Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

荒いの城塁路 (Arai no jōruiji) – Der Weg zur wilden Burg

Nach nur knapp vier Stunden Schlaf erwache ich. Ich bin zunächst etwas orientierungslos, bis mir einfällt, dass ich mich im Nachtzug nach Frankfurt befinde. Eine halbe Stunde später erreichen wir pünktlich umm 4:25 unseren Zielbahnhof. Außer uns steigen noch neun weitere Passagiere aus. Direkt gegenüber des Bahnhofs befindet sich das Grand Hotel von Frankfurt. Wir checken dort ein.

Die Küche ist noch geschlossen, doch Lorudo-dono schafft es, das Personal dazu zu bewegen, uns schon vor der hausüblichen Zeit ein Frühstück zu bereiten. Das Haus wirbt mit internationaler Küche, doch scheint sich „international“ hier nur auf Europa zu beziehen. Als ich den Kellner nach Sushi frage, sieht er mich nur verwundert an. Ich versuche ihm das Gericht zu erklären, als ich aber etwas von rohem Fisch erzähle, verzieht er angewidert das Gesicht. Ich gebe auf und  ordere stattdessen ein Omelette. 

Mare gibt sich verwundert. „Wir essen in der Öffentlichkeit?“, fragt sie empört. Lorudo-dono schmunzelt zufrieden. Er hält einen ausführlichen Vortrag über die bizarren Gepflogenheiten des britischen Adels. Hiernach ziemt es sich sehr wohl, in der Öffentlichkeit zu speisen, und zwar genau immer dann, wenn das kein anderer tut. Henuri-san und Senchō erkundigen sich an der Rezeption nach einer Route zur Burg Wildenberg. Bis Miltenberg könnten wir mit dem Zug fahren, heißt es. Von dort wären es noch etwa dreißig Kilometer bis Kirchzell, vor dessen Toren sich die alte Staufferburg befindet. 

Ich spüre, wie meine Kondition deutlich nachlässt. Eine Weile ist es mir gelungen, mich mit starkem Kaffee wach zu halten, aber mittlerweile wirkt selbst der nicht mehr. Mir fallen schon fast die Augen zu, während ich versuche, den Tischgesprächen zu folgen. Für einen Moment übermannt mich ein Sekundenschlaf, wobei mein Schädel fast auf die Tischplatte knallt. Benommen schüttle ich mich. Es wird Zeit, etwas zu unternehmen. Entweder bewege ich mich an der Luft und betanken meinen Körper mit frischem Sauerstoff oder ich gehe einfach auf mein Zimmer und versuche noch ein paar Stunden zu schlafen. Lorudo-dono möchte am liebsten sofort weiter und mit dem Acht-Uhr-Zug Richtung München nach Miltenberg reisen. Dieser Vorschlag stößt aber im Großen und Ganzen auf taube Ohren. Selbst Henuri-san, in dessen Namen wir überhaupt nur auf dieser Mission sind, hält es für eine gute Idee, noch ein paar Stunden auszuruhen. 

Ich brauche eine Weile, um auf meinem Hotelzimmer Schlaf zu finden. Mein Körper verfügt zwar über die nötige Schwere, aber meine Gedanken wollen einfach nicht zur Ruhe kommen. Ich versuche zu meditieren, um die Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Das funktioniert. Zwar bin ich so müde, dass ich in meiner Meditation einschlafe, aber im Grunde war ja auch dies mein Ziel. Ich fühle mich jedenfalls etwas erhohlt, als um 12:00 der bestellte Weckdienst an meiner Zimmertür klopft. 

Pünktlich um 13:00 Uhr fährt der Zug nach München über Miltenberg ab. Das monotone Rattern der Räder lullt mich ein und ich falle wieder in einen leichten Dämmerzustand. Als ich nach einer Weile meine Augen wieder öffne, bin ich überwältigt von dem, was sich meinem Blick offenbart. Dicht bewaldete Berghänge säumen unseren Weg. Majestätisch recken sich die Gipfel dem Himmel selbst entgegen. Die Sonne sendet ihre lebenspendenden Strahlen von einem wolkenlosen Firmament zu uns herab. Die Wälder strotzen vor Energie und Vitalität. Selbst in unserem in hohem Tempo vorbeirasenden Zug kann ich diese Kraft spüren.

