幻蔵の泉 (Genzō no Izumi) – Der Brunnen der Illusionen
Wir erreichen eine Quelle, die von zwei steinernen Kreisen eingefasst wird. Das Wasser ist rot und riecht und schmeckt metallisch. Immer wieder kommen Passanten vorbei, die in Krügen und Flaschen Wasser aus der Quelle schöpfen.
Unweit der Quelle stoßen wir auch auf den Brunnen. Auch hier haben sich ein paar Festival-Besucher versammelt, um dem Gral und dem König zu huldigen. Der Brunnen ist verschlossen.
Der hölzerne Verschluss ist mit schmiedeeisernen Verzierungen geschmückt. Lorudo-san betrachtet den Brunnendeckel interessiert. Er setzt sich nieder und lässt sein Pendel über den Brunnen kreisen. Mit entrücktem Blick betrachtet er das Pendel und den Brunnen.
Henuri-san hat derweil den Parkwächter aufgetrieben. Nach einigem Hin und Her gelingt es ihm, den Mann zu überreden, den Brunnendeckel zu öffnen und uns einen Blick ins Innere zu gewähren. Der Brunnen selbst ist zusätzlich noch durch ein Gitter gesichert. Ohne entsprechendes Werkzeug dürfte es schwierig werde, hier einzudringen.
Nachdem der Parkwächter gegangen ist – nicht ohne zuvor den Brunnen wieder sorgfältig zu schließen – schlägt Senchō vor, Brecheisen und Metallsäge aus dem Automobil zu holen. Lorudo-san lehnt diesen Vorschlag ab. Es gäbe einen anderen, weniger brachialen Weg in den Brunnen, sagt er fester Überzeugung und berichtet von einer Vision, die er beim Pendeln über dem Brunnen empfangen hätte. Darin hätte er den Brunnen in magischem Licht erstrahlend geöffnet vor sich gesehen. Es sei eine mondhell erleuchtete Nacht gewesen. Wie es der Zufall will, steht heute eine Vollmondnacht bevor. So beschließen wir, den Sonnenuntergang abzuwarten.
Ich nutze die Zeit bis dahin, um mich zu sammeln und zu fokussieren. Dieser Ort strahlt eine besondere Energie und Ruhe aus. Es gelingt mir heute sehr schnell, mich in einen meditativen Zustand der Aufmerksamkeit zu versetzen und diesen eine halbe Stunde lang aufrecht zu erhalten. Die Dämmerung ist mittlerweile über uns hereingebrochen. Eine halbe Stunde später ist es dunkel und wir setzen uns im Kreis um den Brunnen herum, um ihn auf magische Weise zu öffnen. Entspannt und guter Dinge geselle ich mich in den Ritualkreis und es geschieht das Wunder: Der Brunnen erstrahlt und öffnet sich. In seinem Innern offenbart sich ein unendlicher Sternenhimmel.
Senchō springt plötzlich auf. Ihm fällt ein, dass wir noch zusätzliche Ausrüstung gebrauchen könnten, die er aus dem Automobil holen will. Karura-san folgt ihm. Sie möchte sich noch etwas stärken, bevor sie sich auf dieses Abenteuer einläßt. Doch kaum dass sich Senchō und Karura-san etwas aus unserem Kreis entfernen, können wir sie nicht mehr sehen oder hören. So verbleiben wir nur noch zu viert vor dem verheißungsvollen Brunnenportal mit ungewissem Ziel.
Henuri-san fasst sich schließlich als erster ein Herz. Beflügelt von der Aussicht auf die Erfüllung seines Lebensziels springt er in den sternklaren Brunnen hinein und verschwindet vor unseren Augen. Wir sehen ihn jedoch recht schnell wieder. Er treibt scheinbar orientierungslos durch das All, dass sich dort unten eröffnet. Mari-chan folgt ihm als nächste. „Aldebaran, ich komme!“, ruft sie, um Mut für den Sprung ins Ungewisse zu sammeln. Dann folgt Lorudo-san und schließlich springe auch ich meinen Freunden auf den Fersen durch das Portal.
Es ist dunkel. Ich stürze durch einen schmalen Schacht. Die Wände sind feucht und fühlen sich pelzig an. Mein Sturz wird schon nach wenigen Sekunden gebremst. Ich lande unsanft im Wasser – auf Lorudo-san. Henuri-san entzündet eine Karbitlampe. Das kühle Licht breitet sich im Raum aus und wir erkennen, dass wir uns in einer unterirdischen Grotte befinden. Über uns erhebt sich ein Schacht, der mit einem Gitter und einem darüberliegenden Holzdeckel verschlossen ist.
