Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

火事 (Kaji) – Feuersbrunst

Ich erwache heute später, als an den Tagen zuvor. Ich habe unruhig geschlafen. Meine Gedanken haben mich kaum zur Ruhe kommen lassen. Beim Frühstück plaudere ich mit Dr. Nidelven und Mare, die ihrerseits heute in nächtlicher Mission im Auftrag des Lords unterwegs waren. Henry, Carla, Mary-Ann und der Lord sind nicht da.

Das Telefon klingelt. Der Lord ruft an und bittet uns eindringlich, zum Bryanston Square zu kommen. Dort angekommen berichtet er uns, dass Blakleys Körper weiter aufgedunsen sei und dass die Pusteln auf seiner Haut aufgebrochen sind. Die Larven sind geschlüpft, meint er. In den faustgroßen Blasen schwömmen nun fischähnliche Kreaturen mit scharfen Zähnen, die sich vom mutierten Fleisch des unglückseligen Künstlers zu ernähren scheinen. Der Lord plädiert in einer flammenden Rede dafür, die Situation endgültig zu lösen und Blakelys Leib “abzufackeln”, wie er es nennt. Zu meinem Erstaunen stimmen die anderen ihm zunächst zu. Sie beginnen detailreich zu planen, wie man es am Besten anstellen könnte, ohne dass es nach Brandstiftung aussähe.
“Das kann nicht euer Ernst sein”, werfe ich ein, aber meine Stimme findet kein Gehör. Das schadenfrohe Kichern in meinem Kopf lässt mich nicht unbedingt besser fühlen. ‘Das ist ja wirklich lustig mit euch’, schnarrt Dr. Krebs amüsiert. ‘Unter lustig verstehe ich etwas anderes’, antworte ich, aber er hat recht. Die Reaktion meiner Freunde lässt auf tiefgreifende Panik und Verzweiflung schließen. Es wäre nicht das erste Mal, dass uns ein derartiger Zustand zu irrationalen Handlungen mit fatalen Folgen verleiten würde. Irgendwie bin ich gerade sehr froh über den Begleiter in meinem Kopf. Im Moment scheint er der Einzige zu sein, der mich versteht und mir zuhört. Es sind beinahe freundschaftliche Gefühle, die ich für ihn aufbringe. Diese Verbindung, die ich ursprünglich nicht ganz freiwillig eingegangen bin, kann unter Umständen durchaus auch zu meinem Vorteil gedeihen, überlege ich. Ich beginne langsam zu verstehen, was Bernhard an diesem Doktor findet.

Mary-Ann erinnert daran, dass sie noch ihr “Heilmittel”, das mit der gleichen Wahrscheinlichkeit der Heilung möglicherweise auch den Patienten tötet, an Blakely testen möchte, daher werden die Pläne nun modifiziert. Die größte Schwierigkeit, nämlich Blakelys betreuenden Ärzte und Schwestern aus dem Krankenzimmer zu locken, damit Mary-Ann ihr Experiment verabreichen kann, wird besprochen. Ein Feueralarm, der zur Evakuierung des Gebäudes führen soll, könnte Abhilfe schaffen, meint Henry. Man müsse ja kein echtes Feuer legen. Es würde ja genügen, wenn es zu starker Rauchentwicklung käme.
“Miss Humboldt, können Sie nicht etwas mischen, das für eine starke Rauchentwicklung sorgen kann?”, fragt Henry, doch Mary-Ann wendet ein, dass sie nicht den Kopf dafür frei hätte und dass die Zeit dafür ohnehin zu knapp wäre.

