Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

救助 (Kyūjo) – Befreiung

Auch die anderen hatten intensive Träume. Carla und Mare haben wie ich von diesem hohen, schlanken Turm geträumt, während der Lord und Mary-Ann in die Traumlande gereist sind und an der Handelsstraße nach Dyath-Leen nach einem Roten Magier Ausschau zu halten, um bei diesem mit etwas Glück den Zauberspruch „Astrale Signaturen aufspüren“ zu tauschen. Dass es diesen Zauber gibt, wissen wir, seit wir mit den Hunden von Tindalos zu tun hatten. Die Mission war erfolgreich. Mary-Ann hat diesen Zauber letzte Nacht buchstäblich im Traum gelernt. Zusammen mit dem Lord möchte Sie heute aus der Luft nach feinstofflichen Spuren unseres Freundes scannen. Carla, Mare und ich wollen uns nach einem hohen Turm in der Nähe der Stadt erkundigen.

Schnell finden wir eine Antwort. Im Tourismusbüro von Salisbury erfahren wir, dass dieser Turm zu einem Anwesen gehört, das Fonthill Abbey genannt wird. Der Eigentümer des Anwesens, ein exzentrischer Schriftsteller namens William Thomas Beckford, hat diesen Turm bauen lassen und dabei darauf bestanden, das der Turm höher gebaut würde, als die Salisbury Cathedral. Uns wird auch mitgeteilt, wo wir das Anwesen finden. Wir drei wollen uns selbst ein Bild machen und beschließen, die restlichen Stunden des Vormittags zu nutzen, um und Fonthill Abbey aus der Distanz etwas genauer anzusehen.

Nach einer halben Stunde Autofahrt in Richtung Westen führt ein Waldweg von der Hauptstraße ab. Durch die Wipfel der Bäume lässt sich der Turm aus unseren Träumen erkennen. Wir sind hier also richtig. Wir lasssen den Wagen stehen und gehen zu Fuß weiter, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Wir erreichen ein Tor, dessen Gitter mit der Darstellung von Planeten verziert sind. Die Mauer, die das Grundstück umgibt, ist etwa sechs Meter hoch. Alles ist ruhig.

Mittags treffen wir uns mit dem Lord und Mary-Ann. Der Lord hält sich seinen Schädel und sieht ziemlich mitgenommen aus.
„Was ist passiert?“, frage ich besorgt, aber er winkt ab. Stattdessen berichtet Mary-Ann in ihrer üblich umständlichen und aufgeregten Art von einer Bruchlandung, die der Lord mit ihrem Flugzeug hingelegt hat. Die Sopwith ist erstmal nicht mehr einsatzbereit und dazu gekommen, den Astralraum aus der Luft zu durchsuchen, sind sie auch nicht. Alternativ dürfte auch der Turm der Kathedrale aus Aussichtspunkt für die astrale Spurensuche herhalten können. Obwohl wir jetzt eigentlich schon wissen, wen und was wir wo suchen müssen, besteht Mary-Ann darauf, ihren neu erlernten Zauber anwenden zu dürfen. Gegen eine kleine Spende erlaubt uns der Küster auf den Turm zu steigen. Carla begleitet Mary-Ann auf die Turmspitze, aber ganz wie es zu erwarten war, erfährt Mary-Ann durch ihre Suche nichts neues, außer einer wichtigen Erkenntnis: allen Anschein nach ist Mycroft am Leben.

Mare, die ohnehin zum Postamt möchte, um Ersatzteile für Mary-Anns Sopwith zu bestellen, holt einige Informationen über Beckford ein. Er nennt sich zwar selbst einen Schriftsteller, jedoch habe er bisher noch nicht ein einziges Werk veröffentlicht.

