* Das Sperma der Erhängten
Alles dreht sich, ich bleibe zunächst liegen. Ich stelle fest, meine Aussetzer in letzter Zeit sind seelischer Natur. An sich fühle ich mich prima, doch die endlosen Kämpfe mit den Wesen des Mythos zerren an meinen Nerven. Noch stecke ich alles gut weg, doch ich bedarf Heilung.
Pilzwald, irgendwie bedrohlich diesmal. Ich schüttel diese trüben Gedanken fort & raffe mich auf. Carla & Sanjuro träumen ebenfalls. Sie unterhalten sich angeregt über die Karte, sodaß ich mich problemlos auf wenige Meter. Als Sanjuro mich erkennt, strahlt er wie ein kleiner Junge. Nach ausgiebiger Umarmung zeigen sie mir die neu entdeckten Effekte. „Neues Spielzeug, aber recht schick, auch praktisch.“ resümieren wir. Ich spiele mit dem Zoom, bis wir uns von oben sehen können. „Lustig…“
Wir beraten uns kurz, doch Sanjuro Wunsch nach Erfüllung seiner Queste hat oberste Priorität. Carla freut sich einfach so mitzukommen & ich überlege, mir eine Alraune zuzulegen. Der neu erlernte Spruch „Binde Seel“ muss mir schließlich bereit zur Ausführung sein, obgleich ich nicht weiß, wer das Opfer sein soll – vielleicht findet sich noch freiwilliger Bösewicht.
Wir erreichen Ulthar & werden freundlich empfangen. Da wir nach Carnas wollen, suchen wir eine diesweltliche Möglichkeit schnellstens dorthin zu gelangen. Sanjuro ist ganz fasziniert von sogenannten Karou, ein großen Rennvögel. doch ich konzentriere mich auf die Fuhrwerkproblematik. Wir bekommen eine Kutsche & fahren entspannt los. Nach einer Zwischenstation bei Bauer Frantek geht es lustig weiter nach Carnas.
Nach einiger Zeit sehe ich einige Fasane – einer meiner Lieblingsspeisen. Ich schieße einfach auf gut Glück los, doch dann macht unser Gefährt einen Ruck & gibt Gas, Vollgas. Wir rasen schreiend durch die Steppe, mein Bogen & die Pfeile gehen über Bord. Nach einer Weile habe sich die Pferde beruhigt & wir schlagen eine kurze Pause ein. Carla & Sanjuro reden auf mich ein, nicht mehr zu schiessen. Nach der Aussprache mit anschließender Ruhepause fahren wir mit gestärkten Tieren weiter.
Nach der Grasland kommen wir in waldige Regionen. Sanjuro vernimmt gurgende Geräusche & will mir einige Exemplare der Karou zeigen. Ich willige ein, mein Interesse hat nun auch geweckt. Wir halten an & schleichen durch das Unterholz. Nach wenigen Minuten sehen wir sie: Tolle, prachtvolle & starke Riesenvögel. Ob man sie reiten kann?
Sanjuro beendet unfreiwillig die Szene durch Trampeln auf einem morschen Ast, doch, da bin ich mir sicher, wir werden diese Wesen wiedersehen. Wir fahren zufrieden weiter & die Zeit plätschert dahin. Beim Anblick der Türme von Carnas werden wir fokussiert.
Als wir in die Seefahrerstadt hineinfahren, sehen wir viele Händler, die Ihre Waren anpreisen. Doch Esme, die Kräuterfrau hat einen festen Laden in der Stadt, zu dem wir als Erstes gehen. Die Tür steht offen & ich klope am Rahmen.
„Ja, Sie wünschen?“ blögt uns der gelbe Leguan an.
„Ist Esme da?“
„Nein, die Dame sucht Kräuter in einem fernen Land, die kommt erst in ein paar Tagen wieder“
„Das ist ja blöd“ Ich wende mich bereits ab, doch da antwortes Reptil
„Vielleicht kann ich Euch ja weiterhelfen?“
„Ja, in der Tat, das ist möglich. Ich brauche lebende Alraunen“ Die Zeit steht für einen kurzen Moment still. „Wollt ihr nicht getrocknete? Oder eingelegte? Lebende Alraunen sind so … es ist so eine schwierige Sache! Was meint Ihr?“
„Nein. Ich bestehe auf lebende Exemplare. Ich benötige Sie so!“
„Nun, kennt Ihr Euch damit aus?“
„Naja, ähm, nicht so richtig. Was gibt es denn zu beachten?“ Erwidere ich etwas unsicher.
