被害妄想狂 Higai Mōsō Kyō – Paranoia
Beim Durchblättern der Tageszeitung entdecke ich einen Artikel, der mir überhaupt nicht in den Kram passen will. Er berichtet von einem astronomischen Phänomen, einem langanhaltenden Lichtstrahl aus den Tiefen des Weltalls, der im Severn Valley niederging und von dort in einer Parabelkurve über Winchester hinweg bis nach Curdridge geleitet wurde. Die Wissenschaft tappt im Dunkeln und kann sich nicht erklären, was man da beobachtet hat, aber ich habe sofort die Ahnung, dass mein Vertragspartner hinter dieser ungewöhnlichen Erscheinung steckt. Nur warum hat er mich auf dem Umweg über das Severn Valley nach Hause geschickt?
Aus den Berichten und Erzählungen meiner Freunde weiß ich, dass Dr. Krebs in der Mine in den Devil Steps, wo sie ihn aufgespürt hatten, eine Forschungseinrichtung betrieben hat. Sie hatten auch erwähnt, dass der Mi-Go dort offenbar auch mit künstlichen Menschen experimentierte. Im Anbetracht dieser Einsicht und der Tatsache des mysteriösen Verschwindens der Narbe auf meinem Unterarm kommt mir ein seltsamer Gedanke.
‘Nein, das ist zu weit hergeholt’, versuche ich mir einzureden, ‘deine Phantasie geht gerade mal wieder mit dir durch.’ Doch ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ich lese mir den Artikel noch einmal durch, dann noch einmal, immer und immer wieder. Bei der Vorstellung mit diesem oder vielleicht sogar als dieser Lichtstrahl auf die Erde zurückgekehrt zu sein, wird mir ganz schwindlig. Es ist kaum denkbar, dass ein menschlicher Körper eine solche Reise ohne jegliche Schutzmaßnahmen überstehen kann. Beim Ritt auf dem Byakhee hat mich der Weltraummet geschützt, aber für meine Rückreise stand mir dieses Elixier nicht zur Verfügung.
‘Bin ich wirklich noch in meinem Körper oder ist mir im Severn Valley eine Erneuerung meiner Physis widerfahren?’, überlege ich. Und was ist mit meinen Gedanken? Denke und handle ich wirklich noch immer nach meinem eigenen Willen oder sitzt da bereits jemand anderes am Steuer? Meine Erinnerungen, meine Gefühle – gehören sie wirklich mir? Sind sie echt oder werden sie mir nur vorgespielt? Je länger ich darüber nachdenke, desto verwirrter werde ich. Neben meinen anderen Problemen steuere ich nun auch noch auf eine ausgewachsene Identitätskrise zu. Ich vermisse Mycroft. Ihm könnte ich mich, bis zu einem gewissen Grad, anvertrauen und er könnte mir sagen, ob ich noch der bin, der ich war, oder wie viel davon.
“Lady Almina hat angerufen. Am Bryanston Square ist etwas passiert. Wir sollen sofort kommen”, verkündet der Lord in die Runde und reißt mich aus meinen Gedanken.
‘Jetzt wird es interessant, geh da mal mit’, flüstert es verheißungsvoll in meinem Kopf.
‘Guten Morgen, Dr. Krebs’, begrüße ich den Mi-Go, ‘amüsiert Ihr Euch über meine profanen, menschlichen Sorgen?’
Er bleibt mir die Antwort schuldig, aber ich meine ein fernes, hämisches Kichern zu vernehmen. Ich mache mich mit meinen Freunden auf den Weg zum Bryanston Square, nicht, weil Dr. Krebs es mir empfohlen hat, sondern weil ich selbst neugierig bin – zumindest glaube ich das.
Lady Almina ist völlig aufgelöst, als wir das Hospital erreichen. Nicht nur, dass es dem Patienten in keiner Weise besser geht – zu allem Überfluss sind in der letzten Nacht Fremde in das Haus eingedrungen. Das, was da im Krankenbett im Hospital am Bryanston Square vor sich hin vegetiert, erinnert nicht einmal im Ansatz mehr an etwas Menschliches. Es ist vielmehr ein aufgedunsener blau-schwarz verkrusteter Klumpen. An seinem Bett sitzt eine junge Frau, die sich sorgenvoll um ihn bemüht und ihn wäscht. Der Arzt, der Blakely betreut, ist fasziniert von dieser Transformation. Ich hingegen halte den Anblick dessen kaum aus und wende mich nach kurzer Zeit angewidert ab. ‘Ist das das Experiment, das Eure Konkurrenz zu sabotieren versucht?’, frage ich stumm meinen unsichtbaren Begleiter. Dieser aber hält sich bedeckt.