Die Grotte wurde offenbar von Menschenhand bearbeitet. Sie ist von einem Sims gesäumt, der eindeutig nicht natürlichen Ursprungs ist. Zu einer Seite führt ein Abfluss hinaus.
Plötzlich streift etwas mein Bein. Etwas ziemlich großes scheint in diesem Wasser zu wohnen. Wir bringen uns zunächst auf dem Sims in Sicherheit. Vielleicht gibt es noch einen anderen Weg als den durch das Wasser.
Wir finden aber nichts. Schließlich steigt Henuri-san wieder ins Wasser und bewegt sich in Richtung des einzigen offensichtlichen Ausgangs. Er hat den Durchgang schon fast erreicht, als er plötzlich unter Wasser gezogen wird. Ohne zu überlegen stürze ich hinterher. Kirishimo springt mit einem sanften Klingen aus seiner Scheide, bereit die Bestie, die hier im Wasser wartet, zu Filet zu verarbeiten. Die Karbitlampe versinkt im Wasser und erlischt. Dunkelheit umhüllt mich. Ich versuche mich zu orientieren, indem ich mich in Richtung Grottenwand bewege. Meinem Empfinden nach müsste ich den Rand der Höhle längst erreicht haben, doch ich greife immer noch ins Leere.
Wieder spüre ich, wie sich etwas großes schlangenartiges um meine Beine windet. Kirishimo zischt durch das Wasser, aber das Biest ist schnell und ich erwische es nicht. „[simple_tooltip content=“Zeig dich!“]Arawarero![/simple_tooltip]“ , rufe ich in die Finsternis, wenngleich ich kaum glaube, dass mein Gegner sich davon beeindrucken lässt. Lautlos und in der Dunkelheit für mich unsichtbar umkreist mich das Wesen. Ich weiß nicht, wo es ist, aber ich spüre seine lauernde Präsenz. Wieder und wieder schlage ich blind auf das Wasser ein ohne auch nur einen Treffer zu landen. Plötzlich ein stechender Schmerz in meiner Wade… Das Biest hat mich erwischt. Ich beiße mir auf die Lippe, schlage dort ins Wasser, wo ich den Kopf der Kreatur vermute und verfehle sie erneut. Meine Kräfte beginnen zu schwinden. Es scheint aussichtslos.
Aus der Dunkelheit taucht plötzlich ein seltsam leuchtendes Zeichen auf und bewegt sich auf mich zu. Was ist das jetzt für eine Teufelei? Ich stoße das Zeichen von mir. Erstaunlicher Weise verschwindet es, doch nur, um kurz darauf wieder zu erscheinen. Ich schubse das Zeichen wieder fort. Das Schlangengeschöpf gleitet erneut an mir vorbei und wieder schlage ich blind und erfolglos auf die Kreatur ein. Noch einmal bewegt sich dieses seltsame Zeichen auf mich zu. Dieses Mal kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht eine günstige Macht ist, die mir hier zur Hilfe zu kommen versucht und so wende ich mich dem Zeichen zu. Ein Blitz der Klarheit
durchfährt mich, als das Zeichen meine Stirn berührt. Ich stehe im Kreise meiner Freunde. Lorudo-san, Henuri-san und Mari-chan umringen mich. Lorudo-san drückt mir ein leuchtendes Siegel auf die Stirn. Schlagartig wird mir bewußt, dass ich den Schatten einer mächtigen Illusion erlegen war.
Etwas unnatürliches ist hier am Werke – dessen sind wir uns sicher. Lorudo-san ist der Überzeugung, dass irgendeine außerirdische, feinstofflich existente Entität für die Verwirrung unseres Geistes verantwortlich ist.
Wir setzen unseren Weg fort. Der Durchfluss führt uns in eine weitere Grotte. In ihrem Zentrum erhebt sich eine flache Erhöhung, auf der dreizehn steinerne Sitzgelegenheiten im Kreis aufgestellt sind. In der Mitte befindet sich eine mit einer silbrigen Flüssigkeit gefüllte Mulde. An einem der Sitze kauert der mumifizierte Leichnam eines Mannes – in seinem Schädel ist ein Loch in Form eines Pentagramms. Eine diffuse Finsternis, die über dem Kopf des Leichnams wabert, zeugt von der Gegenwart einer dunklen Magie.
Mari-chan holt ein Säckchen mit einem Pulver aus ihrer Tasche hervor. Das sei das Pulver des Ibn Ghazi, eine Substanz, mit welcher man etherische Geschöpfe in eine stoffliche Existenzebene zwingen und sie so für herkömmliche Waffen angreifbar machen könne. Ich halte diesen Moment für eine gute Gelegenheit, meine neu gewonnene Fähigkeit aus den Traumlanden auf die Probe zu stellen. „[simple_tooltip content=“Schrumpfung der Zeit“]Jikan no taishuku[/simple_tooltip]“ , murmle ich und tatsächlich scheint sich die Welt um mich herum zu verlangsamen.
