客来 Kyakurai – Gäste
Gegen 10:00 sitze ich verschlafen mit Mycroft und dem Lord am Frühstückstisch. Die letzte Nacht war unruhig, geprägt von den subtilen Ängsten und Sorgen, die mein Unterbewusstseins in meine Träume projizierte. Nur halb bewusst nehme ich das Gespräch meiner Freunde wahr.
Mycroft ist in der letzten Nacht in die Traumlande gereist und hatte dort die drei Weisen im Meerschaumturm aufgesucht. Er ist mit neuen Erkenntnisse über die Hunde von Tindalos zurückgekehrt. Die Wesen, die im nicht-euklidischen Raum beheimatet sind, benötigen Ecken und Winkel, um in unseren euklidische Raum wechseln zu können und sie benötigen gerade Flächen, um sich hier fortzubewegen. In den Traumlanden wurden sie bisher nicht gesehen, was die Idee auf den Plan rief, die Kugeln dort aufzubewahren, zumindest vorübergehend. Die Gegenwart der mächtigen Artefakte in den Traumlanden könne andere, noch nicht bekannte Effekte haben. Auch hatte Mycroft erfahren, dass es möglich ist, der Plage durch Zaubersprüche und Rituale Herr zu werden.
Im Moment denken meine Freunde laut darüber nach, die Kugeln im Löschteich auf dem Gelände von Highclere Castle zu versenken. Dort gibt es weit und breit keine Ecken und Winkel noch gerade Flächen, über welche sich der Hund manifestieren und bewegen könnte.
Müde meinen Tee schlürfend lausche ich den Worten meiner Freunde.
“Hat dein Schrein eigentlich Ecken?”, fragt Mycroft mich plötzlich, “wir könnten die Kugeln auch dort lagern.”
Ich bin noch nicht wach genug, um zu begreifen, dass mein Freund gerade zu Späßen aufgelegt ist. Den entsetzte Gesichtsausdruck, mit dem ich seinen Vorschlag quittiere, zollt er mit herzlich schallendem Gelächter. Beruhigend klopft er mir auf die Schulter.
“Keine Sorge, ich habe nur einen Scherz gemacht”, sagt er lachend.
Der Hausdiener teilt mir mit, dass ein Anruf für mich eingegangenen ist. Es ist der Architekt Watson. Er informiert mich, dass die Arbeiten in der Canon Row am Montag beginnen können und dass er heute noch einen seiner Handwerker vorbeischicken würde, um die Schäden auszumessen und das benötigte Material zu kalkulieren. Er bittet mich, vor Ort zu sein, wenn der Mann gegen Mittag einträfe. Nun ist “gegen Mittag” nicht gerade eine präzise Zeitangabe und es ist bereits zwanzig Minuten vor elf, also mache ich mich auf den Weg zu meinem Stadthaus, während meine Freunde sich nach Croydon begeben, um sich des Kugelproblems anzunehmen. Wir verabreden, uns im Hampshire wieder miteinander in Verbindung zu setzen.
Der Fußweg in die Canon Row dauert gute 10 Minuten. Es ist ein sonniger aber kalter Vormittag. Kurz vor elf bin ich da und sehr erfreut, als es bereits wenig später an der Tür klopft. Doch welch Überraschung, als statt des erwarteten Handwerkers ein älterer Herr vor meiner Tür steht, sich höflich vor mir verneigt, mir seine Visitenkarte überreicht und sich als Inspektor Frederick Abberline vorstellt. Ich bin verwundert. Seinem geschätzten Alter nach dürfte der Mann längst im Ruhestand sein.
“Ich bin auf der Suche nach Herrn Okumura”, sagt er.
“Der bin ich”, antworte ich, “was kann ich für Sie tun, Inspektor?”
“Dürfte ich kurz reinkommen und Ihnen ein paar Fragen stellen?”, bittet er.
“Worum geht es denn”, frage ich.
“Um einen ungeklärten Mord in entfernterer Vergangenheit”, erklärt Abberline.
“Gut”, sage ich und bitte den Inspektor ins Haus, “bitte verzeihen Sie, dass es hier so karg aussieht. Ich habe dieses Haus erst gestern erworben und bin noch nicht eingerichtet.”
Abberline winkt ab, überreicht mir stattdessen ein kleines, kunstvoll umhülltes Päckchen. Er hat die japanische Etikette offenbar gründlich studiert, bevor er mich aufgesucht hat. Das macht mich misstrauisch.
Der Inspektor kommt direkt zur Sache.
“Meine Recherchen haben ergeben, dass Sie mit dem Lord of Carnarvon Umgang pflegen. Seit wann kennen Sie sich?”, fragt er.
Ich muss kurz nachdenken. April 1918, da hatte mein Leben begonnen, eine Richtung zu nehmen, die ich zuvor nicht einmal im Ansatz hätte erahnen können.
“Das dürften jetzt fast drei Jahre sein”, antworte ich nachdenklich. Ich bin erstaunt. Ist wirklich schon so viel Zeit vergangen, seit ich meinem alten Freund auf dem Bahnhof von Mito nach zwei Jahrzehnten unverhofft über den Weg gelaufen bin?
Der Inspektor macht sich ein paar Notizen und fragt dann weiter.
“Wie gut kennen Sie den Lord of Carnarvon?”
“Nicht sehr gut”, antworte ich und hoffe, dass ich mein schlechtes Gewissen ob dieser Halblüge einigermaßen verbergen kann. Ich war noch nie besonders gut im Lügen.
“Aber meine Recherchen haben ergeben, dass Sie mit dem Lord of Carnarvon mehrfach gemeinsam auf Reisen gewesen sind”, hakt der Inspektor nach.
“Ich habe bei diesen Reisen einen guten Freund, begleitet”, antworte ich ruhig.
