Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

はるか (Haruka) – In weiter Ferne

Ich bin in Mito. Es ist der fünfte Todestag meiner Schwester. Ich bin zu Besuch im Hause meines Vaters. Auch Yukio ist mit seiner Frau und seinen Kindern zu Gast.

Als ich meinem Vater nach über einem Jahr wieder unter die Augen trete, erkennt er mich nicht. “Das ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert”, gesteht Yukio, als wir unter uns sind. Er wirkt besorgt. “Es ist auch schon vorgekommen, dass er mich nicht erkannte, obwohl ich ihn fast jede Woche besuche. Auch seine Haushälterin erzählte mir von gelegentlichen geistigen Umnachtungen.” Yukio äußert keine Vorwürfe, dennoch plagt mich ein schlechtes Gewissen. Im Laufe des Tages wird mein Vater klarer und die Senilität weicht von ihm. Er erkennt mich jetzt und erinnert sich an meinen Namen.

“Es ist schön, dass du mich besuchst”, sagt er ruhig, als wir am frühen Abend zusammensitzen, “du warst lange nicht hier, mein Sohn.”
“Das ist wohl so und es tut mir leid”, antworte ich schuldbewusst.
“Nein, nein, dass muss es nicht”, winkt Vater lächelnd ab, “du musst deinen Weg gehen, und wenn dich dieser auf die andere Seite des Planeten führt, steht es mir nicht zu, das zu hinterfragen. Deine Mutter ahnte wohl, dass es dich in weite Ferne ziehen würde, als sie einen Namen für dich wählte.” Er spielt damit auf die Kana-Schreibung meines Vornamen an, wonach “Haruka” auch soviel wie “in weiter Ferne” bedeuten kann.
Mein Blick schweift durch das offene Fenster hinauf in den sternenklaren Nachthimmel.
“Du ahnst gar nicht, in wie weite Ferne”, antworte ich nachdenklich, “irgendwo da draußen gibt es auf einem dunklen Planeten in einem fernen Doppelsternsystem, an einem See inmitten einer malvenfarbenen Wüste eine gelbe Stadt. Dort sitzt ein gesichtsloser König auf seinem steinernen Thron.”
Mein Vater sieht mich erstaunt an, dann nickt er verstehend. “Ich erinnere mich”, sagt er, “es war dieser Traum, das Schwert aus der Schlange. Ja, ich erinnere mich. Du hattest mir geschrieben, dass du das gleiche aus einem anderen Blickwinkel träumtest. Ich habe bis heute nicht verstanden, was diese Bilder bedeuten könnten.” “Es war nur ein Traum”, wiegle ich ab, obwohl ich es besser weiß, “ein verrückter Zufall.”

“Wir sind soweit”, höre ich Tsuki sprechen. Sie hat den Nachmittag damit verbracht, gemeinsam mit den Kindern Laternen zu bauen. Diese wollen sie zu Kikyōs Grab tragen und sie dort aufstellen. Wir Erwachsenen entzünden Räucherwerk, um ihr Andenken zu ehren und böse Geister von ihrer Ruhestätte zu vertreiben. Nach einer Weile machen wir uns auf den Weg zurück zum Haus. Ein leichter Wind zieht auf und es beginnt zu schneien. Ich ziehe meinen Mantel enger, um mich vor dem Schneegestöber zu schützen. Plötzlich ist mir, als hörte ich hinter meinem Rücken die Stimme meiner Schwester: “Wo warst du im letzten Jahr?”
Erschrocken drehe ich mich um, doch außer ein paar im Wind wirbelnden Flocken kann ich nichts entdecken. “Das weiß ich nicht”, antworte ich leise und das entspricht der Wahrheit. Am 23. Dezember 1919 habe ich nicht existiert. Wenige Tage zuvor war die Almina gesunken und der Herr der versunkenen Stadt R’yleh geweckt worden. Der 23. Dezember 1919 war einer von vielen Tagen, die verloren gingen auf unserer hastigen Flucht aus der Stadt unter dem Meer, eines von vielen seltsamen Ereignissen, die mich seitdem immer wieder ereilen. Es ist, als hätte ich einen Pfad beschritten, von dem es kein Zurück gibt.