Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

門おくぐる (Mon o kuguru) – Durch das Tor

Auch wenn ich keinen Hunger verspüre und nicht essen muss, um zu überleben, frühstücke ich heute sehr ausgiebig und genussvoll. Ich bitte den Gastwirt, mein Zimmer heute weiter für mich frei zu halten – ich würde heute Abend zurückkommen – und versuche den Weg nach Canas, in die Stadt der Schiffbauer, zu finden. Seit Canas vor nicht allzu langer Zeit seinen Standort gewechselt hat, habe ich es nicht mehr besucht. Es heißt, dass nur Seeleute den Weg dorthin finden können. Meine Zeit bei der Marine macht sich hier vielleicht bezahlt. In meinem Geist visualisiere ich den Leuchtturm von Canas, bewege mich auf ihn zu und stehe im nächsten Augenblick am Hafen der Schiffbauerstadt. Der Geruch des Meeres ruft facettenreiche Erinnerungen in mir wach.

Ich suche Esmes Laden auf. Dem Leguan scheint es nicht gut zu gehen. Er ist seltsam rötlich verfärbt und scheint zu schlafen. Ich betrete den Laden und Esme begrüßt mich freundlich.
“Schön Euch zu sehen. Wie kann ich Euch helfen?”
Ich erzähle Esme, dass ich voraussichtlich länger in den Traumlanden verweilen werde und frage sie nach Mitteln, die mir helfen können, meine Gesundheit zu erhalten. Sie überlegt kurz und holt dann einen kleinen Beutel hervor, den sie mir reicht. Der Beutel enthält Kräuter oder Blätter, die an Tannennadeln erinnern, nur sind die Nadeln kürzer und dichter, als ich es von Pflanzen aus der Wachwelt kenne. Sie verströmen einen bitterlich-süßen Geruch.
“Wenn ihr das zerkaut, wird eure Körperkraft gestärkt”, erklärt sie. Ein Silberstück kostet die Dosis. Ich bin einverstanden. Esme bedankt sich.
“Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?”, fragt sie.
“Vielleicht”, antworte ich, “ich suche einen Weg nach Hause.”
Esme ist irritiert.
“Wie meint Ihr das?”, fragt sie.
“Mein Körper ist an einem Ort, von dem ich nicht so ohne Weiteres entkommen kann”, erkläre ich.
“Das klingt nicht gut”, meint Esme, “was ist das für ein Ort?”
“Ein seltsamer Ort”, erkläre ich, “habt Ihr jemals von der ‘Bibliothek von Babel’ gehört?”
Esme zuckt mit den Schultern. “Nein”, sagt sie, “davon habe ich noch nie etwas gehört. Das klingt interessant und nach einem Ort der Weisheit.”
“Das ist es nicht. Weisheit findet man dort nicht. Dieser Ort enthält nur Unsinn. Das Schlimme ist, er zieht die Menschen, die dorthin gehen, so sehr in seinen Bann, dass sie vergessen, wer sie sind und woher sie kamen.”
Esme zieht nachdenklich die Stirn in Falten. “Dann ist es also ein verfluchter Ort”, stellt siesfest. Ich nicke zustimmend.
“Es tut mir leid, ich kann Euch im Moment nicht helfen, aber ich werde mich umhören und Euch Bescheid geben, wenn ich etwas erfahre, das Euch weiterhilft.”
“Danke, Esme, das weiß ich zu schätzen”, erwidere ich und verabschiede mich. Ich statte Schmied Etop noch einen kurzen Besuch ab. Er ist gerade mit der Fertigung diverser Schiffsteile beschäftigt.