Der Lord schreibt einen Brief an Beckford, in welchem er ihn um einen Besuch ersucht, und lässt diesen per Boten zustellen. Während wir auf eine Antwort warten, wollen wir uns noch einmal die Stelle mit dem umgestürzten Baum ansehen. Ich schaue mir das Astwerk etwas genauer an. Der Wipfel hat beim herabstürzen etwas im Untergrund freigelegt. Ein Schacht führt in die Tiefe. Ich klettere hinunter und lasse mir von den anderen Licht reichen. Ich stehe in einem Gang aus schwarzen Steinen, das gleiche Material, das auch schon den Zugang zur Grotte mit den Zeichnungen säumte. In Richtung der Grotte endet der Gang an einer Mauer, in die andere Richtung führt er in eine Höhle. Hier findet sich eine alte Feuerstelle und ein grob gewebtes Tuch, dass nicht einmal eine Spur von Zersetzung oder Verrottung trägt. Wenn dieses Tuch tatsächlich aus neolithischer Zeit stammt, kann es kein gewöhnliches Tuch sein. Anders, als das Tuch hat sein Träger den Lauf der Zeit nicht ganz so unbeschadet überstanden, aber dennoch… Unter dem Tuch finden wir die gut erhaltene Mumie eines Mannes. Offenbar haben wir die Höhle gefunden, auf welche die antiken Zeichnungen in der Grotte, die wir gestern untersucht haben, verweisen.

Aus der Höhle führt ein kurzer Gang hinaus, weiter in den Hügel hinein. Dahinter stoßen wir wieder auf schwarzen Stein. Hinter der soliden Steinwand ist deutlich ein tiefes, gleichmäßiges Summen zu vernehmen, wie von einem Schwarm großer Hornissen. Wir sind uns einig, die eindeutigen Warnungen der neolithischen Höhlenbilder zu befolgen und das, was auch immer dort hinter den schwarzen Steinen vergraben liegt aus gutem Grund dort vergraben bleiben sollte. Vielleicht sollten wir dafür sorgen, dass der Eingang zu dieser Höhle wieder verschüttete wird, damit nicht wieder irgendjemand in naiver Neugier oder in gierigem Profitstreben die Warnungen ignoriert und der Welt ein Unglück beschert.

Am frühen Nachmittag erhält Mare via Telegramm die Bestätigung, dass die Ersatzteile für Mary-Annss Flugzeug in zwei Tagen geliefert werden können. Der Lord bekommt einen Brief gereicht, der per Bote zugestellt wurde. Es ist die Antwort von Mr. Beckford. Er wünscht den Lord zeitnah allein zu treffen. Wir schmieden einen Befreiungsplan.

Der Lord wird sich bei Mr. Beckford zum 5 o’clock Tea anmelden. Mare wird ihn fahren. Carla, Mary-Ann und ich wollen in Abstand folgen um im Gefahrenfall eingreifen zu können. Wir haben eine Signalpistole. Diese nimmt der Lord mit sich. Wir müssen noch ein Auto mieten und uns Kletterausrüstung besorgen, um gegebenfalls die Mauer um das Anwesen überwinden zu können. Mary-Ann hat sich beim Fleischer ein paar Wurstzipfel besorgt, die sie mit Schlafmitteln präpariert hat, um die Wachhunde auszuschalten. Ich habe meine Zweifel, ob das funktioniert. Gut trainierte Wachhunde sollten sich davon nicht ablenken lassen. Soviel habe ich inzwischen von Mycroft über Hunde gelernt.

Wir mieten also ein Automobil und machen uns bereit. Auch die gelbe Flöte haben wir dabei.

Wir fahren einen Feldweg östlich des Geländes entlang und parken den Mietwagen hinter einem Wäldchen. Mary-Ann klettert mittels Seil und Kletterhaken auf die Mauer und späht mit dem Fernglas auf das Grundstück. Carla und ich folgen ihr und beziehen ebenfalls Position. Aufmerksam beobachten wir unsere Umgebung und harren der Dinge.

Gegen halb acht hören wir Motorengeräusche. Kurz darauf stoßen Mare und der Lord zu uns.Wir fahren zunächst zurück nach Salisbury um dort in Ruhe zu weiter planen und zu überlegen.