In Miltenberg erkundigen sich Henuri-san und Senchō gleich nach einer Möglichkeit für unsere Weiterreise. Sie bringen in Erfahrung, dass der hiesige Gastwirt, den sie „der wilde Martin“ nennen, für solche Dinge der richtige Ansprechpartner sei. Lorudo-dono und die Damen wollen sich das Dorf ein wenig ansehen. Ich begleite Senchō und Henuri-san.

Schnell können wir das Gasthaus ausfindig machen. Senchō, der als einziger von uns deutsch spricht, fragt nach dem wilden Martin. Er erweist sich als der Mann hinter dem Thresen. Senchō erläutert unser Anliegen. Wir brauchen eine Transportmöglichkeit – gekauft oder leihweise – die uns nach Kirchzell bringt, und das möglichst sofort. Dabei dreht er eine Goldmünze zwischen seinen Fingern hin und her. Der wilde Martin ist interessiert, sagt, dass er etwas machen könne. Es bestünde die Möglichkeit, ein Kutschgespann mit zwei Pferden von einem Bauern zu mieten.

Der wilde Martin verschwindet durch eine Hintertür und kommt kurz darauf mit einer gemütlich rundlichen Frau zurück. „Grüß Gott, ich bin die Berta“, sagt sie. “ Gurusu Gottu“, versuche ich ihren Gruß zu kopieren. 

Berta führt uns zu einem Gehöft, wo sie mit dem Bauern ein Gespräch führt. Sie verweist ihn an Senchō, der die Verhandlungen führt. Nach einigem Hin und Her werden sie sich einig. Senchō will das Abkommen per Handschlag besiegeln, doch der Bauer besteht auf einen schriftlichen Vertrag. Bis alles geregelt ist, die Pferde angespannt sind und wir losfahren können, ist es schon halb vier.

Auf dem Weg zurück ins Dorf bittet mich Senchō, auf unserer Weiterfahrt die Augen nach möglichen Gefahren – Wegelagerer, Soldaten oder was auch immer, offen zu halten. „Das mußt du mir nicht extra sagen“, betone ich. Ich lüfte meinen Haori und präsentiere ihm die Webley & Scot, die verborgen in meinem Obi steckt. Senchō nickt verstehend. Im Dorf stoßen wir schnell auf den Rest unserer Reisegesellschaft. Senchō übergibt die Zügel an Mare und wir machen uns auf den Weg auf die Landstraße in Richtung Kirchzell. 

Nach einer halben Stunde passieren wir Amorbach und fahren weiter auf einem schmaleren Nebenweg. Die beeindruckende Landschaft zieht mich wieder in ihren Bann. Ich atmete tief ein und spüre, wie die reinigende Kraft der Natur bis in meine äußersten Glieder vordringt. Kurz darauf passieren wir einen mächtigen Wasserfall, dessen Fluten sich in einen klaren Bergsee ergießen. „Halt mal kurz an“, ruft Senchō begeistert, „ich will tauchen.“ Mare bringt die Kutsche zum Stehen. 

Ein kleiner Hund kommt aus dem Unterholz auf uns zu. Er wirkt abgemagert und etwas verwildert. Dennoch ist er sehr zutraulich und setzt sich bettelnd vor Senchō, der als erster von der Kutsche gestiegen ist, auf die Hinterbeine. Senchō fischt eine Wurst aus unserem Picknick-Korb De Luxe, den wir uns vom Grand Hotel in Frankfurt haben mitgeben lassen. Gierig verschlingt der Hund die milde Gabe. Winselnd versucht er Senchō davon zu überzeugen, ihm noch mehr von diesen Leckereien zu geben, als Senchō aber diese Versuchte ignoriert, trollt er sich und verschwindet wieder im Gebüsch.