Der Stellvertreter von Esme erklärt mir lang & breit, wie ich das Umtopfen der Alraunen unbeschadet überstehen kann. Das schlimme ist der in den Wahnsinn treibende Schrei, wenn die Wurzeln aus dem Erdreich gezogen werden. „Wo finde ich denn Alraunen?“

„Meistens unterhalb von frischen Galgen. Sie ernähren sich von dem Blut & Sperma des Erhängten“
„Sperma?“
„Ja, sie wissen doch, im Moment des Todes ejakulieren viele…“
„Ist gut, stop, ich will nicht mehr wissen! Mycroft Du bist ja so krank! Was willst Du damit?“ rufen Carla & Sanjuro dazwischen.
„Forschung. Magische Forschung. Mehr zu gegebener Zeit!“
Beim Gehen bietet mir der Leguan noch eine Flasche Magic White an, besonders kräftig. „Sicher ist sicher, man weiß ja nie“ sage ich einwilligend.
Auf dem Markt fange ich an, die diversen Utensilien zu kaufen. Doch der Hund, den ich dafür auch benötige, tut mir leid. Ich hadere, doch die Neugier siegt – miete mir einen Hund.
Vor der Stadt habe ich einige Galgen beim Eintreffen bemerkt. Zielstrebig schreite ich zum Fleck unterhalb des Galgen & ich werde sofort fündig. Der Geruch von ranzigen Blut & Sperma ist unverkennbar wie Die Luft im Jungfrauenbordell am Ganges.
Ich bereite mich mit Wachs in den Ohren vor, versorge auch den Kläffer mit Ohrschutz, binde das Seil vom Hund an die Wurzelkopf der Alraune – ein heller Ton beginnt dumpf in den Ohren – eine Warnung. Schaufel & Topf hole ich aus dem Sack, sowie ein Stück Fleisch. Dies werfe ich 10 Yards entfernt vor dem Hund ins Gras.
Er läuft los! Das Seil spannt sich, ruckt, zerrt kurz & gibt plötzlich nach. Der Warnton schwillt sofort zu einem tosenden Wimmerschrei heran, der mir die Sinne raubt, mich taumelnd läßt. „Weg, nur weg!“ Ruft ein Teil von mir.

Der andere, kämpferische Mycroft übernimmt die Kontrolle, schnappt sich die Schaufel, füllt eiligst die spermidial getränkte Bluterde in den Blumentopf & stopft dann unter größter Anstrengung die Schreiwurzel hinein – der Schrei wird dumpfer.
„Weiter nachfüllen, weiter nach bis es ganz bedeckt ist & stopfe es in den Sack.“ befehle ich mir selbst. Es klingt ab. Bis auf ein fieses Hintergrundfiepsen.
„Puh, Jesus! Huahua! Das war mal krass!“ Der Tinitus verdeckt komplett meinen eigenen Ausruf.
Meine Freunde stoßen nun zu mir, die ich bisher nicht bemerkt hatte. Sie blicken zum Hund, der am Boden kauernd ausharrt. Ich schlage mit vor, sich zunächst zu entfernen. Vielleicht stabilisiert sich der Ärmste wieder. Sanjuro übernimmt mit Karte in der Hand die Führung & wir gelangen zu einer Frau, die Kräuter erntet.
Ich spreche die Teuerste freundlichst an. Doch als ich Ihr mein Anliegen dargelegt habe, reagiert die sehr erbost. Sie spricht von intelligenten fühlenden Wesen. Mir wird klar, ich kann sie schlecht mit in unsere Welt nehmen. Daher beschließe ich, das gute Stück auf meinem Grundstück in Ulthar eingraben.
Auf dem Weg gebe ich Ihr Wasser & lasse Sonne in den Sack scheinen – das irrsinnfördernde Gewimmer klingt zu einem herzzerreisenden Schluchzens ab.
„Es ist garnicht so schlecht bei, Du wirst sehen“ höre ich mich sagen & versuche es zu trösten.
Nachdem ich diese Vorhaben vollrichtet habe, spreche ich den Vorarbeiter an, der bei Sanjuro auf Gelände arbeitet. Meine Bitte, auch meinen Sitz hier zu errichten, kommt er gerne nach. Er bittet um mehr Details, die ich ihm baldigst nachliefere. Dann reden wir über den Preis …









