Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

曙光にリレイ (Shokō ni Rilei) – R’yleh im Morgenlicht

Ich erwache auch heute ungewöhnlicher Weise in der Morgendämmerung. Die Verbindung zu meiner Königin scheint geschwächt zu sein. Einerseits bedauere ich das, andererseits scheint es mir aber auch ganz gut zu tun, am “normalen” Alltag teilzunehmen und im Rhythmus der Allgemeinheit zu Schwingen. Die Zeit wird kommen, da ich die Nacht und die Sterne wieder zu meiner Domäne erklären werde, nur im Augenblick liegen andere Dinge vor mir.

Beim Frühstück unterhalten sich meine Freunde über das Werk von Nelson Blakely, insbesondere über die Bilder seiner letzten Periode, seinen Traumweltzyklus. Neben dem unvollendeten Werk, das meine Freunde aus dem Atelier des Künstlers geborgen haben, existieren noch vier weitere Bilder aus dieser Serie. Ihre Titel lauten “R’yleh im Morgenlicht”, “Dämmerung über Halifax”, “Der junge Yuggoth” und “Schicksal”. Den Verbleib dieser Bilder – bis auf das Werk “Schicksal”, konnten meine Freunde durch Recherchen bereits erfolgreich in Erfahrung bringen. “R’yleh im Morgenlicht” befindet sich im Besitz einer Kunstliebhaberin in White Chapel. Ihr Name ist Evelyn Bancroft. “Der junge Yuggoth” wurde von einem gewissen Adrian Stimson erworben, “Dämmerung über Halifax” soll sich im Besitz eines Ehepaar mit dem Namen Briggs befinden. Die Adresse ist auch hier bekannt. “Schicksal” befand sich im Besitz des Millionärs Statler, der vor einigen Monaten bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Das Bild, das Teil der Erbmasse war, wurde einer kleinen, aber exklusiven Galerie vermacht. Der Lord und Lady Almina haben bereits eine Liste von in Frage kommenden Orten zusammengestellt. Henry erklärt sich bereit, die Galerien im Laufe des Vormittags anzurufen und herauszufinden, ob eine von ihnen im Besitz von “Schicksal” ist.

Der Lord macht den Vorschlag, dass wir uns gruppenweise auf den Weg zu den anderen Bildern machen. Er selbst will das Ehepaar Briggs aufsuchen. Mare gedenkt, Adrian Stimson und “Der junge Yuggoth” einen Besuch abzustatten. Carla und Dr. Nidelven wollen Miss Bancroft in White Chapel besuchen. Ich erwäge zunächst, Mare zu begleiten. ‘Ihr werdet zu Yuggoth reisen’, erinnere ich mich an die Worte meines Vertragspartners. Wie ich das anstellen soll, hat er mir nicht verraten, aber vielleicht liegt die Lösung näher, als es scheint. Als Carla jedoch Bedenken äußert, nur in Begleitung von Dr. Nidelven nach White Chapel zu fahren – immerhin ist es keine besonders gute Gegend – und den Lord bittet, sie zu begleiten, ändere ich meine Pläne. Wenn es hart auf hart käme, wäre der Lord für die Damen keine große Hilfe. Also erkläre ich mich bereit, den Damen Geleitschutz zu gewähren. Mein Schwert lasse ich in Halton House – ich will niemanden unnötig provozieren und wenn es drauf ankommt, weiß ich mich auch ohne Waffen zu verteidigen – doch ich trage ein Tantō verborgen unter meinem Hakama zur Sicherheit bei mir.

Wir erreichen die Adresse, unter welcher wir Miss Bancroft anzutreffen hoffen, ohne Zwischenfälle. Wir stehen vor einem dreistöckigen Gebäude. Im Parterre befindet sich eine Werkstatt für Automobile. Eine Außentreppe führt zu einer Eingangstür in der ersten Etage. Wir steigen die Stufen der Stahlkonstruktion hinauf. Carla läutet. Es dauert nicht lange, bis wir von der anderen Seite eine Stimme vernehmen.
“Wer ist da?”
“Hier ist Carla di Fiona”, antwortet Carla, “ich interessiere mich für eines Ihrer Bilder, ein Werk von Nelson Blakely, und würde es gerne einmal sehen. Gewähren Sie uns diese Möglichkeit?”
Die Tür öffnet sich. Eine hochgewachsene, elegante Dame in den Fünfziger Jahren erscheint im Türrahmen.
“Miss di Fiona, welch eine Ehre. Ich bin eine große Bewunderin ihrer Kunst. Wer sind Ihre Begleiter?”
Carla stellt uns vor, Dr. Nidelven als eine Freundin, mich als ihren Begleitschutz. Unsere Namen nennt Sie Miss Bancroft nicht, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Miss Bancroft lädt uns von ausschweifenden Gesten begleitet wortreich in ihr Haus ein. Sie beginnt sofort angeregt, sich mit Carla zu unterhalten. Sie führt uns in eine große Halle, wo sie uns in einer Sitzecke Gin anbietet. Ich verzichte dankend. Ich will einen klaren Kopf behalten, bis die Damen wieder sicher zu Hause sind.
Während Carla und Dr. Nidelven angeregt mit Miss Bancroft austauschen, behalte ich die Umgebung im Auge. Miss Bancroft gibt sich divenhaft. Dramatisch lässt sie sich über einen gewissen Adrian Stimson aus, den sie als “schwarzen Dämon” bezeichnet, ein finsterer Geselle der Kunstszene. Offenbar sind die beiden Konkurrenten. Eine Dame in einem schwarzen Samtkleid mit einer weißen Langhaarkatze auf dem Arm, gesellt sich zu uns. Miss Bancroft begrüßt sie herzlich. “Hallo, Liebes, setz dich zu uns.”
Die Katze beäugt mich interessiert.