‚Wartet es ab’, schnarrt er kichernd.
Der Wachmann, der einzig dafür abgestellt wurde, Blakelys Krankenzimmer zu bewachen, ist kreidegleich und fassungslos, nicht, wegen Blakelys Zustand, sondern wegen des nächtlichen Einbruchs. Das, was heute Nacht versucht hat, zu Blakely vorzudringen, war nicht menschlich, erklärt er mit halb erstickter Stimme. Das, was er da stotternd beschreibt, könnte ein Tiefes Wesen gewesen sein. Als es auftauchte, erzählt der Mann weiter, hätte er nicht gezögert, seine Waffe gezogen und es zur Strecke gebracht. Es kam in Begleitung eines Mannes in Mantel und Hut, der aber entkommen konnte. Sie hatten das Schloss der Haupteingangstür geknackt und sich so Zutritt verschafft.
Der Lord lobt den Einsatz des Mannes und fragt, wo der Eindringling nun sei.
“Im Keller”, antwortet der Wachmann, “es löst sich auf.”
Ich begleite den Lord in den Keller. Auch Mare gesellt sich zu uns. Im Schein der Taschenlampe lässt sich unter einer Decke eine grob humanoide Gestalt erkennen. Während der Lord und ich zögern, geht Mare selbstbewußt auf das Bündel zu, hebt die Decke an, wirft eine Blick darunter und bestätigt souverän unsere Vermutung. “Es war ein Tiefes Wesen”, verkündet sie.
Der Lord will, dass das Geschöpf so schnell wie möglich verschwindet und jegliche Spuren beseitigt werden. Der Leichnam soll heute zu nächtlicher Stunde in der Themse verklappt werden.
“Was will ein Tiefes Wesen hier”, überlege ich laut, während wir die Kellertreppe wieder nach oben steigen. Der Lord äußert die Vermutung, dass sie in diesem Fall unsere Verbündeten seien und dass sie gekommen sind, um das Blakely-Ding zu vernichten. Als Carla diese Vermutung vernimmt, widerspricht sie vehement und energisch. Beide sind noch immer in eine hitzige Diskussion vertieft, als wir bereits wieder vor dem Hospital auf dem Bryanston Square stehen. Eigentlich wollten wir jetzt diesen Jacob suchen, in dessen Besitz sich “Dämmerung über Halifax” befinden soll, doch die Debatte zieht sich end- und ergebnislos hin.
“Odawara hyōjō”, murmle ich etwas genervt, als mir ein Automobil auf der anderen Straßenseite auffällt, an dessen Steuer ich den bebrillten Mann registriere, der mir gestern in Miss Bancrofts Kommune begegnet war. Neben ihm sitzt der junge Draufgänger. Offenbar beobachten sie uns.
“Wir sollten gehen, wir werden beobachtet”, versuche ich meine Freunde zu warnen, aber sie sind noch immer am debattieren und hören mich nicht. “Lasst uns gehen”, sage ich nun etwas energischer und verschaffe mir damit etwas Aufmerksamkeit. Leiser mit einem leichten Nicken in Richtung des Wagens von Miss Bancrofts mutmaßlichen Vasallen füge ich hinzu: “Wir sind nicht allein.”
Carla und der Lord beenden nun schließlich ihre Diskussion und wir machen uns auf den Weg, um Jacob zu finden. Wir erreichen die Kunsthalle, deren Adresse Mrs. Briggs dem Lord genannt hatte, etwa um die Mittagszeit. Die Armut ist hier allgegenwärtig. Es dauert nicht lange, bis wir von einer Gruppe Herumlungernder angesprochen und nach dem Grund unseres Besuches gefragt werden. Der Lord erklärt ihnen, dass wir nach Jacob suchen würden.
“Wir sind hier alle Jacob”, antwortet einer der Männer, “da müssen Sie schon etwas präziser werden.”
Der Lord erklärt weiter, dass wir auf der Suche nach dem Bild “Dämmerung über Halifax” seien.
“Kann sein, dass ich darüber etwas weiß”, antwortet der Mann, “vielleicht aber auch nicht.”
Klingende Münze, die der Lord ihm anbietet, hilft seinem Gedächtnis jedoch schnell auf die Sprünge und er verläßt uns mit dem Versprechen, den Jacob, nach welchem wir suchen, für uns ausfindig zu machen. Ein anderer der Männer aus der Runde fragt, ob sie uns noch anderweitig helfen könnten. “Was den Kunstmarkt betrifft, wir haben hier wirklich alles”, behauptet er.
Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu.
“Wirklich alles?”, frage ich.
“Wirklich alles – und wenn nicht, können wir es besorgen”, beharrt er weiter, “suchen Sie nach etwas bestimmten?”
Ich beschließe, den Mann auf die Probe zu stellen.
“Makura-e”, antworte ich. Ich glaube nicht, dass die erotischen Holzblockdrucke aus der Edo-Epoche, derer auch große Meister wie Kuniyoshi und Isshō einige schufen, ausgerechnet hier in London zu finden sein sollten. Seit der Meiji-Restauration sind diese Werke in Japan offiziell verboten, jedoch wurde der Verkauf und die Herstellung der “Kopfkissenbilder” oder auch “Frühlingsbilder” (Shunga) in kleinem Rahmen geduldet. Seit einiger Zeit aber steht nicht nur die Produktion und der Handel, sondern selbst der Besitz dieser Bilder in Japan unter Strafe. Als das neue Gesetz 1910 in Kraft trat, wurden viele Werke dieser Art im großen Stile vernichtet.
Der Mann mustert mich mit einem subtil amüsierten Grinsen.
“Wir haben da gerade etwas rein bekommen, eine kleine Sammlung, aber zugegeben, etwas eigen. Ich weiß nicht, ob es ihren Geschmack trifft”, raunt er mir zu, “folgen Sie mir, bitte.”
Die Tatsache, dass er scheinbar weiß, wovon ich spreche, macht mich neugierig. Natürlich kann das alles auch nur ein Trick sein, um mich von den anderen zu isolieren, meldet sich meine Paranoia zu Wort. Ich taste nach meinem Tantō und bleibe wachsam, während ich dem Mann nachgehen, doch meine Sorge scheint unbegründet. Tatsächlich will er mir nur etwas verkaufen. Als ich die Bilder sehe, verstehe ich, was er mit “etwas eigen” gemeint hat. Es handelt sich um eine siebenteilige Sammlung von erotischen Holzdrucken, welche die Liebe zwischen Männern thematisiert. Als Urheber erkenne ich in der Signatur der Grafiken den Namen Kunisada, ein Schüler und später großer Meister des Utagawa-Stils, einer der berühmtesten Kunstschulen des alten Edo.
Siebzig Pfund möchte der Mann für die gesamte Sammlung haben. Es juckt mir wirklich in den Fingern, diese Bilder zu erwerben, doch ich überlege noch einen Augenblick, ob ich wirklich bereit bin, soviel Geld dafür auszugeben. In Anbetracht der Tatsache aber, dass es sich hier um rare und verbotene Werke vom anderen Ende der Welt handelt, erscheint mir der Preis jedoch mehr als angemessen.
Als ich mit meinem sorgsam verpackten Kauf wieder zu meinen Freunden zurückkehre, kehrt gerade der Mann zurück, der versprochen hatte, sich für uns auf die Suche nach dem von uns gesuchten Jacob zu machen.
“Ich habe ihn gefunden”, sagt er und weist uns den Weg zu einem Treppenaufgang. Wir würden Jacob in der dritten Etage finden. Ich warte vor dem Aufgang, während die anderen Jacob aufsuchen wollen.
Nach einer Weile kommen sie zurück. Es war der richtige Jacob. Er besitzt tatsächlich das Bild “Dämmerung über Halifax”. Jacob ist eigentlich Gärtner und er wünscht sich für sich und seine kleine Tochter einen Weg heraus aus dem Elend, in dem sie zur Zeit leben müssen. Der Lord hat ihm versprochen, ihm eine Anstellung in Winchester zu besorgen, im Gegenzug will Jacob ihm das Bild überlassen. Bis morgen sollten sich die Formalitäten regeln lassen, meint der Lord. Bis dahin soll ein Wachposten zum Schutz des Bildes abgestellt werden. Der Lord möchte kein Risiko eingehen, dass das Bild verloren gehen könnte.
Wir haben noch ein weiteres Ziel. Mare hatte von Adrian Stimson erfahren, dass Blakely sich mit einem Buch befasste, das den Titel “Das Buch Eibon” trägt. Vielleicht finden sich darin Hinweise, wie Blakely zu dem geworden ist, was er jetzt ist. Es gibt noch ein zweites Buch ohne Titel, das Blakely von Stimson geliehen hatte. Mare hatte vorgeschlagen, in Blakelys Atelier zurückzukehren und dort nach den Büchern zu suchen. Der Lord empfiehlt sich. Er möchte mit Mary-Ann ihre Forschungsergebnisse besprechen. Ich begleite Henry und die Ladies.