“Aha”, meint der Inspektor, “und wer ist dieser Freund?”
“Das werden Sie aufgrund Ihrer Recherchen sicherlich schon selbst herausgefunden haben”, erwidere ich sehr gefasst. Wenngleich ich weiß, dass ich kein guter Lügner bin, würde ich meinen Freund und Seelenbruder niemals verraten. Abberline gibt sich scheinbar mit meiner Aussage zufrieden. Er lenkt das Gespräch zurück auf den Lord.
“Hat sich das Wesen des Lord of Carnarvon Ihrem Eindruck nach verändert?”, fragt Inspektor Abberline weiter.
“Seit ich ihn kenne nicht”, erwidere ich. Das entspricht der Wahrheit. Er war schon immer irgendwie seltsam.
“Noch eine letzte Frage”, fährt Abberline fort, “kenne Sie eine gewisse Carla di Fiona?”
“Die Opernsängerin?”, frage ich. Der Inspektor nickt.
“Ja, wir sind einander bekannt”, antworte ich.
“Gut, vielen Dank”, beendet der Inspektor die Befragung. Er bittet, bei Bedarf auf mich zurückkommen zu dürfen, was ich erst einmal erlaube.
Als er gegangen ist, blicke ich ihm noch eine Weile nach. Ich habe das Haus erst gestern gekauft und schon klopft die Polizei bei mir. Das ist suspekt. Vielleicht war die Tatsache, dieses Haus endlich verkauft zu haben, nicht der einzige Grund bei Mr. Smiths für seine sichtliche Erleichterung bei der Vertragsunterzeichnung. Wir erregen Aufmerksamkeit, keine Frage, nicht nur die der Götter und anderer außerirdischer Entitäten, auch die der Ermittlungs- und Kriminalbehörden. Falls der Lord mit diesem Mord, in deren Sache Inspektor Abberline ermittelt, irgendetwas zu tun hat, möchte ich es gar nicht wissen. Dennoch werde ich ihn über den Besuch des Inspektors informieren.
Der Handwerker selbst lässt nun tatsächlich noch eine Weile auf sich warten. Erst um 13:30 trifft er ein.
“Tachchen”, begrüßt er mich, “ich soll hier was ausmessen. Mein Chef der Watson schickt mich.“ Er hält mir ein Schriftstück unter die Nase, eine unterschriebene und gestempelte Erklärung, dass der Mann tatsächlich in Mr. Watsons Auftrag hier ist. Ich lasse ihn ein und er beginnt lautstark seiner Arbeit nachzugehen. Nach einer guten Stunde ist er fertig und ich erreiche noch gerade rechtzeitig den 15-Uhr-Zug nach Portsmouth. Von dort lasse ich mich von einem Fahrdienst nach Curdridge bringen.
Kaum zu Hause angekommen, greife ich zum Telefon und lasse mich mit Highclere Castle verbinden. Butler Charles übergibt meinen Anruf an den Lord.
“Ich bin zurück”, erkläre ich ihm, “und ich hatte Besuch von einem Inspektor Abberline. Er hat mir seltsame Fragen über dich gestellt.”
“Danke”, antwortet der Lord knapp und erzählt mir seinerseits, dass er und Mycroft die Kugeln aus Croydon nach Highclere Castle gebracht haben. Mittels einer Substanz, die Mari-chan aus ihren Pilzen extrahieren konnte, wollen sie versuchen, die Artefakte nun so schnell wie möglich in die Traumlande zu verbringen.
Nachdem ich den Anruf beendet habe, begebe ich mich in mein Dōjō und trainiere und übe gut und gerne zwei Stunden. Im Anschluss dusche ich und lege saubere Kleider an, um meiner Königin meine Aufwartung zu machen. Das Sternenlicht des Schreins umfängt mich warm und liebevoll. Ich lasse mich zum Gebet und zur Meditation nieder.
Es dauert nicht lange, bis ich merke, dass mich eine gewisse Schwere umfängt. Ich spüre, wie mein Oberkörper zur Seite kippt und mein Bewusstsein für die physische Welt schwindet. Vor meinen Augen eröffnet sich das Bild des gelben Sees Hali in der malvenfarbenen Wüste. Kuro sitzt wartend an seinem Ufer. Dort, wo meiner Erinnerung nach die gelbe Stadt Carcosa stehen müsste, erhebt sich die schwarze Krähenburg, deren weltliches Pendant sich in Matsumoto befindet.
“Du hast das Schwert gewählt”, höre ich eine vertraute und wohlwollende Stimme, “und damit über deinen weiteren Weg entschieden. Es ist der gefährlichste Weg, vielleicht nicht der weiseste.”
‘Ich bin bereit, meine Königin’, antworte ich in Gedanken.
“Was weißt du über den König in Gelb?”, fragt Kuro.
‚Er wohnt im fernen Sternensystem Aldebaran am Ufer des See Hali in der gelben Stadt Carcosa’, erwidere ich ruhig.
“Hüte dich vor ihm und seinen Schergen”, warnt Kuro, “er verspottet die Menschen und lockt sie mit Flöten und Versprechen.”
Ich will noch fragen, ob es möglich ist, jemanden, der den gelben Pfad erst einmal beschritten hat, den Fängen dessen, der nicht genannt werden darf, wieder zu entreißen, doch bevor ich dazu komme, verblasst die Vision und ich komme völlig kraftlos auf dem Boden meines Schreins liegend zu mir. Mühsam schleppe ich mich die Treppen nach oben in mein Schlafzimmer und falle, ohne mich zu entkleiden, erschöpft auf mein Futon nieder. Sogleich umfängt mich ein tiefer, dunkler und traumloser Schlaf.









