Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

血雨 (Chiame) – Blutiger Regen

Mare berichtet uns von dem Inhalt eines Briefes, den sie von ihrer Mutter erhalten hat. Mare hatte sich nach den Wurzeln ihres Vaters erkundigt. Dieser Brief sollte nun Antworten auf ihre Fragen liefern. Die Linie von Mares Vater, schreibt ihre Mutter, sei bis zu einem Mann namens Abdul Alhazzred zurückverfolgbar. Soweit wir bisher wissen, ist dies der Autor eines Buches mit dem Titel “Necronomicon”. Der Name bedeutet soviel wie „der Eingezäunten“, „der Verbotene“.

Der Lord berichtet von einem Phänomen, das seit einiger Zeit auf Highclere Castle auftritt. Das Gebäude sei wie auf der Hälfte geteilt, wobei die eine Hälfte für kurze Momente verschwinde, vermutlich ins Traumland, als hätte sich hier ein neues Übergangsportal manifestiert.

Jaqueline kommt aufgeregt in den Salon. Es haben Leute von der Presse geläutet, sagt sie, sie habe sie aber abwimmeln können. Ich bemerke, dass Mycroft einen unauffälligen Blick aus dem Fenster wirft und etwas auf seinem Notizblock kritzelt. “Es war ein schwarzer Mercedes mit schweizer Kennzeichen”, erklärt er, “CHG-178.”

Wieder hat es Diebstähle gegeben. Dieses Mal sind in Culoz ein Apfelbaum und ein lebendes Kaninchen verschwunden. Auffällig ist, dass in der Gegend bisher keine zwei Gegenstände einer Art abhanden gekommen sind. “Als ob jemand ein Museum der alltäglichen Dinge einrichten möchte”, überlegt Carla-san laut.

Sie grübelt derweil über einem Schachrätsel. Bei einer Nachlassversteigerung in Exeter hatte sie ein schönes Reiseschachspiel erworben. Das Spielbrett scheint ein geheimes Versteck zu beherbergen, doch der Verschluss lässt sich nicht öffnen. Mit dem Spiel hatte Carla-san auch dieses Schachrätsel erhalten, das sie nun schon seit einigen Tagen beschäftigt. Sie vermutet, dass die Lösung des Rätsels das Geheimnis des Spielbretts offenbaren wird.

Mari-chan nimmt sich des Rätsels an und findet eine Lösung. Carla-san probiert es aus und positioniert die Figuren auf dem Brett wie im Rätsel beschrieben. Dann setzt sie zwei Figuren um und mit einem leisen Klacken öffnet sich der geheime Verschluss und das Spielbrett gibt ein kleines Pergament frei. Darauf lässt sich eine Art Uhr mit einer Vierundzwanzig-Stunden-Unterteilung erkennen. Eine Hälfte der Stundensegmente ist in Weiß gehalten, die andere in Schwarz. An einigen Stellen sind bestimmte Schachfiguren zu sehen. Diese 24teilige Grundstruktur kommt uns irgendwie bekannt vor. Ist nicht im Foyer des Mirastel ein ähnlicher Kreis unterhalb des Foucaultschen Pendels aufgebaut, aus schwarzen und weißen Klötzen? Im Laufe der Stunden wird von diesen einer nach dem anderen durch das kreisende Pendel umgeworfen und in den frühen Morgenstunden durch das Hauspersonal wieder aufgebaut. Und tatsächlich – als wir uns im Foyer das Gebilde noch einmal genauer ansehen, stellen wir eine verblüffende Ähnlichkeit fest. Was ein Schachspiel aus Exeter jedoch mit einem Schloss in Frankreich zu tun hat, bleibt rätselhaft.

