

Jaques

Jaques grinst mich breit an. „Guter Schuss“, gestehe ich ihm anerkennend zu. „Merci beaucoup“, antwortet er lächelnd, „du bist aber auch nicht schlecht.“ Ich winke ab. Er brauche nicht versuchen, sich bei mir einzuschmeicheln, sage ich, das habe er nicht nötig. Unsere Blicke treffen sich und schnell liegt wieder die prickelnde Spannung des gestrigen Abends in der Luft. „Ist jetzt ‚ein anderes Mal‘?“, fragt Jaques. Ich beantworte seine Frage mit einem tiefen und innigen Kuss. Besser jetzt als nie. Wahrscheinlich bin ich morgen schon wieder irgendwo anders. Ehe wir es uns versehen finden wir uns völlig gelöst, verschwitzt und eng umschlungen im Heu wieder.