In Blakelys Atelier, das ich heute zum ersten Mal besuche, beginnen wir, den Raum nach verborgenen Verstecken zu durchsuchen. Wir entdecken eine lose Diele, unter welchen sich ein Hohlraum befindet. Doch ein Buch finden wir hier nicht. Nur zwei Bahnen aus schwarzem Stoff liegen zerknüllt in dem Versteck. Jemand ist uns zuvor gekommen. Mare schaut wütend in die Runde.
“Das war Stimson!”, ist sie überzeugt. Sie will zu ihm fahren und ihn zur Rede stellen.
Als wir Stimsons Anwesen erreichen und läuten, öffnet niemand. Die Haustür ist geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Vorsichtig öffnen wir die Tür. Es liegt ein verdächtiger, eisenhaltiger Geruch in der Luft. Wir alle sind spürbar verunsichert.
“Mister Stimson?”, ruft Mare, doch niemand antwortet. Vielleicht ist etwas passiert.
Vorsichtig gehen wir ins Haus. Als wir an der Küche vorbei kommen, finden wir die Haushälterin in einer Lache aus ihrem eigenen Blut liegend. Jemand hat ihr brutal die Kehle durchschnitten.
Die beklemmende Szene hält uns nicht auf, weiter nach Adrian Stimson zu suchen. Wir finden ihn schließlich in einem Lehnstuhl sitzend in seiner Bibliothek. Er hat uns den Rücken zugewandt.
“Mr. Stimson?”, fragt Carla vorsichtig, doch es folgt keine Reaktion.
Als wir näher gehen, um uns ein klareres Bild von der Situation machen zu können, müssen wir feststellen, dass Adrian Stimson uns keine unserer Fragen mehr beantworten wird. Schreckensgeweiteten, leeren Blickes sitzt er in seinem Lehnstuhl und atmet nicht mehr. In seinem Mund stecken Buchseiten aus einem russischen Roman. Offenbar ist er damit erstickt worden. Das Bild “Der junge Yuggoth” ist verschwunden und die Bibliothek wurde durchwühlt. Ob der oder die Einbrecher aber alles gefunden haben, was sie suchten, erschließt sich uns nicht. Vermutlich haben sie nach dem Buch oder den Büchern gesucht, denen auch wir hinterher sind, und vermutlich ist, wer immer auch immer hier gewütet hat, auch für den Einbruch in Blakelys Atelier verantwortlich. Nur mit welchem Ziel?
Was für ein Disaster. Ich ärgere mich jetzt noch mehr, dass ich gestern nicht meiner ersten Intuition gefolgt bin und Mare hierher begleitet habe. Ich habe eine Vermutung, wer hinter diesem Chaos stecken könnte. Miss Bancrofts hat aus ihrer Abneigung gegen ihn keinen Hehl gemacht, aber zwei Morde für ein Bild? Das traue ich ihr eigentlich nicht zu. Ich habe die vage Vermutung, dass neben uns, Stimson und Miss Bancroft noch eine vierte, möglicherweise auch noch eine fünfte und sechste Partei in diese Angelegenheit verwickelt ist. Die Sache wird jedenfalls immer vertrackter. Wir müssen eine Lösung finden, und zwar schnell.
Zum Fünf-Uhr-Tee sind wir zurück in Halton Haus. Der Lord wirkt sehr zufrieden. Offenbar hatte Mary-Ann gute Nachrichten für ihn. Die Nachrichten die wir hingegen mitbringen, sind nicht gerade erfreulich, doch scheinen sie ihn anzuspornen, seinen Plan, Blakley und der außerirdischen Brut, die in ihm heranwächst, ein Ende zu setzen. Mary-Ann berichtet, dass sie ein Mittel gefunden zu haben glaubt, dass Blakely entweder heilt, oder ihn umbringt. Kühl und nüchtern erklärt Mary-Ann die biochemischen Prozesse, die sie untersucht und beobachtet hat. Ich verstehe nicht einmal die Hälfte, von dem, was sie erzählt. Klar ist aber, dass, wenn jemand das Mittel zu verabreichen möchte, man dafür sorgen müssten, dass die Ärzte und Schwestern, die Blakely rund um die Uhr betreuen und behüten, das Krankenzimmer verlassen. Das wird nicht einfach, denn sie allesamt sind überaus fasziniert, geradezu besessen, von Blakely, weniger als Patient, den es zu heilen gilt, vielmehr als Objekt ihrer Wissbegierde, das sie freiwillig nicht aus den Augen lassen würden.
