Exorcizing
February 28 1919 Friday 4pm
Wir brauchen den halben Tag, um die letzte Robe fertig zu stellen. Was nicht weiter schlimm ist, da wir unser Ritual im Dunklen in Taunton durchführen wollen, damit wir so unauffällig wie möglich bleiben können.
Ich beauftrage einen Picknickkorb mit Gurkensandwiches und Gin, die Sandwiches zur Stärkung vorher, den Gin zum Feiern hinterher – oder um mich damit abzufackeln…
8pm Wir verstauen alles, was wir brauchen in Mycrofts Silverghost. Er hat ihn neu lackieren lassen, in Nachtblau, dieser Feinschmecker!! Auf Carlas Schoß platziert sie das Aufnahmegerät und die Wachsrolle. Ich bin beruhigt! Was dort liegt, ist sicher!
9:30pm Es ist stockdunkel. Als wir den Vorort von Taunton erreichen, schweigend, wie mechanisch, spulen wir das eingeübte Script ab:
Wir ziehen die Roben gleich nach dem Aussteigen an, kontrollieren und sichern das Gelände rund um das Haus. Dann im Gänsemarsch durch den Hintereingang in das Haus hinein: Mycroft mit dem IceZapper voran, es folgt die Hohepriesterin, uns alle abschliessend, gesichert durch Kazeem.
Weiterhin schweigend werden die direkten Ritualvorbereitungen getroffen:
Mycroft untersucht das Haus, Carla bereitet das Grammophon auf dem Tisch vor, Mary-Ann entzündet den Kamin, ich ziehe den zerstörten Ritualkreis auf dem Boden des Hauses nach, Kazeem überwacht und sichert uns mit schnellem Auge dabei…
Mycroft entdeckt den Penner vom letzten Besuch in der Vorhalle. Er ist wieder zurück, tot, mit geöffnetem Brustkorb müffelt er vor sich hin. Wir belassen ihn so wie er ist: Ein Dokument der Agonie, verkrampft vor der verschimmelten Couch liegend.
Ich genehmige mir ein Gurkensandwich, doch langsam wird es Zeit. Das Ritual muss gegen Mitternacht im vollen Gange sein!…We are going to start taking action!
Jeder nimmt seinen vorbestimmten Platz am Bannkreis ein, Carla entzündet die zwei weißen Kerzen im Inneren des Kreises und platziert das Stück Weihrauch direkt in der Mitte.
Zur Einladung des Dieners streut Mycroft nun das braune Pulver in den brennenden Kamin. Es raucht, stinkt erbärmlich und erfüllt sofort den ganzen Raum. Carla hebt die Brust und beginnt mit ihrer klaren Stimme das Haus mit dem lange eingeübten Ritualtext rückwärts intonierend, auszufüllen:
„Mulligis eauqodas simrofinofub te murargin murallets angis mudnanimonni mungam ibit.“
Mycroft wirft die präparierte Wachsrolle auf dem Tisch an. Ich höre Carla in Stereosound. Wunderschön! Alle stimmen ein. Eine Ewigkeit vergeht mit dem Gesang den Diener zu bannen, ohne dass etwas passiert….
Nach endloser Zeit zeigen wir Wirkung: Es poltert schwer auf dem Dachboden, das Haus beginnt zu vibrieren, schwere Schläge erschüttern das Fundament, der Gestank in dem Raum wird um eine unerträgliche Komponente bereichert. Nur der monotone Singsang von uns allen verhindert, dass ich mich brüllend in den Ritualkreis übergebe.
Grüner Schleim tropft ektoplasmierend aus den Ritzen der Falltür zum Dach…einfach weitersingen…widerlich brutzelnd landet er direkt neben mir.
Carla trifft ein grüner Faden von der Decke und verätzt ihr die Schulter. Tapfer singt sie unbeeindruckt weiter. Ich sehe ihre Haut Blasen schlagen und kann ihr doch nicht helfen. Jetzt heißt es: Weitersingen und nicht zögern! Ohne weitere Beirrung, das tropfende Ektoplasma von oben im Auge behaltend, singen wir und singen, die Wachsrolle gibt uns den Takt vor…
Von draußen hören wir Geräusche: Eine Frauenstimme schreit, sie kommt dem Haus näher…
Mycroft und Kazeem gehen nach draussen. Zu gerne wär ich mitgegangen…Aber ich versenke mich meditativ in den Singsang des Rituals…und erreiche den notwendigen extrasphärischen Zustand…Ich versinke im Ritual…Doch mein Geist bleibt nicht in dem Haus…Ich befinde mich im Geiste von Kazeem…
Ich spüre, wie die klare kalte Luft außerhalb des Hauses seine Lungen füllt…