Auch ich klettere nun von der Kutsche und lasse mich von der Energie dieses Ortes einnehmen. Ich lasse mich am Ufer des Sees gegenüber dem Wasserfall nieder, schließe die Augen und lausche dem kraftvollen Rauschen der herabstürzenden Wassermassen. Mein Bewußtsein verbindet sich. Ich selbst werde zum Wasserfall und nehme seine Kraft in mir auf. Ich empfinde mich als Teil eines großen Ganzen – alles ist in vollkommener Ordnung und mein Platz ist genau da, wo ich bin. Ein erfrischendes Bad im kühlen Bergsee bildet den perfekten Abschluss für meinen spirituellen Ausflug. Lorudo-dono ist ungeduldig. Er hat kein Verständnis für unseren Zwischenstop und treibt uns zur Eile an. Ich lasse mich nicht hetzen. Eine innere Gewissheit sagt mir, dass wir genau dann genau dort sein werden, wo wir sein müssen. Es besteht kein Grund zur Nervosität.

Mare setzt den Wagen wieder in Bewegung. Nach etwa zwanzig Minuten biegt die Hauptstraße nach links in Richtung Kirchzell ab. Geradeaus führt ein Waldweg hinauf zur Burg Wildenberg. An der Kreuzung entdecken wi
r wieder einen kleinen Hund. Er ähnelt dem Burschen, dem wir am See begegenet sind. Senchō steigt vom Kutschbock und versucht den Vierbeiner anzulocken. Aus einiger Entfernung hören wir Stimmen. Karura-san schleicht ins Unterholz, um der Quelle der Stimmen unauffällig auf die Spur zu kommen. Nun ja, es ist mehr der Versuch eines Schleichens. Kaum, dass sie sich ins Unterholz verdrückt hat, ertönt ein lautes Platschen gefolgt von italienischsprachigen Flüchen und Gezeter. Der Hund erschrickt und läuft davon. Aus dem Wald heraus stapft ein wütendes Schlamm-Monster, das wohl einmal Karura-san gewesen ist. Dieser Anblick ist so groteskt, dass ich ein lautes Lachen nur mit Mühe unterdrücken kann.

Karura-san versucht sich notdürftig wieder her zu richten. Mare geht ihr dabei zur Hand. Senchō und ich folgen dem Hund. Wir wollen nun selbst versuchen, herauszufinden, wer außer uns hier noch unterwegs ist. Nach einer Weile stoßen wir auf eine Wagenburg des fahrenden Volkes. Wir bleiben nicht lange unentdeckt. Der kleine Hund von der Kreuzung hat uns aufgespürt und schaut Senchō erwartungsvoll an. Ein älteres Paar folgt ihm und begrüßt uns freundlich. Senchō erwidert ihren Gruß, ich nicke ihnen höflich zu. Sie wirken erleichtert, als sie feststellen, dass wir keine Deutschen sind. Ich höre etwas wie „Deutsche nix gut“ unter den Gesprächsfetzen heraus. 

Ich bemerke reges Treiben im Wagenlager. Es herrscht Aufbruchstimmung. Von oberhalb höre ich Männerstimmen, die im militärischen Ton miteinander kommunizieren. Senchō und ich tauschen Blicke aus. Die Stimmen kommen aus der Richtung, in die wir weiter wollen. Senchō wendet sich abrupt zum Gehen. Ich verabschiede mich von den Leuten. „Sayōnara“, sage ich. “ Sayo… Sayonara?“, wiederholt die Frau und schaut mich interessiert an. Sie fragt mich etwas, das ich nicht verstehe. Ich rufe Senchō zurück und bitte ihn, zu übersetzen. Sie will wissen, wo ich herkomme. „Nippon, Japan“, antworte ich. Das scheint ihnen nichts zu sagen. Ich bitte Senchō „weit, weit weg“ für mich zu übersetzen. Die Frau und auch ihr Begleiter wirken beeindruckt. „Indien?“ fragt er. Ich schüttle den Kopf und deute mit einer Geste in die Ferne. „Noch weiter“, antworte ich. 