Der Lord berichtet von seinem Besuch. Beckford, so heißt es, empfängt nachts Gäste aus den Wänden seiner Gemäuer. Über den Bhyak´hee haben sie nicht gesprochen, aber der Lord ist sich sicher, dass Beckford um seinen „Untermieter“ weiß.

„Wir räumen den Typen aus dem Weg und holen Mycroft da raus“, schlage ich voller Tatendran vor, doch mein Vorschlag stößt zunächst auf taube Ohren. Eine endlos scheinende Diskussion entbrennt – wieder einmal. Der Lord schlägt vor, mit den Kugeln den Weg in den Turm zu suchen. Ich bin strikt dagegen. Abgesehen von den unerwünschten Nebenwirkungen, die der Einsatz der Kugeln bekanntermaßen mit sich bringt, müssten wir erst wieder zurück nach Highclere Castle, um die Globen aus ihrer Tresorsphäre zu holen. Ich aber will Mycroft so schnell wie möglich befreien.

Carla und Mare pflichten mir bei. Der Lord beugt sich der Mehrheit und Mary-Ann hat gar keine Meinung. Also ist es entschieden. Wir werden heute Nacht unseren Freund aus dem Turm des seltsamen Mr. Beckford holen.

Wir vermummen uns für die Operation. Eine halbe Stunde vor Mitternacht erreichen wir das Grundstück. Wir erklimmen die Mauer etwas nördlich der Stelle, an der wir heute Nachmittag Position bezogen hatten. Mare pfeift, um die Hunde anzulocken. Diese kommen auch kurzerhand angelaufen und Mary-Ann wirft ihnen ihre präparierten Würstchen zu. Die Hunde stürzen sich gierig darauf und es dauert nicht lange, bis sie alle schnarchend am Boden liegen. Mary-Ann und Mare klettern als erste hinunter und fesseln die Hunde. Carle bemerkt, dass nirgendwo auf dem Grundstück Licht brennt.

Am Rand des Wäldchens, dass sich bis weit auf das Grundstück hinaus erstreckt, nähern wir uns dem Haupthaus. Mary-Ann beobachtet eine Bewegung auf dem Dach des Turmes. Der Bhyak’hee hockt oben auf der Turmspitze und hält Wache.

Wir gehen leise weiter, nun ja, wir versuchen es zumindest. Kurzeitig bewegt sich der Bhyak’hee auf die andere Turmseite und entschwindet unserem Sichtfeld, doch als Carla unvermittelt auf einen trockenen Ast tritt, wird der Vogel unserer gewahr und stürzt auf uns zu. Ich nehme mein Gewehr von den Schultern, lege an und feuere. Vollteffer! Der Bhyak’hee kreischt gequält auf und fliegt zurück zum Turm.

Im Hauthaus geht Licht an. Jemand ruft. Auch in den Nebengebäuden gehen die Lichter jetzt an. Wir beeilen uns und gelangen zur Rückseite des Haupthauses. Im Haus bewegt sich der Schein einer Laterne. Über eine Galerie gelangen wir ins Innere und zu einem achteckigen Zimmer. Eine Seitentür führt in ein Treppenhaus, wo eine Wendelführung die Stufen in ie Höhe treibt.

Auf der Hälfte des Weges nach oben endet das Treppenhaus. wir befinden uns nun in einer Dachkonstruktion, die vollständig aus Holz besteht. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn hier einmal der Blitz einschlägt.

Carla und Mare bleiben zurück und sichern den Weg nach unten. Wir klettern weiter hinauf. Ich gehe voran. Nach zwei Etagen öffne ich eine Lucke – zu unvorsichtig, wie ich zeigt. Ich bemerke noch einen Schatten, bevor das Gleißen des Mündungsfeuer einer Schusswaffe, die direkt auf mich gerichtet ist, die Dunkelheit schier zerreißt. Ich werde getroffen, stürze die Leiter, die ich gerade erklommen habe, hinunter. Dann ist es dunkel.