Wir durchstöbern noch einmal die Bibliothek. Auf unsere Fragen finden wir keine neuen Antworten, doch stoßen wir auf ein hyroglyphisch anmutendes Pergament. Diesem liegt eine Anmerkung bei.
“Zusätzlich fand ich ein Pergament”, heißt es dort, “ein Brief, verfasst in einer mir bis dato unbekannten Schrift. Durch Umfangreiche Nachforschungen konnte ich einige der Zeichen zuordnen, aber vieles blieb im Verborgenen. Eines aber scheint sicher. Es handelt sich um eine Art Glyphenschrift, deren Zeichen auch immer im Kontext gelesen werden müssen. Ich habe sie zunächst ‘Ältere Schrift’ genannt. Mögen zukünftige Gelehrte an ihrer Übersetzung arbeiten.”

Nachdem wir unsere Recherchen beendet haben, kehrt Senchō von einer Exkursion, die er spontan nach Culoz unternommen hatte, um den Ort des mysteriösen Verschwindens selbst zu untersuchen, zurück. Er berichtet, dass der Apfelbaum ebenso sauber aus dem Erdreich entfernt wurde, wie vor einigen Tagen das Heckenstück in Champion. Das Kaninchen sei aus einem offenen Gehege verschwunden. Wie auch bei den anderen Fällen wurden keinerlei Spuren hinterlassen.

Der nächste Ort, an dem die Diebe vermutlich zuschlagen werden, ist Beon. Einige von uns wollen dorthin, um vor Ort zu sein, wenn das nächste Mal etwas passiert. Als ich erfahre, das wir den Citroën, der mit Haushalt der Arquedouvres gehört, für unsere Exkursion nutzen dürfen und nicht reiten müssen, entscheide ich, mich dem Ausflug anzuschließen. Mycroft, Senchō und Mari-chan sind mit dabei.

Wir sind gerade einmal zehn Minuten unterwegs, als ein heftiges Prasseln auf dem Autodach zu vernehmen ist. Regen? Hagel? Der Niederschlag wird heftiger. Ich schaue aus dem Fenster. Selbst im schattigen Zwielicht der späten Abenddämmerung erkenne ich, dass das, was da vom Himmel fällt, weder Schnee oder Regen, noch Hagel ist. Mycroft bringt den Wagen sicherheitshalber unter einem Baum zum Stehen.

Nach einer kurzen Weile schon verebbt der Niederschlag. Das war kein normaler Regen, das ist uns allen klar. Mycroft steigt als erster aus dem Wagen. Ich kann das Entsetzen in seinem Gesicht unter der Maske nur erahnen, doch seine Körperhaltung spricht Bände. “Kommt bloß nicht raus”, ruft er, als er sich wieder gefasst hat, doch ich bin bereits aus dem Wagen gestiegen und erblicke gerade selbst, was meinen Freund eben so erschüttert hat: über eine Fläche von etwa einhundert Metern im Durchmesser liegen Fetzen und Teile von Tieren und Pflanzen herum, wild durcheinander geworfen, als wären sie durch ein riesiges Mahlwerk gedreht worden. “Heilige Scheiße”, entfährt es mir.

Mari-chan ist mittlerweile auch ausgestiegen. Auch Senchō wagt sich nun langsam aus dem Wagen. Während Senchō diese Szenerie mit offensichtlichem Ekel betrachtet, scheint dies Mari-chan wenig auszumachen oder sie ist sehr gut darin, das zu verbergen. Sie nimmt einzelne Proben und entdeckt dabei etwas, das sie für einen halben menschlichen Finger hält. Vermutlich befinden sich noch mehr menschliche Überreste in diesem morbiden Niederschlag.
Der Himmel ist wolkenlos und dennoch lässt sich nichts ausmachen, das diese Widerlichkeit auf uns hätte herabregnen lassen können.

Auch der Citroën ist über und über mit diesem zermatschten Durcheinander übersät.
“So können wir auf keinem Fall weiterfahren”, meint Mycroft und damit hat er absolut Recht. Sechō erklärt sich bereit, das Fahrzeug so gut wie möglich zu reinigen, was jedoch bei den derzeitigen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt nicht so leicht sein dürfte. Was das Verdeck betrifft habe ich wenig Hoffnung, dass dieses überhaupt noch zu retten ist.