Zurück bei unserem Fuhrwerk berichtet Senchō von dem Lager und den Stimmen, die wir oberhalb desselben vernommen haben. Senchō und Henuri-san wollen allein mit dem Fuhrwerk vorfahren und in Erfahrung bringen, was dort oben los ist. Lorudo-dono, Karura-san, Mare und ich wollen noch einmal zum Lager. Vielleicht kennen die Leute vom fahrenden Volk einen anderen Weg hinauf zur Burg. Es ist mittlerweile fünf Uhr.

Wir erregen schnell die Aufmerksamkeit der Lagerbewohner. Einige von ihnen sprechen italienisch und Karura-san kann sich mit ihnen in ihrer Muttersprache unterhalten und für uns übersetzen. Sie erzählen, dass ein Fluch auf dem Wald läge. Nachts hörte man Geräusche – ein Stöhnen, Stampfen und Schnauben, wie von einer Maschine, das die Bäume erzittern ließe. Weiter erzählen sie, dass hier im Wald Menschen verschwinden würden. Das sei auch der Grund, warum sie so schnell wie möglich von hier fort wollten. Wenn Schlimmes geschehe, sagen sie, würden die Leute immer zuerst das fahrende Volk verdächtigen. Diese seltsamen Ereignisse hätten begonnen, als die Frauen herkamen, die Frauen, die dunkles Theater machen. 

Karura-san fragt, ob sie Blut gefunden hätten, das nicht von ihrer Jagd stamme. Eine der Frauen gibt uns mit einer Handbewegung zu verstehen, ihr zu folgen. Sie führt uns in ihren Wohnwagen und zeigt uns eine blutverkrustete menschliche Schädeldecke. Der Knochen wurde herausgebrochen und auf der Oberfläche sind runde Abdrücke wie von riesenhaften Saugnäpfen zu sehen. Das habe der Hund gebracht, erklärt die Frau, und das sei nicht das erste Mal, dass das geschehen sei. Immer wieder habe sie diese „Mitbringsel“ des Hundes zerstört und vergraben, aber der Hund brächte jeden Tag ein neues.

Karura-san und Mare sind etwas blass geworden. Auch mich überkommt bei Anblick des Knochens eine leichte Übelkeit. Lorudo-dono ist wohlweislich vor der Tür geblieben. Die fahrenden Leute haben ein Lagerfeuer entzündet und laden uns zum Essen ein. Einer der Männer reicht mir eine Flasche mit Schnaps, aus der ich mir dankend einen Schluck genehmige. 

Nach einer Weile stoßen Henuri-san und Senchō zu uns. Sie berichten dass rund um die Burg ein polizeiliches Sperrgebiet errichtet wurde. Es seien in letzter Zeit einige Menschen verschwunden seien. Man schließe Mord nicht aus. 

Es geht inzwischen auf den Abend zu. Ob der neu gewonnenen Erkenntnisse sind wir nicht besonders erpicht darauf, die Nacht im Freien zu verbringen. Wir wollen versuchen, eine Unterkunft in Kirchzell aufzutreiben. Einer der Bauern hat ein Gästehaus mit drei Betten. Das muss genügen. Mir macht es nichts aus, auf dem Boden zu schlafen. 

Nachdem wir etwas gegessen haben, merke ich erst, wie erschöpft ich eigentlich bin. Ich weiß gerade nicht einmal, welchen Wochentag wir haben. War es gestern oder vorgestern, dass wir von Jaca aus aufgebrochen sind? Mein Zeitgefühl ist völlig durcheinander geraten. Ich schaue aus dem Fenster hinüber zum Wald. Was mag dran sein an den Gerüchten? Was mag uns erwarten? Mich beschleicht eine gewisse Ahnung, dass wir das schon bald erfahren werden.