秋の夕風 (Aki no yū kaze) – Herbstwind am Vorabend
Der Tag beginnt mit einem morgendlichen Training im Dōjō. Ich bin gut in Form. Es gelingt Mycroft heute nicht, auch nur ansatzweise Oberhand zu gewinnen.
Beim Frühstück studieren wir die Tageszeitung – das heißt, ich lese und übersetze die Artikel für Mycroft, die von Interesse scheinen. Die kaiserliche Armee ist um 10.000 Mann verstärkt und in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Weimarer Republik hat eine Botschaft in Japan eröffnet. Nachdem in diesem Jahr das britisch-japanische Verhältnis schwer gelitten und das Vereinigte Königreich seine diplomatischen Beziehungen mit Japan auf ein Minimum reduziert hat, werden nun neue Bündnisse in Europa verhandelt.
An den Strand von Fukushima sind die Überreste eines britischen Seemanns angespült worden. Wir vermuten, dass es sich um einen der Männer von der Almina handelt und wollen der Sache bei Gelegenheit nachgehen. Mycroft zeigt besonderes Interesse an einem Artikel über ein Schiffsunglück in der Nähe der Hafenstadt Yokosuka. Zwei Schiffe – der Zerstörer USS New Hampshire und der britische Frachter Bombay Star – waren 56 Seemeilen vor der Küste kollidiert. Über das Ausmaß der Schäden kann man bisher noch nichts Genaues sagen. Es gibt Vermisste unter den Besatzungsmitgliedern.
In einem kleinen Abschnitt wird darüber berichtet, dass die Einwohner von Odawara Schreine zum Schutz vor bösen Geistern aufgestellt haben, die in den Ruinen der alten Burg wandeln. Man spricht von einem gelben Geist, schnell wie der Blitz und einer Person, die umherstreife. “Der ruhelose Geist von Ujimasa wandle zwischen den Sternen” heißt es in der Zeitung. Dieser Geschichte werde ich auf jeden Fall nachgehen. “Ich habe das Gefühl, dass das etwas mit mir zu tun hat”, überlege ich laut, “ich würde das gerne untersuchen.”
Im Wirtschaftsteil wird darüber berichtet, dass Mitsubishi mit der Auslieferung einer neuen Generation von Flugzeugmotoren begonnen hat. Mycroft nimmt diese Neuigkeiten mit einer unverkennbaren Begeisterung auf.
Pünktlich um 10:00 öffnet sich die Tür zu meinem Haus. Es ist Misako, meine neue Haushaltshilfe. Ich habe sie vor einer Woche eingestellt, um zweimal pro Woche hier für Sauberkeit und Ordnung in Haus und Garten zu sorgen. Insbesondere für die Zeiten meiner Abwesenheit scheint es mir sinnvoll, wenn ab und zu jemand nach dem Rechten schaut. Sie übergibt mir einen Brief, den der Postbote gerade gebracht hat. Es stammt von Mitsubishi. “Mit einem Lächeln auf den Lippen erwarte ich Ihren Besuch in unserer Motorenwerft”, schreibt Kotaya-san.
Misako zeigt sich überrascht, dass ich Besuch habe. Mycroft ist ihr unheimlich. Vorsichtig fragt sie, warum mein Freund sein Gesicht verbirgt. “Eine Kriegsverletzung”, erkläre ich knapp. Misako gibt sich damit nicht zufrieden. “Verzeihen Sie, dass ich offen spreche, Herr Okumura, aber ihrem Freund haftet ein dämonischer Fluch an”, sagt sie. Ich schaue meine Haushälterin scharf an. “Ich wüßte nicht, was Sie das angeht, Misako-san”, erwidere ich streng, “kümmern Sie sich um Ihre Dinge und machen Sie Ihre Arbeit.” “Ja, Herr Okumura, selbstverständlich”, antwortet sie demütig, “verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit. Ich mache jetzt meine Arbeit. Bitte vergeben Sie mir.” Mit tief geneigtem Oberkörper zieht sie sich zurück.
Tagsüber nehme ich ein paar Organisationen vor. Wir brauchen ein Auto, wenn wir den Hinweisen aus der Zeitung nachgehen wollen, ohne großartig aufzufallen. Ich gehe zu einem Handelsvertreter für die Mitsubishi Motorenwerke und bestelle dort ein Mitsubishi Modell A. Es dauert eine Weile, bis ich mich auf Details bezüglich der Karosserie und Ausstattung festlegen kann, doch gegen Mittag steht endlich meine Bestellungen. Ich muss etwa einen Monat warten, bis das Fahrzeug fertiggestellt sein wird. Ich veranlassen die Lieferung nach Okumura-tachi, für den Fall, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht da bin, um den Wagen abzuholen. Für die Zeit bis dahin bietet man mir einen Mietwagen an.
Anschließend besuche ich ein Theatergeschäft. Es gibt hier unzählige Masken unterschiedlichster Herkunft. Interessant finde ich eine Maske, die je nach Blickwinkel einen freundlichen und einen bedrohlichen Gesichtsausdruck zeigt. Auch wenn diese Maske nicht wirklich dazu taugt, Aufmerksamkeit zu vermeiden, kaufe ich sie für Mycroft. Dieses Janusgesicht passt einfach zu gut zu meinem Freund. Ich besorge hier auch noch Materialien, um selbst eine Maske herzustellen. Wir haben auch darüber nachgedacht, die Herstellung einer angepassten Maske, die ein normales menschliches Antlitz simuliert, bei einem professionellen Maskenbildner in Auftrag zu geben, doch das würde bedeuten, dass Dritte mit dem Anblick des Gelben Zeichens konfrontiert würden. Das Mal des Gelben Königs hat sich plastisch auf Mycrofts Gesicht manifestiert – es wäre selbst auf einem Gipsabdruck deutlich erkennbar.
Nachdem ich das Theatergeschäft verlassen habe, besorge ich noch Lebensmittel auf dem Markt. Ich plane für den heutigen Abend ein Sukiyaki zu bereiten. Ein kalter Tag wie der heutige ist ideal für dieses Gericht.
Meine Taschenuhr zeigt einige Minuten vor vier, als ich nach Hause komme. Die untergehenden Sonne färbt den Fuji, den Heiligen Berg Japans, in glühendes Gold – ein wahrhaft majestätischer Anblick. Mycroft reicht mir eine Schale Tee und gesellt sich zu mir. In Andacht und Ehrfurcht beobachten wir das erhabene Farbenspiel, bevor wir uns an die Zubereitung der Abendmahlzeit machen.
Wir besprechen unser nächstes Vorgehen. Uns liegen einige Optionen offen: der tote Seemann in Fukushima, die neuen Flugzeugmotoren in Nagasaki, das Schiffsunglück vor der Küste von Yokosuka oder der Spuk in den Ruinen der alten Burg in Odawara. Welcher Spur wollen wir zuerst nachgehen? Ich plädiere für Odawara. Ich will nach wie vor das Geheimnis der alten Burg entschlüsseln. Vor allem interessiert mich, ob der alte Schrein noch immer im Keller des Gebäudes zu finden ist. Mycroft ist einverstanden und so ist es beschlossen, dass wir morgen nach Odawara aufbrechen werden.
„Ich will dir noch etwas zeigen“, sage ich, als wir beim Essen zusammen sitzen. Ich hole Ujimasas Schatulle und den Siegelring, die mein Bruder mir überlassen hat. Den Brief wollte er behalten. „Kommt dir das bekannt vor?“ „Durchaus“, sagt er erstaunt, „dann war es also echt. Wir waren wirklich da.“