Das Pulver des Ibn Ghazi tut seine Wirkung. Vor unseren Augen manifestiert sich eine molchartige Kreatur mit vier hervorstehenden Augen und vier sich windenden Tentakelarmen. Noch bevor das Geschöpf zum Zuge kommt, führe ich zwei Schläge. Erstaunt stelle ich fest, dass meine Klinge von der silbrig glänzenden Haut der Kreatur abprallt, ohne auch nur einen Kratzer zu hinterlassen. Ein Tentakel rast auf mich zu, zuckt aber zurück, als ich ihm das Zeichen, mit dessen Hilfe mich Lorudo-san aus meinen Gefängnis der Illusionen befreit hatte, entgegen strecke. Das Geschöpf faucht angewiedert.
Ein anderer Tentakel erwischt Henuri-san und droht ihn zu zerquetschen. Ich setze Kirishimo an, um den Arm der Kreatur abzutrennen, doch wieder richtet mein Schwert keinen Schaden an. Ein Wurfmesser jedoch, das von Lorudo-san geschleudert wurde, dringt mit der Spitze voran durch die feste Haut der Kreatur und lässt den Fangarm erschlaffen.
Ein spitzer Angstschrei erfüllt die Grotte. Mit Schrecken sehe ich, wie nun Mari-chan von einem der Fangarme erfasst wird. Es bleibt keine Zeit zu überlegen und mögliche Schwachpunkte in der Panzerung der Kreatur auszumachen. Mit der Spitze voran ramme ich Kirishimo in den Tentakel, der Mari-chan festhält. Das zeigt die erhoffte Wirkung. Die Klinge dringt mühelos in den Fangarm ein. Ich ziehe das Schwert einmal quer durch den gesamten Leib des Geschöpfes und teile es in zwei Hälften, worauf die Kreatur sich in Nichts aufzulösen beginnt. „[simple_tooltip content=“Fahr zur Hölle!“]Jigoku e ochiro[/simple_tooltip]!“ gebe ich ihr noch mit auf den Weg, während ich mein Schwert in einem Schwung reinige und zurück in seine Scheide führe. Negishi-sensei hatte in einer Beziehung Unrecht: Gute Schwertkämpfer werden auch heute noch gebraucht, stelle ich zufrieden fest.
Um wieder zu Atem zu kommen, lasse ich mich auf einem der Steinsitze nieder. Vor meinen und den erstaunten Augen meiner Freunde spiegeln sich in der silbrig glänzenden Flüssigkeit im Zentrum dieser Versammlung Szenen einer alten Legende. Ich sehe einen Mann, der die Quelle besucht und einen goldenen Kelch mit klarem Wasser füllt. Er trinkt aus dem Kelch und wird zum Jüngling. Des Nachts sieht man ihn mit dem Kelch im Boden versinken und mit leeren Händen wieder emporsteigen. Das Wasser der Quelle färbt sich rot.
In einer weiteren Szene sehe ich diesen Mann erneut – wieder etwas gealtert – im Kreis von einfachen Leuten. Er scheint als Heiler unterwegs zu sein. Zuletzt zeigt der Spiegel den Mann blutverschmiert zur Quelle zurückkehrend. Er sinkt wieder in den Boden, kehrt mit dem Kelch in der Hand zurück an die Oberfläche. Das Blut ist verschwunden und er verwandelt sich auf wundersame Weise in eine Frau, die den Kelch nun nach Winchester Hall trägt. Das Quellwasser bleibt weiterhin rot.
Dann klärt sich die Flüssigkeit in der Mulde und verwandelt sich in ganz normales, klares Wasser. Dieser Ort hat uns alles gezeigt, was wir zu diesem Zeitpunkt wissen müssen.
Wir kehren zurück in die erste Grotte. Der Brunnendeckel ist geöffnet. Senchō lässt uns ein Seil herab und mit vereinten Kräften schaffen es alle wieder nach oben. Mein Magen knurrt und ich bin dankbar, dass Senchō nicht nur das Einbruchswerkzeug, sondern auch den Picknick-Korb mitgebracht hat. Nach einer kleinen Stärkung machen wir uns auf den Weg zurück ins Hampshire. Es beginnt bereits zu dämmern, als wir Curdridge Hill erreichen. Es war eine lange, aufregende und erhebende Nacht.