Carla bietet sich an, im Kohlenkeller einen Schwelbrand zu verursachen. Die anderen stimmen diesem Plan zu oder widersprechen zumindest nicht, also macht Carla sich auf, die Mission zu erfüllen. Nach einer Weile wird der Geruch von Rauch wahrnehmbar. Noch etwas später mischt sich dezent der Geruch von verbranntem Fleisch hinzu und wir hören angsterfüllte Schmerzensschreie. Carla stürzt in brennenden Kleidern die Kellertreppe hinauf.
Henry versucht geistesgegenwärtig, Carla zu helfen, aber es gelingt ihm nicht, die Flammen zu bändigen. Erst, als ich mich ihm unterstützend zur Seite stelle, schaffen wir es Carlas brennende Kleider zu löschen. Wir bringen sie ins Freie, wo bereits der Lord und Lady Almina warten. Ich untersuche Carlas Wunde. Ihr Bein ist nur oberflächlich verbrannt, dennoch ist sie ziemlich aufgelöst. “Das wird schon wieder”, versuche ich sie zu beruhigen, während ich ihre Wunde versorge sie. Inzwischen dringt schwarzer Rauch aus dem Eingang des Hospitals und man beginnt mit der Evakuierung der Patienten.

Passanten kommen vorbei und bleiben stehen.
“Was ist passiert?”, fragt einer der Vorbeikommenden besorgt.
“Im Hospital ist ein Feuer ausgebrochen”, erkläre ich ruhig, während ich mir in der Absicht, zurück ins Haus zu gehen und bei der Evakuierung zu helfen, ein Tuch in einem Brunnen anfeuchte und mir vor das Gesicht binde.
“Großer Gott”, erwidert der Passant, “wurde die Feuerwehr schon gerufen?”
“Ich weiß es nicht”, antworte ich.
“Ich werde sie rufen”, erwidert der Passant hilfsbereit, wofür ich sehr dankbar bin.

Das Gekicher von Dr. Krebs ist inzwischen schallend amüsiertem Gelächter gewichen. Ich versuche es zu ignorieren und darüber hinwegzusehen, dass er sich am Leiden anderer ergötzt, was mir aber nur bedingt gelingt.
‘Ihr gebt gerade ziemlich viel über Euer Wesen preis’, merke ich an, was ihn für einen kurzen Moment verstummen lässt.
‘Ach ja?’, gibt er spöttisch zurück, ‘und was willst du dagegen tun?’
‘Gar nichts’, erwidere ich kühl, ‘Ihr habt mich in der Hand. Ihr könntet mich dazu bringen, Dinge zu tun, die ich mein Leben lang und darüber hinaus bereuen würde. Selbst wenn ich versuchen würde, Eurem Einfluss durch den Tod zu entgehen, würdet Ihr mich vermutlich einfach neu inkarnieren. Ganz abgesehen davon, dass ich ein gegebenes Ehrenwort nicht breche und alles daran setze, einen Eid zu erfüllen, habe ich keine Chance, Euch zu entkommen, warum also sollte ich mir das Leben schwer machen und mich gegen Euch wenden?’
‘Du bist gar nicht so dumm, wie ich dachte’, schnarrt der Mi-Go zufrieden.
Es ist durchaus denkbar, dass seine Häme und Schadenfreude persönlicher Natur sind. Auch wenn ich die Geschichte nur aus zweiter Hand kenne und mit Sicherheit nicht alle Details der Affäre, ist mir bewusst, das meine Freunde dem Mi-Go wohl ziemlich übel mitgespielt haben. Womöglich sinnt er nach Vergeltung und mich beschleicht die leise Ahnung, dass ich Bernhard in den Traumlanden nicht zufällig begegnet bin.