Nach einer Weile allgemeinen Palavers über die moderne Kunst- und Musikszene, lenkt Carla das Gespräch auf den eigentlichen Grund unseres Besuches. Miss Bancroft ist begeistert, dass eine berühmte Sängerin wie Carla di Fiona sich für ihre Kunstsammlung interessiert und erklärt sich gerne bereit, uns das Bild zu zeigen. Sie schwärmt von Blakelys Kreativität und der Intensität seiner Werke, vor allem seiner “Traumwelten”. Sie würde ihre Sammlung nur zu gerne erweitern, doch sie wisse nicht, wie sie an die Bilder herankommen kann. Eines befände sich ja im Besitz dieses Teufels Stimson, erklärt sie aufgebracht, aber der wolle es nicht verkaufen.

“R’yleh im Morgenlicht” befindet sich in einem Nebenraum. Ich verzichte darauf, mir das Bild anzusehen und warte lieber vor der Tür, während Carla und Dr. Nidelven das Werk begutachten wollen.

An der Wand lehnend verharre ich in Wachsamkeit, während ich auf die Rückkehr der Damen warte. Ich bin etwas angespannt und nervös, was sich noch verstärkt, als zwei Männer in meine Richtung kommen, ein etwas älterer mit einer runden Brille in einen schlichten Anzug gekleideter und ein draufgängerischer, kräftiger junger Bursche. Der Ältere bleibt vor mir stehen und betrachtet mich wortlos. Ich nicke ihm höflich zu und wünsche ihm einen guten Tag, doch er hört nicht auf, mich anzustarren.
“Ist was?”, frage ich nach einer Weile ziemlich barsch. Instinktiv bringe ich mich in eine kampfbereite Position.
“Ey, da will einer Ärger”, pöbelt der jüngere von hinten.
“Ich will keinen Ärger”, entgegne ich. Der Jüngere lacht verschmitzt. Ich fühle mich verspottet und kann nur mit Mühe einem Impuls widerstehen, mein verletztes Ehrgefühl zu verteidigen und dem Burschen eine Lektion zu erteilen.
Schließlich spricht auch der Ältere mit mir.
“Sind Sie eine Leibwache, Mister?”, fragt er.
Ich bestätige das.
“Ja, das ist richtig. Ich begleite zwei kunstinteressierte Damen.”
“Sie werden aber schnell nervös”, stellt er fest, “Sie haben wohl schlechte Erfahrungen gemacht?”
“Man kann nie wissen, an wen man gerät“, erwidere ich.
“Aber wir aus der Kunstszene sind doch keine Bedrohung”, meint er lächelt.
“Ich wirke bedrohlich auf Sie?”, frage ich ruhig.
“In der Tat”, antwortet er, “sind Sie ein Krieger?”
“Mache ich diesen Eindruck auf Sie?”
“So ist es.”
“Sie liegen richtig.”
Wieder mustert er mich eingehend.
“Befassen Sie sich mit Magie?”, möchte er nach einer Weile weiter wissen.
Ich zögere, bevor ich antworte.
“Ich bin im Moment nicht in der Verfassung, darüber zu sprechen, aber ja”, erkläre ich schließlich. Der Mann lächelt zufrieden.
Bevor er mich mit weiteren Fragen löchern kann, kommt Miss Bancroft zusammen mit Carla und Dr. Nidelven zurück. Carla sieht sehr blass aus.
“Ah, ihr habt euch bereits kennengelernt”, merkt Miss Bancroft erfreut an, als sie meiner im Gespräch mit diesem Mann gewahr wird.

Auf dem Weg zurück nach Halton House berichten mir die Damen von dem Bild. Dr. Nidelven erzählt, dass Carla beim Betrachten des Bildes irgendwie dort hinein gezogen worden wäre. Carlas Gestalt hätte vor ihren Augen begonnen, durchsichtig zu werden, als wäre sie dabei gewesen, sich aufzulösen. Mit sanften und ruhigen Worten war es ihr gelungen, Carla in unsere Wirklichkeit zurück zu holen.

“Sie wirken auch etwas gestresst, Mr. Okumura”, meint sie nach einer Weile. Ich kann das nicht leugnen. Dr. Nidelven schlägt mir eine Therapie vor, bei der es darum geht, über den Atem Kontakt zu den eigenen Emotionen herzustellen und diese anzunehmen und auszuhalten, anstatt sie wegzudrücken oder auszuagieren. “Ich weiß aber nicht, ob diese Form der Therapie mit Ihrem Glauben vereinbar ist. Ich habe gehört, dass der Atem im Buddhismus eine besondere Rolle spielt.”

“Ich bin kein Mönch, sondern ein Krieger“, antworte ich ruhig, „wir nutzen auch im Budō die Kraft des Atems”, Ich erläutere Dr. Nidelven das Wesen des Kiai und die Bedeutung des Atems in der Kampfkunst. Interessiert lauscht sie meinen Ausführungen und wir einigen uns darauf, noch heute Nachmittag eine Therapiesitzung durchzuführen.