下方に (Kaho ni) – Nach unten
Die Vorbereitungen für die Abreise in die Normandie sind weitgehend abgeschlossen. Nach dem Frühstück wärmt der Lord die Kolben seiner Junkers manuell auf. Die Art und Weise wie er den Motor behandelt, hat fast etwas Erotisches. Ich sitze auf der Terrasse, poliere meine Schwerter und beobachte die Szene amüsiert. Der Frühling hält Einzug, keine Frage.
“Wie kann man nur so heftige Emotionen einer Maschine, einem Ding, entgegenbringen”, empört sich Mary-Ann.
“Versuch nicht, das zu verstehen”, gebe ich schmunzelnd zurück, “das ist ein Männerding”, und lasse mein frisch gereinigtes und poliertertes Katana betont gefühlvoll in seine Saya gleiten.
Gegen Mittag landen wir auf dem Rollfeld in Caen und sind wenig später in Marigny. Ein unsichtbarer, quaderförmiger Körper ist auf den Weinhügel gestürzt und hat den Bau erschüttert. Ein vergessenes “Gastgeschenk” der unsichtbaren Besucher zu Beginn des Jahres? Der Quader ist etwa 3 mal 4 Meter groß und erweist sich als ziemlich schwer. Mit reiner Muskelkraft kriegen wir den Koloss nicht bewegt. Mycroft spannt kurzerhand seine Matinsyde vor den Block – das funktioniert. Die Maschine schafft es, den unsichtbaren, massiven Block herausziehen.
Carla weist uns auf ein Astloch in der hölzernen Vertäfelung ihres Weinkellers hin. Mycroft hatte es gestern entdeckt. Dahinter können wir im diffusen Dämmerlicht einen bislang verborgenen Raum entdecken, in dem sich ein altes Regal vollgestopft mit Dokumenten, Büchern, Tiegeln und Töpfen befindet. Mary-Ann beginnt aus ihren Pilzen die Farbe zu extrahieren, die wir bereits benutzt haben, um das zigarrenförmige Flugobjekt in Paris einigermaßen sichtbar zu machen. Die Farbe, die sie extrahieren kann, reicht gerade einmal, um die Kanten des Körpers zu bestreichen.
Der Quader hat eine Wand eingerissen. Dahinter kommt eine hölzerne Verkleidung zu Vorschein. Carla lässt die Planken aufbrechen, damit wir den Raum mit dem dokumenten- und probenbeladenen Regal erreichen können. Es dauert nicht lange, bis der Weg frei ist. Irgendwo rauscht Wasser. Henry glaubt, dass das Wasser von irgendwo außerhalb kommt, von hinter dem Regal, dessen Inhalt nun unsere volle Aufmerksamkeit gilt. Die Schriften und Pergamente sind sehr alt und Witterung und Zeit haben ihnen sehr zugesetzt. Vorsichtig und mit Handschuhen bekleidet räumen wir die Fundstücke in Obstkisten. Die zahlreichen Tiegel, Schüsseln und Töpfe, die wir hier auch finden, enthalten nichts mehr, was wir noch verwerten könnten. Henry ist der Meinung, dass sie vielleicht einmal alchemistische Substanzen enthalten haben könnten.
Nachdem wir das Regal leergeräumt haben, wird der Bereich dahinter nach mögllchen verborgenen Zugängen untersucht. Mycroft entdeckt eine Geheimtür, die uns den Weg in eine neue unbekannte Welt eröffnet. Was sie für oder gegen uns bereit hält, wissen wir nicht, aber wir sind Willens, das herauszufinden. Nur Mary-Ann, die sich weiter mit ihren Pilzen befasst, und der Lord, der im Augenblick einfach keine Lust hat, in dunkle und unbekannte Höhlen hinabzusteigen, bleiben zurück.
Wir krabbeln durch die freigelegte Geheimtür im unteren Bereich des Regals. Dahinter eröffnet sich ein weiterer Teil des Gewölbekellers. Das Rauschen des Wassers wird deutlicher. Es kommt aus einem Loch im Boden, in das eine lange Treppe hinab führt. Die Stufen sind ausgetreten, aber scheinbar lange nicht benutzt worden. Während wir die Treppe hinunter steigen, ist das Rauschen deutlich neben uns wahrnehmbar. Offenbar natürliche Spalten im Gestein geben einen kleinen Blick in die Richtung frei, aus der das Rauschen kommt. Man kann nicht viel erkennen. Der Spalt ist sehr schmal. Gelbliches Licht erhellt in unregelmäßigen Abständen den hinter der Felswand verborgenen Schacht und lässt die Ahnung eines Wasserfalls zu, jedoch lässt sich nicht erkennen, wie weit dieser noch in die Tiefe stürzt und wo er seinen Ursprung hat.