Ich beschließe, mich mit dieser Ahnung später auseinander zu setzen. Jetzt steht Wichtigeres an: das Leben von Menschen. Ich gehe zurück in das Gebäude, um die Evakuierung zu unterstützen. Henry folgt mir. Kaum, dass wir das Haus betreten haben, vernehmen wir Mary-Anns Hilferufe aus dem ersten Obergeschoss. Zügig eilen wir nach oben in Blakelys Krankenzimmer. Für einen Moment stockt mir der Atem, als ich die Monstrosität, die der Lord bereits beschrieben hatte, mit meinen eigenen Augen erblicke. Die junge Frau, die noch immer an Blakelys Lager verharrt – ihr Name ist Penny und sie ist die ehemalige Verlobte von Blakely, wie ich inzwischen erfahren habe – versucht verzweifelt, die fischartigen Kreaturen, die in den Blasen auf Blakelys Körper schwimmen, daran zu hindern, denselben zu verspeisen. Ausser Penny und Blakely sind noch drei Ärzte, drei Krankenschwestern und Mary-Ann hier.
“Ihr müsst mir helfen, die Leute hier rauszukriegen, damit ich mein Mittel spritzen kann”, flüstert Mary-Ann, “freiwillig gehen sie nicht.”
Gesagt getan.
“Sie müssen das Haus jetzt verlassen”, versucht es Henry zunächst auf diplomatischem Weg, “ein Feuer ist ausgebrochen.”
“Darum wird sich die Feuerwehr schon kümmern”, antwortet einer der Ärzte unbeirrt, “wir müssen unsere Forschung fortsetzen. Was hier gerade passiert, müssen wir dokumentieren. Es ist eine unschätzbar wertvolle Entdeckung.”
Henry versucht es zunächst weiter, indem er an die Vernunft plädiert und den Anwesenden klar zu machen versucht, dass niemand von ihren Forschungsergebnissen erfahren wird, wenn sie dem Feuertod erliegen, aber auch diese Argumente zeigen keine Wirkung. Unbeirrt gehen die Ärzte weiter ihrer Arbeit nach.
“Worte sind hier nutzlos, Dr. Jones”, wende ich ein und lasse Taten folgen. Ich greife einen der Ärzte und hiefe ihn auf meine Schultern. Zu meiner Überraschung leistet er nicht den geringsten Widerstand. Ich werfe Henry einen auffordernden Blick zu. Auch er schnappt sich einen der anwesenden Ärzte, auch dieser lässt es einfach über sich ergehen. Der Rauch im Erdgeschoss ist dichter geworden, doch es gelingt uns, die beiden ohne nennenswerte Schwierigkeiten ins Freie zu bringen. Auch den dritten Arzt und die Krankenschwestern können wir bergen. Als ich ein viertes Mal ins Haus gehe, um Penny zu holen, züngeln bereits kleine Flammen durch die Ritzen der Kellertür. Ich muss mich beeilen, wenn ich hier rauskommen will, bevor das Feuer das Erdgeschoss erreicht. Der Rauch liegt nun auch im Obergeschoss schon sehr dicht. Im Krankenzimmer angekommen fällt mein Blick auf Blakely. Unmöglich, ihn zu evakuieren. Der Plan des Lords scheint aufzugehen.
“Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann, Mr. Blakely”, sage ich. Irgendwo in diesem “Futtersack” für Ghadamons Brut, davon bin ich überzeugt, kämpft noch ein Mensch um sein Leben, das zu retten ich mich nicht im Stande sehe.

‘Es gibt einen Weg’, meldet sich Dr. Krebs in meinen Kopf, ‘du und deine Freunde, ihr braucht alle Bilder.’
Also doch – die Bilder sind der Schlüssel.
“Kommen Sie, Penny, wir müssen gehen.” Widerstandslos lässt sie sich von mir aus dem Raum bringen. Die Treppe knarrt verdächtig unter meinen Füßen. ‘Lange wird das nicht mehr halten’, überlege ich und wie um meine Vermutung zu bestätigen bricht direkt unter mir die Stufe entzwei. Ich spüre die Hitze der züngelnden Flammen, die gierig an meinen Stiefeln lecken. Schnell ziehe ich meinen Fuß aus wieder hinauf und spute mich, mit Penny ins Freie zu kommen. Sie ist völlig erschöpft und redet wirr. Ich überlasse sie der Obhut der Sanitäter und Ärzte. Auch die Feuerwehr ist inzwischen eingetroffen. Der Hauptmann spricht mit dem Lord über den Stand der Dinge, während die Schläuche ausgerollt und die Pumpen angeschlossen werden. Ich wasche mir am Brunnen den Ruß aus dem Gesicht.
“Hier ist noch jemand”, höre ich eine der Feuerwehrleute rufen, “aber der ist so schwer, dass wir ihn nicht die Treppen hinunter bringen können. Wir brauchen einen Kran.”
Ich registriere aus dem Augenwinkel ein mir bekanntes, davon fahrendes Automobil. Miss Bancrofts Interesse an unseren Aktivitäten scheint groß zu sein, es fragt sich nur, aus welchem Grund. Versucht sie mit ihren Freunden das, was da über Blakelys Leib in unsere Welt zu kommen versucht, zu beschützen oder zu verhindern, dass es in die Welt kommt? Das gilt es herauszufinden.