Etwas später sitze ich nachdenklich am Hafen und beobachte die Schiffe. Was, wenn es keine Möglichkeit gibt, meinen Körper aus der Bibliothek zu befreien? Ich sollte mich auf diesen Fall einstellen. In der Tat könnte ich mir ganz gut vorstellen, den Rest meines Daseins in den Traumlanden zu verbringen. Wenn ich auf mich achte, mich nicht unmittelbar in Lebensgefahr begebe und stets bei Bewusstsein bleibe, kann ich das vermutlich noch eine ganze Weile fortführen. Eine Lösung auf Dauer ist es so, wie es jetzt ist, sicherlich nicht, aber es verschafft mir Zeit und ich bin bei klarem Verstand.

Die Sonne schickt sich an, im Meer zu versinken und ich mache mich auf den Weg nach Ulthar. Im Gasthaus werde ich erwartet. Der Lord sitzt bei einem Pilzbier an einem Tisch und sieht mich kühl und wartend an, als ich den Schankraum betrete. Ich ordere ebenfalls ein Getränk beim Wirt, der mich “Herzlich willkommen zurück” heißt, und setze mich zu ihm.
“Es gibt einen weiteren Toten auf Highclere Castle”, berichtet er, “der Byakhee war hinter Mycroft her.”
“Wie geht es ihm?”, frage ich.
“Er ist wohlauf und der Pakt mit dem König in Gelb wurde gebrochen”, antwortet er.
“Yokatta”, seufze ich erleichtert. Das sind gute Nachrichten, wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, dass die Sache schon ausgestanden ist. Die Aufkündigung des Bundes fand vermutlich nicht einvernehmlich statt und der König in Gelb sinnt sicherlich auf Rache. Ich glaube nicht, dass er einen Verräter einfach so ziehen lässt.
Der Lord fragt nun nach meinen Erlebnissen und ich berichte ihm alles, über meine Situation, dass ich nicht physisch hier bin und mein Körper noch immer in einer unendlichen Bibliothek auf einem weit entfernten Stern weilt. “Solange ich hier nicht sterbe, schlafe oder ohnmächtig werde, kann ich vermutlich hier bleiben.”
Der Lord sieht mich fragend an.
“Ich brauche keinen Schlaf”, erkläre ich, “in der Bibliothek spielen körperliche Bedürfnisse keine Rolle. Ich empfinde weder Hunger noch Durst noch Erschöpfung.”
Die Verwunderung des Lord weicht nun offensichtlichem Erstaunen.
“Hast du eine Idee, wie du zurückkommen kannst?”, fragt er mich.
“Ja schon, aber ich weiß nicht, ob das funktioniert. Und es gibt da noch einen anderen Haken.”
Ich erzähle ihm von meiner Idee, das Portal in Joes Haus zu nutzen, um nach Hause zu kommen.
“Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich hindurchgehe”, gestehe ich, “es kann auch schief gehen. Außerdem gibt es da noch das Hundeproblem auf der anderen Seite des Portals in Exeter. Darum solltet ihr euch auch aus anderen Gründen kümmern. Du hast ja meine Nachricht gelesen und weißt um die Dringlichkeit.”
“Daran arbeiten wir”, erwidert der Lord, “darum bin ich auch hier. Ich habe in der Bibliothek nach Informationen zum Ritual ‘Astrale Pfade reinigen’ gesucht, doch meine Zeit hier reicht nicht aus. Aber zu deiner Idee mit dem Portal – es gibt noch ein weiteres, auf Highclere Castle. Es ist nur für wenige Minuten geöffnet, bei Neumond und bei Vollmond.“
“Heute ist Neumond”, stelle ich fest, “wo ist dieses Portal?”
“Auf dem Land von Bauer Frantek. Ich kann es dir zeigen.”

Als wir auf dem Feld ankommen, müssen wir noch einen Moment warten, bis sich der Durchgang öffnet. “Du hast nicht viel Zeit”, mahnt mich der Lord, als es soweit ist. Vieles geht mir durch den Kopf, als ich den wabernden Riss zwischen den Dimensionen durchschreiten will – ein Weg mit völlig unsicherem Ausgang, aber doch zumindest eine Chance. Beherzt trete ich durch das Portal…