Wir steigen weiter die Treppe hinunter, bis diese in in einer Höhle endet. Von dort führt ein Gang tiefer in den Kalkstein, in den uns die verborgene Treppe aus Carlas Weinkeller gebracht hat. Wir folgen dem Gang und gelangen nun in eine geräumige Höhle. Rechter Hand ergießt sich ein imposanter Wasserfall, jener, den wir schon durch den Spalt im Gestein erahnen konnten. Das gelbliche Licht scheint von fluoreszierenden Partikeln im Wasser zu stammen. Von unserer Position aus können wir nicht erkennen, wie weit das Wasser noch nach unten fällt. Das Licht reicht nicht aus, um unser Blickfeld ausreichend zu erleuchten, aber im Licht mitgebrachten Karbidlampen können wir linksseitig eine Treppe auszumachen, die entlang des Wasserfalls weiter nach unten führt.
“Das ist größer, als gedacht”, flüstert Mycroft uns zu.
Inzwischen ist der Tag schon recht weit fortgeschritten. Es dürfte so etwa sieben Uhr am Abend sein und ein leichtes Hungergefühl stellt sich auch schon bei mir ein. Heute werden wir die Expedition wohl nicht weiter fortsetzen. Bevor wir uns wieder an den Aufstieg machen, nehmen wir noch einmal genau die Höhle unter die Lupe. Wer weiß schon, wer oder was hier unten verborgen liegt. Irgendjemand hat sich hier, wenn auch bereits vor langer Zeit, die Mühe gemacht, den Kalkstein zu behauen und einen für Menschen, oder zumindest der Größe nach dem Menschen ähnliche Geschöpfe, gangbaren Zugang zu schaffen.
Tatsächlich entdeckt Mycroft auf dem Kalkstein feuchte Spuren. Die Tapsen erinnern der Form nach an menschliche Füße, jedoch scheinen sie recht groß geraten und der Besitzer dieser Füße scheint in seinem Leben noch nie Schuhe getragen zu haben. Die Fährte beginnt am Absatz der Treppe nach unten und endet an der Kante, an welcher der Wasserfall in die Tiefe stürzt. Mycroft und ich tauschen alarmierte Blicke aus. Irgendetwas lebt hier unten und könnte nun, da wir den Zugang zu diesem Ort freigelegt haben, jederzeit nach oben kommen. Wir wissen nicht, womit wir es zu tun haben, aber wir wissen, was wir zu tun haben. Wortlos verständigen wir uns darauf, heute Nacht Wache zu halten, damit das, was hier unten ist auch hier unten bleibt und falls es das nicht will, hat es eben Pech gehabt.
Beim Aufstieg scheint die Treppe zurück an die Oberfläche viel länger, als beim Abstieg. Als wir schließlich das obere Ende der Treppe erreicht haben, fällt uns auf der Rückseite der Geheimtür eine Schnitzerei auf, die wir bei unserem Abstieg gar nicht registriert haben. Sie stellt ein kugelförmiges Wesen mit fünf Füßen dar. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, was das sein könnte, doch Henry meint, dass das Bild ein Wesen zeigt, das in Verbindung mit Dionysos, dem Gott des Weines und des Rausches in der griechischen Mythologie, stände. Den Namen dieses Wesen hat er aber gerade nicht parat.
Zurück auf Chat Noir berichten wir dem Lord und Mary-Ann von unserer Entdeckung. Der Lord stellt viele Nachfragen zu den Fußtapsen, die wir an der letzten Station unseres heutigen Ausflugs in die Unterwelt entdeckt haben. Er habe die vergangenen Stunden genutzt, um das historische Material, das wir vor unserem Abstieg gesichert hatten, zu sichten. Die Dokumente dürften in etwa 600 bis 800 Jahre alt sein, meint er. Dabei war er auf Hinweise zu dem “Krötenartigen”, unter anderem auch ein Name für Tsathoggua, gestoßen, doch die Tapsen in den Höhlen hatten nicht einmal ansatzweise etwas Krötenhaftes an sich.
Zu 9 Uhr tischt Babette das Abendessen auf. Es gibt Fisch. Nach dem Essen durchstöbern wir gemeinsam die geborgenen Dokumente und planen unsere morgige Expedition. Im Fundus aus Carlas Weinkeller finden sich Texte über Hexen- und Zauberglauben in der Zeit der Inquisition sowie Schriften und Abhandlung über die Pest, eine Krankheit, die im frühen Mittelalter einen Großteil der Bevölkerung Europas dahinraffte, und über mögliche Heilungsmethoden.
Es ist etwa 23 Uhr, als wir unsere Recherchen für diesen Abend einstellen und unsere weitere Planung mit einem Abendspaziergang zum Hügelgrab – Tamino, Cook und Indy natürlich mit dabei – verlegen. Im Anschluss beziehen Mycroft und ich Quartier im Weinkeller, doch die Nacht bleibt ruhig und kein unerwarteter Besuch aus der Tiefe stört den momentanen Frieden.