Beim 5 o’clock Tea in Halten House werden die Ereignisse des Tages besprochen. Wir überlegen, was als nächstes zu tun sei. Ich beharre darauf, dass wir alle fünf Bilder benötigen. Meine Freunde (?) fragen mich, wie ich darauf kommen. Ich verweise sie auf ein Bauchgefühl, aber sie scheinen es mir nicht ganz abzunehmen. Vor allem Henry betrachtet mich mit einer gewissen Mischung aus Skepsis und Sorge. Er ahnt vermutlich, dass ich nicht alles preisgebe, das mich treibt, doch er belässt es dabei und drängt mich nicht zu einer Antwort. Ich würde ihm gerne mehr erzählen, aber ich würde es nicht einmal wagen, Mycroft in diese Geheimnisse einzuweihen, wenn er hier wäre. Der Mi-Go sitzt mir sprichwörtlich im Nacken. Zwar konnte ich mir in den letzten Tagen erfolgreich einreden, dass die Vereinbarung, die ich mit Dr. Krebs getroffen habe, und die daraus resultierende geistige Verbindung, sich durchaus auch zu meinem Vorteil nutzen ließe, doch fürchte ich nun auch zunehmend seine Macht. Ich fühle mich zerrissen. Ich weiß nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist.

Ich werfe die Idee in den Raum, eventuell die Polizei über die offene Abneigung Miss Bancrofts gegenüber Adrian Stimson zu informieren. Vermutlich befindet sich „Der junge Yuggoth“, das Bild aus Blakelys Traumwelten-Zyklus, das für mich, oder besser für Dr. Krebs, von größter Bedeutung ist, nun in ihrem Besitz. Das würde nichts bringen, meint Henry. Das Bild würde, wenn es dort von der Polizei wirklich gefunden würde, mit Sicherheit als Beweismaterial beschlagnahmt und somit für uns erst recht unerreichbar werden. ‚Vielleicht sollten wir bei der Bancroft einbrechen und uns die Bilder einfach holen‘, überlege ich, doch ich spreche diesen Gedanken nicht aus. Meine Moralvorstellungen stehen mir im Weg. Anderseits… gehen nicht all die Werte, die mir seit frühester Kindheit vermittelt wurden und über die ich mich solange ich denken kann identifiziert habe – Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Entschlossenheit, Zielstrebigkeit, Besonnenheit – ohnehin gerade den Bach hinunter? Ich versinke in Selbstzweifel und stelle wieder einmal den Sinn meiner Existenz und meine Daseinsberechtigung in Frage. Meine Schuldgefühle und Versagensängste haben mich voll im Griff und ich registriere nur nebenbei, dass Mary-Ann Henry bittet, sich sein Bild „Dämmerung über Halifax“ auch einmal ansehen zu dürfen. Henry gewährt ihr diesen Wunsch, jedoch nicht, ohne gewisse Vorkehrungen zu treffen. Mit Älterem Zeichen, dem Henkelkreuz und einer mit dem Krux Ansantas verstärkten Schutzrobe ausgestatte, begibt sich Mary-Ann in die Bibliothek, um das Gemälde zu betrachten. Details dieser Begebenheit entziehen sich meiner Kenntnis. Ich bin zu sehr mit mir selbst beschäftigt.