Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

帰りなん (Kaerinan) – Heimkehr (in die sehnlich vermisste Heimat)

Mein Körper fühlt sich steif an. Sämtliche Glieder schmerzen, sobald ich versuche, mich zu bewegen. In meinen Händen halte ich den Kristall von Dr. Krebs. Ganz deutlich spüre ich, wie die Energie des gläsernen Steins meine Fingerspitzen und Hände durchströmt. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf diese Energie. Ich lasse zu, dass sie sich in meinem Körper ausbreitet, die Arme hinauf über Schultern und Rücken durch meinen Nacken hinauf zu meinem Kopf, von wo aus sich der Energiestrom wie von selbst auch in die anderen Teile meines Körpers ergießt, und stelle mir mein Haus in Curdridge vor. Ich habe das Gefühl, dass ich geschrumpft und in mich zusammen gefaltet werde, bevor ich von einer unsichtbare Kraft rückwärts gezogen werde. Es fühlt sich unangenehm an, als zerrte mich etwas in rasender Geschwindigkeit durch einen sehr engen Tunnel.

Wenige Sekunden später schlage ich hart auf. Es riecht nach Reisstroh. Meine Hände betasten die raue Oberfläche der Tatami, auf denen ich gelandet bin. Ich öffne mühsam die Augen und erkenne im diffusen Zwielicht die massive Tür zum Schrein meiner Königin. Das silberne Zeichen, das den Eingang des Raumes vor fremden Mächten schützen soll, glänzt unversehrt auf dem dunklen Holz. Ich bin wirklich wieder zu Hause, so scheint es.

Ich fühle mich schwach, trotzdem versuche ich, aufzustehen, doch mein Körper versagt mir den Dienst. Erschöpft resigniere ich und gebe mich dem Verlangen meines Körpers nach Ruhe und Schlaf hin.

“Wach auf!“
Eine fremdartig zischenden Stimme weckt mich aus einer traumlosen Tiefe. Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Mein Körper weigert sich noch immer, die Hoheit meines Geistes zu akzeptieren. Halb ohnmächtig ob meiner Versuche, irgendwie auf die Beine zu kommen, sinke ich wieder in die Bewußtlosigkeit eines Erschöpfungsschlafs.

Wieder erwache ich, dieses Mal nicht, weil eine Stimme in meinem Kopf mich dazu zwingt, sondern weil ich von einen Durst getrieben werde, so stark, wie ich ihn bislang in diesem Leben noch nicht erfahren musste. Meine Glieder schmerzen nach wie vor, mein ganzer Körper ist völlig verspannt. Ich muss mich zusammenreißen und versuchen, nach oben zu kommen.

Sehr langsam, jede Regung von Schmerzen begleitet, bewege ich mich auf die Kellertreppe zu. Als ich die erste Stufe erreiche, steht mir bereits der Schweiß auf der Stirn. Selbst kleinste Bewegungen kosten mich heute viel Anstrengung. Langsam, Schritt für Schritt, schleppe ich mich die steile Treppe in den Wohnbereich hoch. Die Küche ist nicht weit von der Kellertreppe entfernt. Halb kriechend, halb auf dem Boden robbend, erreiche ich die Küche. Mühsam ziehe ich mich am Waschbecken hoch und öffne den Wasserhahn. Gierig trinke ich und ich spüre, wie das kühle Nass meinen Lebensgeister zurückkehren lässt. Die Sonne steht hoch am Himmel, Es dürfte etwa die Mitte des Tages sein, ich weiß nur nicht genau, welchen Datums.

Auch, wenn ich mich schon etwas besser fühle, bin ich weit von einem körperlichen Zustand entfernt, den ich als gut bezeichnen würde. Ich hocke neben dem Waschschrank an die Wand gelehnt auf dem Küchenboden und versuche, weiter zu Kräften zu kommen. Obwohl ich mindestens eine Woche – vermutlich sogar länger – an einem Stück geschlafen und geträumt habe, fühle ich mich sehr müde. Ich weiß nicht, was mir mehr zugesetzt hat – mein Aufenthalt in der Bibliothek oder die Art meiner Rückreise. Tatsächlich weiß ich nicht wirklich, was dabei genau passiert ist. Sicher ist nur, dass ich wieder auf der Erde bin (zumindest sieht es noch immer danach aus) und dass Dr. Krebs mit dieser Magie offenbar auch gleichzeitig eine telepathische Verbindung zu mir etabliert hat. Das überrascht mich nicht wirklich. Ein Mi-Go wird sich kaum die Mühe machen, mich persönlich aufzusuchen, um mir seine Befehle zu erteilen.

“Mr. Okumura, seit wann sind Sie zurück?”
Amanda sieht mich mit überraschtem, fast entsetztem Blick an.
“Seit letzter Nacht”, behaupte ich. Ich weiß selbst nicht, ob das stimmt. Es ist mir überaus unangenehm, dass Amanda mich in einem derart desolaten Zustand hier auffindet. Fast noch unangenehmer ist es mir, sie bitten zu müssen, mir die Treppen hinauf ins zweite Obergeschoss zu meinem Schlafzimmer zu helfen. Sie kommt meiner Bitte nach und ich bin ihr überaus dankbar dafür. Sie fragt, ob Sie den Ofen in meinem Schlafzimmer anheizen solle, was ich bejahe. Vermutlich hat sie mein fröstelndes Zittern bemerkt.

Während Amanda den Ofen anfeuert, spüre ich, wie ich mich nun, da ich zugedeckt auf meinem Futami liege, deutlich entspanne.

“Amanda, bitte schicken Sie ein Telegramm nach Highclere Castle zu Händen Lord Carnarvon, Henry Walton Jones und Mycroft Winterbottom”, bitte ich meine Haushälterin, “Inhalt: Ich bin zurück auf Curdridge Hill, Beste Grüße, Sanjuro.” Sie sagt mir zu, dieser Aufgabe nachzukommen.

Das Prasseln des Feuers im Ofen hat etwas Beruhigendes. Mein Zittern lässt nach, die Anspannung weicht. Ich fühle mich geborgen und sicher für diesen Moment, sicher genug, um nach langer Zeit wieder wirklich schlafen zu können.