Die Diskussionen meiner Freunde sind, wie üblich, sehr laut. Mir beginnt nach einer Zeit der Kopf zu schwirren. Die Aufregungen des Tages fangen an, sich bemerkbar zu machen und beginnen, an meinen ohnehin zur Zeit schwachen Nerven zu nagen. Ich brauche frische Luft. Von meinen Freunden unbeachtet gehe ich nach draußen.
Die kühle Vorabendluft beruhigt mich und lässt mich etwas klarer denken. Der Lord, er strahlt wieder diese menschenverachtende Kälte aus und mich beschleicht wieder diese diffuse Furcht vor seiner Unberechenbarkeit. Eine Zigarette rauchend denke ich darüber nach. Er neigt dazu, Probleme einfach zu vernichten und aus dem Weg zu räumen, wenn das möglich ist, eine Art Verdrängungstaktik. Eine Verarbeitung findet nicht statt. ‘Was, wenn es irgendwann dazu kommen sollte, dass er mich für ein Problem hält?’, überlege ich, ‘wird er mich dann auch einfach aus dem Weg zu räumen versuchen?’ Meine Zigarette ist erloschen. Als ich in meinen Taschen nach einem Feuerzeug taste, fällt mir ein kleines Stück Papier zwischen die Finger. Es ist die Visitenkarte von Inspektor Abberline.
Dr. Nidelven tritt vor die Tür.
“Ach, hier sind Sie, Mr. Okumura. Ich habe Sie gesucht.”
“Warum?”, will ich wissen.
“Wir haben heute noch einen Termin”, antwortet sie freundlich lächelnd.
“Ja richtig”, erinnere ich mich. Wir hatten gestern gemeinsam beschlossen, meine Therapie heute fortzusetzen.
“Ist alles in Ordnung?”, fragt sie besorgt.
“Ja”, antworte ich zunächst, gebe aber im nächsten Moment zu, dass ich mich geirrt habe.
“Nein, eigentlich nicht. Ich habe Angst und mache mir Sorgen”, gestehe ich ihr. Sie nickt verständnisvoll.
“Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen und dann mit den Übungen beginnen”, schlägt sie vor. Ich bin einverstanden.
Der Spaziergang durch den Garten von Halton House tut mir sehr gut. Es hilft mir ungemein, Dr. Nidelven von meinen Bedenken gegenüber dem Lord zu erzählen. “Ich weiß nicht, ob es von mir ausgeht oder von ihm”, sage ich, “aber ich fühle mich zunehmend unwohl in seiner Gegenwart.”
Die Ki-Arbeit, die ich im Anschluss an den Spaziergang mit Dr. Nidelven übe, zeigt heute gute Wirkung. Ich komme sehr nah an meine Gefühle heran und es gelingt mir, den Punkt zu erkennen, an dem ich die Kontrolle über meine Emotionen verliere und sie stattdessen mich zu kontrollieren beginnen.
“Wenn es Ihnen gelingt, diesen Punkt zu umschiffen oder umzuwandeln, erlangen Sie die Kontrolle zurück”, erklärt Dr. Nidelven, “es ist ein Prozess. Das lösen Sie nicht von heute auf morgen. Sie müssen ständig an sich arbeiten, wenn es dauerhaft Erfolg haben soll.” Das leuchtet mir ein. In der Kampfkunst ist es nicht anders.
Während meine Freunde sich nach dem Abendessen bei Gin und Tabak entspannen, suche ich Erholung in der Kampfkunst. Es ist schön, dass es nun langsam wieder wärmer wird und ich meine Übungen im Freien vollziehen kann. Im Anschluss besuche ich noch einmal mein Haus in der Canon Row. Die drei Räume im Obergeschoss sehen bereits weitgehend fertig aus. Heute haben sie begonnen, die Wände im Erdgeschoss zu versetzen. Auch die Trainingshalle nimmt langsam Gestalt an. Ich muss noch für eine Kamiza sorgen, eine Art kleiner Schrein, welcher der Gottheit geweiht ist, die das Dōjō bewohnt und beschützt. In jedem Dōjō wohnt eine schutzbringende Gottheit und auch das meine soll einer solchen geweiht werden.









