Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

疑念 (Ginen) – Argwohn

Bevor wir in die alte Residenzstadt der Hōjō aufbrechen, begebe ich mich zum Postamt, um in Mycrofts Namen ein Telegramm an den Lord of Carnarvon aufzugeben. Danach suche ich die Redaktion einer Tageszeitung auf, um dort eine Anzeige unter Chiffre aufzugeben. “Suche professionellen Maskenbildner mit starken Nerven. Bezahlung exorbitant.” So lautet der Anzeigentext.

Die Fahrt wird bei dieser Witterung etwa drei Stunden dauern. Anders als das Schienennetz sind die Straßen in Japan nicht besonders gut ausgebaut. In den Straßen der Stadt herrscht buntes Treiben. Die Menschen bereiten sich auf das Neujahrsfest ein. Überall gibt es Händlerstände, an denen Feuerwerk, Laternen, Schmuck und Süßigkeiten feilgeboten werden. Wir halten kurz an und ich kaufe etwas Feuerwerk für das Fest.

Hinter der Stadtgrenze beginnt eine völlig andere Welt. Vor allem Mycroft fällt der große Unterschied zwischen den modernen, industrialisierten Städten und dem einfachen Leben auf dem Land auf. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Menschen hier leben in schlichten Verhältnissen ohne Elektrizität. Wasser wird aus dem Dorfbrunnen oder einer Quelle im Ort geschöpft und überall an den Wegen finden sich vereinzelte Schreine zu Ehren guter Geister und wohlwollender Götter, die die Dörfer vor Unglück bewahren sollen.

Gegen 15:00 erreichen wir Odawara. Es dämmert bereits. In einer Stunde wird es dunkel sein. Heute werden wir wohl nicht mehr auf die Burg steigen, wir schauen uns aber etwas um. Die Burganlage liegt im gleichen, traurigen Zustand vor uns, wie ich sie schon vor knapp drei Wochen vorgefunden habe. Vor meinen inneren Auge sehe ich noch, wie lebendig es hier vor einigen Jahrhunderten noch war. Auffällig ist, dass in gewissen Abstand zur Burganlage zahlreichen Shintō-Schreine errichtet wurden, bestückt mit Opfergaben und Räucherwerk. Diese Schreine waren bei meinem letzten Besuch noch nicht hier.

Wir suchen uns eine Unterkunft. Ich möchte vermeiden, im gleichen Gasthaus Quartier zu beziehen, wie das letzte Mal. Die Auswahl, die uns unter diesen Umständen bleibt, ist nicht sehr groß, denn es gibt nur noch eine weitere Gastwirtschaft im Ort. Der Wirt ist nicht gerade begeistert. Ein Gaijin in seinem Haus? Das gefällt ihm gar nicht, ein paar Extra-Münzen aber ändern seine Meinung, wir müssen uns aber ein Zimmer teilen. Er fragt, warum der Ausländer sein Gesicht verbunden hätte. Obwohl es als zutiefst unhöflich gilt und als Beleidigung aufgefasst werden kann, einen Fremden nach seinen persönlichen Belangen zu befragen, beantworten wir die Frage wie üblich.

Wir bestellen etwas zu essen. Es gibt einen Reiseintopf, der von der Frau des Gastwirts serviert wird. Mycroft bedankt sich in Japanisch. Unsicher lächelnd erwidert sie den Dank. Auf dem Weg zurück in die Kochstube bemerke ich, dass sie ihrem Mann etwas zuflüstert. “Dieser Gaijin ist unheimlich”, sagt sie, “ich wette mit dir, diese beiden Männer haben etwas mit dem Fluch der alten Burg zu tun.” Ich teile Mycroft diese Erkenntnis mit und er stimmt mit mir überein, nicht zu viel Zeit in diesem Ort zu verbringen, um das Misstrauen der Menschen hier nicht noch mehr zu schüren.