Wir fahren also zurück zum Mirastel. Die Besitzer des Wagens müssen über den Vorfall in Kenntnis gesetzt werden. Wahrscheinlich müssen wir auch die Gendarmerie informieren. So kommt es auch. Jean Le Tellier nimmt unseren Bericht relativ gefasst auf. Auch er hält es für unumgänglich, die Polizei über den Vorfall zu unterrichten.

Während wir auf die Ankunft der Gendarmerie warten, die sicherlich einige Fragen an uns haben wird, unterrichten uns unsere im Schloss zurückgebliebenen Gefährten über eine Entdeckung, die sie im Keller des Hauses gemacht haben. Einer der Ziegel trägt eine Art Siegel. Ich glaube mich zu erinnern, dieses Zeichen schon einmal gesehen zu haben, in einer der Inschriften, die wir in der Kupfermine in Røros entdeckt hatten. Es war jene, die von der Beziehung der drei Brüder berichtet hatte und ich meine, dass dieses Zeichen hier der Name eines von ihnen ist. Ich teile Senchō meine Vermutung. Auch erhält es für möglich, ist sich aber nicht ganz sicher. Es ist nicht das Zeichen Cthulhus, sagt er überzeugt. Es ist auch nicht das Zeichen des König in Gelb. Dieses hat sich so unvergesslich in mein Gedächtnis gebrannt, dass ich es jederzeit wiedererkennen würde. Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht und dieses Zeichen wirklich für einen der drei Brüder steht, kann es nur Tsathoggua sein. Unsere Freunde vermuten an dieser Stelle einen geheimen Zugang zu einem verborgenen Raum. Auch an einer anderen Stelle vermuten sie eine Geheimtür. 

Wenig später trifft die alarmierte Gendarmerie ein. Als sie unsere Aussagen aufnehmen, scheinen sie nicht ganz sicher, ob sie uns glauben sollen oder nicht. Sie nehmen auch den Citroën unter die Lupe. Sie bitten uns, sie zum Ort des Vorfalls zu begleiten, dem wir gerne Folge leisten. Auf dem Weg dorthin kommen mir Zweifel. Was, wenn die Ahnung der Polizisten stimmt und das alles nur Einbildung war? Aber wir haben es doch alle gesehen. Vielleicht war irgendwas im Gin? Das erklärt aber nicht die Spuren auf dem Citroën. Egal wie ich es drehe und wende – der Spuk in dieser Gegend lässt sich einfach nicht wegreden.

Unsere Ankunft am Ort des Vorfalls bestätigt, dass es keine Einbildung war. Fassungslos betrachten die Polizisten das blutige Szenario. Sie tauschen sich mit leisen Worten aus. Ich kann nicht verstehen, worüber sie sprechen, da sie sich in ihrer Landessprache austauschen, aber es scheint, als hätten sie so etwas auch noch nie gesehen, noch davon gehört. Es wird Verstärkung angefordert, vermutlich, um die Spurensicherung zu unterstützen. Während ich die Polizisten bei ihrer Arbeit beobachte, verspüre ich ganz plötzlich und unvermittelt einen so heftigen Schlag auf meinen Kopf, dass ich mein Bewusstsein verliere.

Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich im Gästezimmer im Mirastel wieder. Man hat mir einen Kopfverband angelegt und mein Schädel dröhnt schlimmer, als nach der heftigsten durchzechten Nacht, an die ich mich erinnern kann. Mycroft erwartet mich bereits mit einem gefüllten Ginglas. “Dir ist ein Stein auf den Kopf gefallen”, meint er trocken, “und dann bist du ohnmächtig geworden.”
“Das scheint zu einer Gewohnheit zu werden”, versuche ich zu scherzen, doch das Lachen tut mir weh. Mycroft reicht mir den Gin, doch ich lehne dankend ab. Allein der Geruch löst in meinem Zustand heute schon eine leichte Übelkeit aus. “Ich nehme lieber die hier”, sage ich und greife nach den Schmerztabletten, die Dr. Monbardeau mir dagelassen hat, “ich muss schlafen.” Die Drogen wirken. Ich schlafe tief und fest bis in den späten Vormittag des nächsten Tages hinein.